Sprachkarneval oder Fremdschreiben (Selbstexperiment)

© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski
© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski

Ich habe mir ein Selbstexperiment erlaubt, indem ich polnisch dieses Web-Feuilleton fremdgeschrieben habe. Und ich bin sehr gespannt, wie es sich in Ryszard Wojnakowskis deutscher Fremdübersetzung präsentieren wird.

„Parce qu’en français, c’est plus facile d’ecrire sans style.“
(Erklärung von Samuel Beckett, warum er als Ire lieber französisch schreibt)
 „It sounds like a bad translation from his own French.“
(Arnold Kettle nach der englischen Uraufführung von Waiting for Godot)
 
Es gibt verschiedene Gründe, um in der Nicht-Muttersprache zu schreiben, verschiedenartig sind ebenfalls schriftstellerische Gefühle, die damit zusammenhängen. Vladimir Nabokov hat den Wechsel zur englischen Sprache mit dem Verlust der Finger, demzufolge man alle täglichen Handgriffe neu erlernen muss, verglichen. Für Samuel Beckett wiederum war das Schreiben in Französisch eine Befreiung vom Ballast der Assoziationen und Optionen der Muttersprache.

Auch unter den jüngeren und jüngsten Schriftstellern finden sich solche, die in einer anderen als die Muttersprache schreiben. In Deutschland gibt es sogar für sie einen eigenen – den Chamisso-Preis. 2009 wurde mit ihm z.B. Artur Becker ausgezeichnet, also ein Schriftsteller, der sich tapfer eine verspielte, mitunter sogar bachtinartige karnevalistische Dimension des Fremdschreibens zunutze macht. Schriftsteller seiner Art behandeln ziemlich nachlässig die Regeln der für sie neuen Sprache, gerne nehmen sie deren wortbildende Möglichkeiten wahr, beleben vergessene etymologische Beziehungen oder stellen auf eine andere Art und Weise die Sprache und damit auch die Welt auf den Kopf. Was aber für die Beckers dieser Welt die neue Sprache vertraut macht, erscheint für die einheimischen Leser als eine Entfremdung ‒ sie werden gezwungen, mit neuen Augen die eigene Sprache, die ihnen halbwegs aus den Händen entrissen wurde, anzuschauen.

Die Übersetzung solcher Texte stellt eine ziemliche Schwierigkeit dar, möglicherweise sogar für Schriftsteller, die selbst ihre Werke übertragen (wie Beckett En attendant Godot ins Englische oder Nabokov Lolita ins Russische). Ich erinnere mich an ein Werkstattgespräch über das Buch u.d.T. Der Spieler der inneren Stunde (polnisch wörtlich „Gracz wewnętrznej godziny”), das deutsch von der im heutigen Kroatien geborenen Marica Bodrožić verfasst wurde. Eine Kollegin hat ein Fragemnt ihrer polnischen Übersetzung präsentiert. Nachdem einige Fragmente des Originals vorgelesen worden waren, fing eine verbissene Debatte an – nicht über die Übersetzung, sondern über die sprachlichen Unkorrektheiten, die in ihr vorkamen. Einige von uns, darunter mich, haben diese Unkorrektheiten gestört, andere erklärten sie mit der schöpferischen, sogar poetischen Einstellung der Autorin zur deutschen Sprache.

An diese Diskussion, die vor mehreren Jahren stattgefunden hat, habe ich mich erinnert, als ich vor einiger Zeit den Essay von Katja Petrowskaja (polnisch: Katia Petrowska), einer Schriftstellerin, die im sowjetischen Kiew geboren wurde, gelesen habe. Sie erzählt von einem Treffen mit den Übersetzern, die sich mit dem „fremden Deutsch“ ihres Buches Vielleicht Esther (polnisch Może Estera) abmühten. Petrowskaja schreibt: „...doch ich kann nur fast Deutsch, die Worte sitzen oft nicht ganz bequem an ihrem Platz, sie zittern leicht, als würde die Sprache nach etwas verlangen.” „In Wahrheit nämlich ist schon der deutsche Text meines Buches eine Übersetzung […], das Original fehlt leider, es hätte auf Russisch geschrieben werden müssen oder in beiden Sprachen gemischt”, eine Schlüsselrolle spielt also „die Spannung zwischen den Sprachen”. Das verleitet die finnische Übersetzerin zum folgenden Schluss: „Dann müssen wir uns von unserer eigenen Sprache entfremden.”

Na eben. So war auch die Schlussfolgerung unserer Werkstattdebatte über Marica Bodrožić. Wie soll man aber handeln, damit das Resultat nicht künstlich erscheint? Letztendlich sind wir noch weiter gegangen, indem wir als den besten Übersetzer solcher Texte jemanden befunden haben, der die Zielsprache nicht mit der Muttermilch eingesogen, sondern erst erlernt hat und mit der gleichen Freiheit und Mut verschiedene mehr oder weniger legale Sprachhandlungen bewerkstelligen könnte. Also die Karnevalisierung mit der Karnevalisierung beantworten.

Bislang hatte ich aber noch keine Gelegenheit gehabt, zu prüfen, wie es in der Praxis ausschauen könnte. Ich habe mir also ein Selbstexperiment erlaubt, indem ich polnisch dieses leicht verkarnevalisierte Web-Feuilleton fremdgeschrieben habe. Und ich bin sehr gespannt (entschuldige, Ryszard, dass ich Dir zusätzliche Mühe bereite), wie es sich in der Fremdübersetzung präsentieren wird.