Shit, verdammter Mist etcetera

Shit, verdammter Mist etcetera ; Blog von Jakub Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

In einem österreichischen Roman rastet der französische Gangster aus, nachdem sein Gehilfe einen Mordauftrag verpfuscht hat, und flucht: Merde! Merde! Merde! Was soll der Übersetzer dieses Krimis machen, wenn er den Fluch in dem heute bei uns nicht mehr so geläufigen Französisch für alle Fälle ins Polnische übertragen will?

Nach der Theorie muss er ein kulturelles Äquivalent finden – und eines bietet sich im Polnischen ganz von selbst an. Man hört es auf Schritt und Tritt, bei manch einem fast mit jedem Atemzug, so flüssig geht es über die Lippen, als wäre es schon gar nicht mehr durch Kommata abgeteilt. Weil es ja oft selbst als Komma fungiert…

Dieser Ausdruck [„kurwa“] würde sich sowohl durch die Statistik als auch das häufige Sehen polnischer Filme aufdrängen. Schon hören wir mit unserem inneren Ohr, wie er in der Situation des erwähnten Franzosen den zusammengepressten Lippen unseres Schauspielers Bogusław Linda entweicht. Warum also nicht dieses Wort benutzen?

Die Inflationsspirale

Weil der Ausdruck hier zu vulgär wirken würde. Zu stark, nicht nur für den Charakter des Wortes „merde”, sondern auch für den des Gangsters. Das ist ja kein gewöhnlicher Ganove, sondern der ehemalige Leiter einer Spezialeinheit. Seine Bildung und sein kultureller Hintergrund verbieten ihm die Anwendung von Folter und lassen ihn Simone de Beauvoir und Baudrillard lesen.

Zugleich aber würde das „K-Wort” schwach klingen. So klingt es übrigens schon heute. Nach meinem Empfinden verliert es trotz oder gerade wegen seiner inflationären Verwendung jegliche Kraft. Was so vorhersehbar ist, büßt seine Ausdruckskraft ein. Nach den wirtschaftlichen Grundgesetzen verliert die Währung des Vulgären desto mehr an Bedeutung, je zahlreicher sie in Umlauf gebracht wird.

In ähnlicher Weise entwerten unsere Übersetzer englischsprachiger Filme ein bestimmtes Verb. Wenn ich vor dem Bildschirm höre, dass ein gebildeter Angestellter seiner hochattraktiven Chefin zuruft (mit Verlaub): „Fuck off”, stört mich daran das unangemessen Vulgäre. Kein Mann, der etwas auf sich hält, würde bei uns in Polen so zu Demi Moore sprechen. Aber abgesehen davon ist es mir schade um die Wirkung, die eine abgemilderte und weniger abgedroschene Entgegnung hervorrufen könnte. Und solche bietet das Polnische in Hülle und Fülle. Um gleich die erstbeste zu nennen: Klänge hier nicht stärker (excusez le mot): „Du kannst mich mal…”? 

Andere Länder, andere Unsitten

Wenn es ausdrucksstärker sein soll, reicht es in Übersetzungen je nach gefordertem Stil aus, aus dem überreichen Repertoire unserer Sprache Flüche in der light-Version auszuwählen. Etwa eine eröffnende Wendung wie „Ożeż…“ [Ich könnte dich jetzt wirklich…]. Oder einen aus der Unmenge der katholischen Flüche und unfrommen Wünsche, wie „Zum Teufel nochmal!” oder „Soll dich doch der Schlag treffen”, die der Übersetzer unserem Gangster in den Mund legte.

Zum übersetzerischen Einmaleins gehört wohl auch, dass man für Vulgarismen kreative Entsprechungen findet. Denn nur die Konvention schreibt vor, dass „kurna” oder „kuźwa” höflicher klingt als ihre phonetisch ähnliche Variante. Und dass es in manchen Sprachen (wie dem Deutschen) die menschlichen Ausscheidungsvorgänge sind, die verächtlicher konnotiert werden, und in anderen (wie dem Polnischen) leider die sexuelle Vereinigung. So erkennt man wohl besonders an den Flüchen, dass wir, wenn wir reden, immer auch zugleich bestimmte Verabredungen treffen.

Wenn Poesie, dann mit allem drum und dran

Man sollte also, finde ich, nur nach Analogien suchen, wenn man Deftiges übersetzt. Auch in anspruchsvoller Literatur. In dieser haben sie oft einen tieferen Sinn. Manchmal gerade dadurch, dass sie stilistisch sinnlos erscheinen, wie der Satz in Obsoletki von Justyna Bargielska angesichts eines großen Dramas (noch einmal Entschuldigung): „Verpisst euch, ihr Huren!”. Oder wie der Vers in dem vielzeiligen Gedicht von Durs Grünbein „Schädelbasislektion”: „Diese Scheiß Sterblichkeit”. Ein existenzieller Begriff plus diese vulgäre Silbe – und darin alles Körperliche und Jämmerliche an der conditio humana, die dem Berliner Poeten keine Ruhe lässt.

Das Ende der Geschichte?

Auf seine Weise entspricht das deutsche Wort „Scheiße” auch dem Wort „merde” und dem, das im Polnischen zum Komma geworden ist. Wenn es nur das wäre – auch zum Ausrufezeichen. Treffend vorgeführt hat das Ryszard Krynicki in einem kürzlich entstandenen Haiku: „Straßenbahn, ein Mädchen / verabschiedet sich von ihrer Freundin: / Kurwa, mach´s gut!”

Dieser Fluch ist angeblich im Polnischen der stärkste und zugleich doch auch der schwächste, ein Ausdruck, der alles und nichts ausdrückt. Jeden Moment versucht jemand, mit ihm seine eigenen Worte zu verstärken, bevor diese im Ozean der Mitteilungen aus Kopfhörern, Displays, Monitoren und Lautsprechern versinken. Er versucht es ebenso verzweifelt wie vergeblich.

Es scheint so, als ob es vulgärer nicht mehr geht, als ob die polnische Umgangssprache so tief versinkt, wie nur irgend möglich. Und wenn sie den Grund erreicht hat – dass sie sich nur von ihm abstoßen oder auf ihm bleiben kann. Ist also für unsere Sprache das Ende der Geschichte gekommen? Bis auf weiteres weiß das niemand. Kein polnischer Übersetzer, kein Dichter und auch kein Mädchen aus der Straßenbahn – obwohl die Fortschreibung dieser Geschichte auch von ihnen abhängt.