„Dürfen”, weil „sie“ es erlauben

„Dürfen”, weil „sie“ es erlauben; Blog von Jakub Ekier
© Goethe-Institut | Stanisław Ekier

Ein Oppositioneller in der ehemaligen DDR wurde mit einem „Ausreiseverbot” bestraft, lese ich. Einem Verbot, ins Ausland zu reisen? „Ich durfte nicht in den Westen”, sagt ein anderer. Wurde ihm nicht erlaubt, in den Westen zu fahren? So könnte man das eine wie das andere wörtlich ins Polnische übersetzen.

Allerdings wurden solche naturgemäß ähnlichen Reisebeschränkungen in der DDR und Volkspolen völlig unterschiedlich bezeichnet. Das habe ich verstanden, als ich vor Jahren das Gedicht „weckruf” von Reiner Kunze las, dessen erste Zeilen lauten: „Untersagt worden sei dir / eine reise nach W”. In polnischer Sprache wäre das in jener Zeit so niemals formuliert worden.

Tous les pays du monde

Ein Pole hätte ein solches Verbot oder eine solche Genehmigung nicht abstrakt aufgefasst. Seine Sprache hätte ihm spontan etwas ganz Konkretes auf die Zunge gelegt: jenes schmale Dokument, das auf seinen Seiten – blau wie der Himmel, der zum freien Flug einlud – ein für die damalige Zeit illusionäres Versprechen enthielt: die Formulierung „Tous les pays du monde - für alle Länder der Welt”.

Der polnische Reisepass nährte die Sehnsüchte von Menschen, aus Polen wegzukommen, aber auch die Phraseologie der Sprache. „Verwehrt wurde mir auch diesmal die Gnade/ des Passes” – schrieb in einem Gedicht der siebziger Jahre Stanisław Barańczak. Und im Alltag sagte man: „Sie haben den Pass nicht herausgerückt”. Außer wenn sie ihn – zum eigenen Erstaunen – eben doch herausrückten. „Sie”: dieselben, die in ähnlichen Wendungen jemanden „rausließen” oder auch nicht und die vor manch einem, auch im übertragenen Sinne, die Schranke schlossen.

Natürlich erinnerte man sich an manche „ihrer” Gesichter – wie an das jenes Beamten im ersten Passbüro meines Lebens. Im höhlenartigen Halbdunkel des Raumes in der Grochowska-Straße war der schwarzhaarige Mann mit dem stets offenen Mund permanent damit beschäftigt, die Staatsmacht zu verkörpern, während wir, dicht gedrängt in der Schlange stehend, wie Mitglieder der Urgesellschaft um unsere Existenz kämpften. Mit der Zeit verwischten sich jedoch „ihre” Gesichter, schließlich erschienen sie alle zusammen entrückt wie die Bürokraten des Schlosses, das in Kafkas gleichnamigem Roman über dem Land thronte.

Du darfst nicht

„Sie” existierten schon durch diese Bezeichnung abgegrenzt für sich wie wir für uns. Vielleicht erscheinen in der während der Zeit der Volksrepublik geprägten Terminologie der Ausreisen und Reisepässe deshalb Verbote nur als vorübergehende Niederlagen. Als müsste man jedes Mal von Neuem kämpfen. Diesmal haben sie einen nicht rausgelassen – aber beim nächsten Mal tun sie´s vielleicht doch. Vielleicht übersehen sie ja etwas, oder sie ändern ihre Meinung.

Wie anders klingen dagegen deutsche Wendungen wie „Man hat dir die Ausreise verboten” oder ganz besonders: „Ich durfte nicht”. Wie viel stärker betreffen sie den einzelnen Menschen! Als würde jemand wie der Große Bruder im Roman 1984 mit dem Kopf schütteln und ein endgültiges „Du darfst nicht!” verkünden. Als würde dieser jemand über eine konkrete Person (oder schlimmer noch, über eine im Orwellschen Sinne in Ungnade gefallene „Unperson”), nachdem er ihr ins Gesicht gesehen hat, ein unwiderrufliches Verbot verhängen.

Gute Frage ohne eine gute Antwort

Doch woher rührt dieser Unterschied in den beiden Sprachen? Die ehemaligen DDR-Oppositionellen, deren Äußerungen ich gerade lese, sagen übereinstimmend, die Freiheit sei damals in Polen größer gewesen. Der Historiker wird nicken und betonen, dass man Volkspolen leichter verlassen konnte als die DDR. Und dass natürlich die Stasi das Leben ihrer Bürger noch rücksichtsloser und tiefgreifender durchdrang als der polnische Staatssicherheitsdienst. Hinter der Elbe war der Große Bruder noch wachsamer.

Jeder, der des Deutschen einigermaßen mächtig ist, wird jedoch erkennen, dass diese unterschiedlichen Bezeichnungen nicht durch die Realitäten der Nachkriegszeit bedingt sind. Dass schon viel früher „etwas nicht dürfen” ein Verbot von außen ausdrücken konnte und dass unsere deutschen Nachbarn über jemanden, dem etwas „befohlen” wurde, manchmal sagen: „er musste”. Als hätten die deutschen Modalverben einen äußeren Zwang gleichsam verinnerlicht.

Da stellt sich natürlich die Frage, was zuerst da war: das Ei der Sprache oder die Henne der Mentalität? Für das Ei würden manche linuistischen Theorien sprechen, etwa die These von Benjamin Lee Whorf, dass eine Sprache immer über die Gedanken bestimmt, in der diese entstehen. Für die Henne spräche die unterschiedliche Geschichte der Gesellschaften auf beiden Seiten der Grenze.

Aber von da aus ist es nur ein kleiner Schritt, um an Nationaleigenschaften zu glauben. Dass „bei denen“ ein Befehl ein Befehl ist und „bei uns“ die große Freiheit herrscht. Nur ein kleiner Schritt hin zu den Verallgemeinerungen. Dahin, um sich das Pronomen „wir” wie einen Orden an die Brust zu heften. Das aber darf ich nicht. Das wurde mir verboten. Von meiner inneren Stimme.