Polnische Wirtschaft oder Ordnung muss sein ‒ aber welche?

© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski
© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski

Leben ist Chaos und die Sprache ein Mittel, dieses Chaos zu zähmen und zu ordnen. Dabei schafft jede Sprache eigene Ordnungen und Weltmodelle. Übersetzen ist daher immer auch eine – zuweilen irritierende, oft erhellende – Konfrontation mit unterschiedlichen Ordnungsbegriffen. Zumal in der Lyrik, die der Sprache mit Metren, Reimschemata, Strophen- und Gedichtformen zusätzliche Ordnungen aufpfropft. Diese haben wie Wörter oder Orte eine Geschichte oder bestimmte Implikationen, die es in der Übersetzung zu berücksichtigen gilt.

Etwa die Strophenform der Stanze (poln. ‚oktawa’), auf die Tomasz Różycki in den Gedichten seines Bandes Księga obrotów (Buch der Umsätze, Kraków 2010) zurückgreift. Die ursprüngliche Stanze umfasst acht elfsilbige Verse mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c, sie war in der italienischen Versepik populär und fand durch Übersetzungen von Ariosts Orlando furioso und Torquato Tassos La Gerusalemme liberata ihren Weg ins Deutsche und Polnische. Die standardmäßige deutsche Form findet sich etwa in der „Zueignung“ zu Goethes Faust: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.“ In Polen gilt Juliusz Słowackis Versepos Beniowski als exemplarisch: „Za panowania Króla Stanisława / Mieszkał ubogi szlachcic na Podolu […]“.
 
Allerdings sind polnische und deutsche Stanze nicht identisch: Die polnische Stanze besteht aus elfsilbigen Versen mit weiblicher Kadenz. Die deutsche Stanze besteht aus fünfhebigen Jamben mit einer eindeutig festgelegten Verteilung von betonten und unbetonten Silben sowie einer klaren Zuordnung von weiblichen (Reime a und c) und männlichen (Reim b) Kadenzen. Nehmen wir eine Strophe aus Słowackis Beniowski – zunächst im Original (3. Buch, Verse 473-480), betonte Silben sind unterstrichen:
                Z płaczem mówiła: jak w dębosza
                               Wlazła przed wrogów okrutnych pogonią,
                Jakie tam miało być z niej auto-da-fe,
                               Jak nie pamiętał nikt i nie dbał o nią. ‒‒
                (O! horror! trzeci rym jest na żyrafę!
                               Muzy żałosne łzy nade mną ronią,
                Bo Muzy wiedzą, jakie do łez prawo
                Ma wieszcz piszący poemat oktawą.)
 
Und nun die Übersetzung von Hans-Peter Hoelscher-Obermaier, der den gesamten Beniowski fulminant ins Deutsche übertragen hat:
                 Sprach weinend, wie ins Eichen-Separée,
                               Vom grimmen Feind gejagt, sie heimlich schlich,
                Wo ihr bestimmt ein Baum-Auto-da-,
                               Und keiner dachte ihrer, sorgte sich
                (O Schreck! Als dritter Reim bleibt nur ‚Ca’!
                               Die Musen weinen bitter über mich:
                Sie wissen, wie’s zu Tränen sie verpflichtet,
                               Wenn der Poet ein Werk in Stanzen dichtet.)
 
Bereits ein Blick auf die Versanfänge, die Zahl betonter Silben pro Vers und die Verteilung betonter und unbetonter Silben belegt die größere Variabilität des Polnischen gegenüber dem Deutschen – das polnische Verssystem zählt nur die Silben, nicht die Betonungen und lässt Dichtern daher größeren metrischen und rhythmischen Spielraum. Die Reime des Originals deuten überdies an, dass das Polnische eine größere Toleranz für phonetische Varianten (szafę – autodafe – żyrafę, prawo – oktawą) aufweist.
 
Die Übersetzung Hoelscher-Obermaiers erfüllt alle formalen Ansprüche der deutschen Stanze. Sie offenbart aber, welche Opfer die Fokussierung auf das vorgegebene Metrum und Reimschema in syntaktischer und semantischer Hinsicht verlangt: Die anaphorische Reihung der ersten Halbstrophe („jak – jakie – jak“) lässt sich nicht halten, aus der „Giraffe“ des Originals wird – wenig schmerzlich, aber doch – in der Übersetzung ein „Café“. Ein weiteres Manko ist weniger offensichtlich, aber der deutschen Versrede stets innewohnend: Das metrische Gleichmaß verleitet zum Herunterleiern oder gar dumpfen Skandieren.
 
Die Beniowski-Stelle lässt zwei Tendenzen erkennen, die jede deutsch-polnische Übersetzung von gebundener Verssprache zur Herausforderung werden lässt: den polnischen Freiheitsdrang und das deutsche Streben nach umfassender Ordnung. Im Falle von Różyckis Stanzen wird dieser Gegensatz noch augenfälliger. Ein Beispiel? Das Gedicht Guadalkiwir (dla S.):
                I się przyśniło, że bywa w Kordobie,
                idzie tym mostem, Gwadalkiwir kwili
                i pomarańcze kwitną, i tak mocno
                mu pachnie wieczór i jęk motocykli
                gdzieś koło ucha bzyka. Już go dotknął
                ten urok i już przepadł. Już pomylił
                znowu te alkohole: ten w kieliszku
                i ten drugi na zewnątrz, co tak szybko
               
                wchodzi do krwi. I szumi ciepłe miasto,
                i kobiety mu zaraz powpadają w oko
                i się tak kręcić, drażnić
                przez całą noc. I znów mu się alkohol
                pomiesza, miłość wleje do rozpaczy,
                i znów ominie siedem razy hotel
                i w alkazarze do rana znowu
                dzie go bujał słowik, stróż ogrodu.
               
Und eine vorläufige Übersetzung ins Deutsche:
                Im Traum hat’s ihn nach Cordoba verschlagen,
                auf diese Brücke, der Guadalquivir
                singt ihm ein Lied, es blühen die Orangen,
                der Abend duftet, Motoradgesirr
                umschwirrt sein Ohr. Er ist verlorn, verfallen
                dem Zauber schon, zudem schon ganz verwirrt,
                vertauscht den Alkohol: zum Trinken den
                und jenen für die Haut, der unversehns
               
                ins Blut geht. Und es rauscht die Stadt, die warme,
                und Frauen fallen ihm sofort ins Auge
                und drehn sich um nach ihm, das wird ihn plagen
                die ganze Nacht hindurch. Und wieder braust ihm
                der Alkohol im Kopf, mischt Lieb’ und Jammer,
                und sieben Mal wird ums Hotel er laufen,
                und im Alcázar wiegt bis in die Frühe
                die Nachtigall ihn, die den Garten hütet.
               
 
Bei Różycki variiert die Zahl der betonten Silben pro Vers zwischen vier und fünf (in anderen Gedichten sind es bis zu sechs). Der zweite Vers der zweiten Strophe ist hinsichtlich der Gesamtsilbenzahl ein dichterisches liberum veto – dreizehn statt elf. Und was die Reime angeht – polnische Wirtschaft at its best, zumindest für deutsche Ohren! Allenfalls Assonanzen lassen die traditionelle Strophenform aufscheinen. Andererseits nutzt Różycki poetische Verfahren, wie sie auch in freien Versen anzutreffen sind: die Häufung gleicher Laute („Guadalkiwir kwili / i pomarańcze kwitną“, „w alkazarze aż do rana“) und eine sprachliche Rhythmisierung jenseits fester Metren.
 
In gewisser Weise sind Różyckis Stanzen freie Verse, welche die tradierte Form eher ironisch zitieren als wiederbeleben. Angesichts dessen wirkt die deutsche Stanze trotz ihrer romanischen Abstammung geradezu preußisch, ein Ausfluss deutscher Regulierungswut. Somit stellt sich hier – womöglich stärker noch als bei der Übertragung von gebundener Verssprache ohnehin – die Frage, ob eine formadäquate Übersetzung dem Geist der Texte gerecht werden kann. Zugleich sind die Form und das Spiel mit der Form aber ein wesentlicher Bestandteil von Różyckis Lyrik. Eine gelungene Übersetzung seiner Stanzen müsste also polnische Freiheitsliebe mit deutschem Ordnungsbedürfnis versöhnen. Und besäße damit utopisches Potenzial über die Grenzen der Literatur hinaus.