Diamanten hervorbringen
Wettbewerb „Diamantenschliff“

Ausbildungsmöglichkeiten für Fachübersetzer, beeidigte Übersetzer und Konferenzübersetzer gibt es reichlich – im Gegensatz zu entsprechenden Angeboten für Literaturübersetzer. Es herrscht die allgemeine Ansicht, dass literarisches Übersetzen nicht gelernt werden kann.

„Entweder man hat das gewisse Etwas oder nicht“, „Literaturübersetzungen sind Kunst, und wie man Kunst schafft, kann man nicht an einer Universität lernen“.  Solche oder ähnliche Sätze, die oft unreflektiert wiederholt werden, verdeutlichen sehr gut eine bestimmte Einstellung zum Thema der Ausbildung von Literaturübersetzern.
 
Kann man literarisches Übersetzen wirklich nicht lernen? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Auf jeden Fall sollte man gewisse Voraussetzungen mitbringen.
 

LESEN, LESEN, LESEN

Literaturübersetzer müssen besessene Leser sein, leidenschaftliche Konsumenten des geschriebenen Wortes in all seinen Schattierungen. Sie sollten nicht nur den Stil von Thomas Mann kennen, sondern auch wissen, wie man auf der Straße spricht und welche Sprache in der Politik, in der Werbung und in sozialen Netzwerken verwendet wird. Sie müssen Sprachdetektive sein. Die Hand am Puls haben. Lesen, lesen, lesen. Alles, was ihnen zwischen die Finger kommt.
 

TALENT

Außerdem brauchen sie eben doch … das gewisse Etwas. Die bedeutende Übersetzerin deutscher Literatur Sława Lisiecka sagt, Literaturübersetzer seien verhinderte Schriftsteller. Da ist sicherlich etwas dran. Manchmal sogar richtige Schriftsteller, schließlich betätigen sich auch zahlreiche bekannte Autoren nebenbei als Übersetzer, und das durchaus mit Erfolg. Eines ist sicher: Um fremdsprachige Literatur in die eigene Muttersprache zu übersetzen, benötigt man eine gewisse Sprachbegabung, literarisches Talent und den göttlichen Funken – eben das gewisse Etwas.
 

TALENT – UND WAS WEITER?

Mit dem Talent ist es bekanntermaßen so eine Sache. Wenn es nicht gefördert und gepflegt wird, verkümmert es. Eben deshalb ist der nächste Schritt das Erlernen des „Handwerks“, die mühevolle tägliche Arbeit am Wort. Ebenso wie für Schriftsteller gilt auch für Literaturübersetzer der Grundsatz, dass Erfolg zu 20 Prozent aus Talent und zu 80 Prozent aus harter Arbeit besteht. Doch jedes Talent muss zunächst erkannt und gefördert werden, muss eine Chance erhalten, sich zu bewähren.
 
Eben diesen Gedanken – das HERVORBRINGEN von Talenten – hatte Regina Anhut-Frahm, die Initiatorin des Wettbewerbs „Diamantenschliff“ für junge Übersetzer und Übersetzerinnen deutscher Literatur, der im Januar 2015 entschieden wurde. Bevor sie Leiterin der Bibliothek des Goethe-Instituts Warschau wurde, war Regina Anhut-Frahm im Goethe-Institut in Kiew tätig, das zahlreiche sehr erfolgreiche Programme zur Förderung von Übersetzern anbietet. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Idee, einen Wettbewerb für junge polnische Übersetzer ins Leben zu rufen. „Ich war neugierig, wer daran teilnehmen würde, aus welchen Bereichen die Menschen kommen, die sich an literarischen Übersetzungen versuchen – und vor allem wollte ich die Übersetzer für eine Zeit lang von ihren Schreibtischen wegholen, sie aus der Isolation befreien und ein Netz von Kontakten aufbauen“, erklärt Regina Anhut-Frahm.
 
Der Wettbewerb „Diamantenschliff“ wird vom Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum Warschau und der Universität Łódź organisiert. Er richtet sich an Übersetzer, die am Beginn ihrer Karriere stehen, jedoch bereits erste Übersetzungen veröffentlicht haben. Die Jury, bestehend aus den Übersetzern Ryszard Turczyn, Maria Przybyłowska und Karolina Kuszyk, wählte die sechs besten Übersetzungen aus. Die Preisträgerinnen waren Krystyna Schmidt, Ewa Mikulska-Frindo, Kaja Puto, Anna Maria Władyka, Irena Dębek und Anna Bień.

Nähere Informationen über den Wettbewerb