Herbert H. Schultes im Gespräch Ein Meister alter Schule

Herbert H. Schultes ist Teil deutscher Designgeschichte. Einige seiner Entwürfe stehen in Museen. Er erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise. Am 31. Oktober 2013 wird Schultes 75 – Anlass für einen Studio-Besuch in München.

Herbert H. Schultes Herbert H. Schultes | Foto: Sigi Hengstenberg 1938 geboren, zählt der Industrial Designer zur Generation von Richard Sapper und Dieter Rams. Nach einem Ingenieur- und Designstudium in München gründete er 1967 zusammen mit Norbert Schlagheck ein Büro, arbeitete unter anderem für Agfa, Atomic, Bulthaup, Classicon, Osram. Ab 1985 war er Chefdesigner bei Siemens, bis 1999 die Abteilung ausgegliedert wurde. Daraus entwickelte sich die Designagentur designafairs. Schultes setzte sich vielfältig für die Förderung des Designs ein.

Herr Schultes, an welchen Ihrer Entwürfe denken Sie besonders gerne?

In meinem ersten Studio Schlagheck Schultes Design, das ich mit Norbert Schlagheck führte, haben wir zehn Jahre lang „Sport gemacht“: zum Beispiel die Marker-Skibindung M40, bestehend aus einem weißen Gehäuse mit vielen Facetten und signifikanten schwarzen Buchstaben, wie man sie von US-Football-Shirts kennt.

Was war das Besondere daran?

Die M40 war wohl die erste Skibindung überhaupt, die ein Industrial Design-Büro entworfen hat. Davor glichen Skibindungen eher Schraubstöcken. Und obwohl wir eher minimalistisch arbeiteten, fanden wir die großen schwarzen Buchstaben richtig gut, sie übernahmen eine psychologische Funktion.
Skibindung Marker, Schlagheck Schultes Design Skibindung Marker, Schlagheck Schultes Design | Foto: Helga Fössel Inwiefern?

Es wird ein sportliches Flair erzeugt, denn die Assoziation zu US-Football-Spielern hat ja eine atmosphärische Wirkung. Unser Entwurf brachte das Unternehmen Marker wieder nach vorne – und uns viele neue Aufträge: Surfboards- und Surf-Accessoires für HiFly, Ski, Schuhe und Langlaufstöcke für Trak, Skistiefel für Dynafit, Tennisschläger für Kneissl. Auch Kindergummistiefel für die Marke Elefanten, welche die Form heutiger Joggingschuhe vorwegnahmen.

Ein weites Spektrum.

Wir haben uns nie mit Möbeln oder Autos beschäftigt – wir sind angetreten, das klassische Industriedesign nach vorn zu bringen. Uns hat die Großserie interessiert, die Massenfertigung.

Surfboard, HiFly, Schlagheck Schultes Design Surfboard, HiFly, Schlagheck Schultes Design | © Was stand hinter der Idee, Industriedesigner zu sein: ein demokratischer Gedanke und gutes Design für viele zu machen?

Ja, das wirkt im Nachhinein immer so verklärt. Angefangen hat unser Metier mit der Industrialisierung in England, mit dem Entstehen von Maschinen. Die mussten ja ebenfalls gestaltet werden, was anfangs auf Hilflosigkeit stieß. Man fragte bei Architekten an, ob sie zum Beispiel Pleuelstangen von Dampfmaschinen gestalten könnten. Was dabei herauskam, ähnelte griechischen Säulen. Später nahmen sich John Ruskin und William Morrison der neuen Disziplin an. Sie gelten als die Pioniere des Industriedesigns.

Telefonstudien, Entwurf entstand unter der Leitung H. Schultes als Chefdesigner für die Siemens AG Telefonstudien, Entwurf entstand unter der Leitung H. Schultes als Chefdesigner für die Siemens AG | Foto: Thomas Koller Mit dem Industriedesign entstand der Diskurs um richtig oder falsch, um schön oder hässlich.

Antworten auf diese Fragen habe ich mir abgewöhnt. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es in diesem Zusammenhang falsch oder richtig gibt. Aber es gibt gute oder schlechte Qualität, darüber lässt sich streiten. Und manchmal wird gutes Design durch einen bewusst gesetzten Bruch noch besser.

Ein Beispiel?

Als wir 1978 die Kamera Optima 1035 für Agfa-Gevaert entwickelten – sie wurde circa eine Million Mal produziert –, entwarfen wir ein komplett schwarzes Gehäuse. Nur der Auslöser hebt sich in Form eines großen, roten Punktes, dem Sensor, davon ab. Das war ganz klar ein Bruch der minimalistischen Form. Und nebenbei eine frühe Form der intuitiven Benutzerführung von heute.
Optima 1035 Agfa, Schlagheck Schultes Design Optima 1035 Agfa, Schlagheck Schultes Design | Foto: Tom Vack Sie haben 1985 Ihr Büro aufgegeben und 15 Jahre das Gesicht der Firma Siemens geprägt. Worin bestand die Aufgabe dort?

Es ging darum, eine neue Corporate Identity für eines der weltgrößten Unternehmen zu schaffen und die Marke visuell zu erneuern und der Zeit anzupassen. Siemens war ursprünglich in sechs große Unternehmensbereiche eingeteilt, aus denen sich später 16 Geschäftsbereiche entwickelten. Bei meinem Vorgänger Edwin Schricker existierten noch über 240 Unternehmensfarben, die er im Zuge einer Vereinheitlichung in wenige Haupt- und Kombinationsfarben verringerte. Dies führte allerdings dazu, dass unterschiedliche Produkte wie ein Telefon, ein Zahnarztbehandlungsplatz oder eine Kaffeemaschine in der gleichen Farbigkeit gehalten waren. Um den Geschäftsbereichen ein eigenständiges Erscheinungsbild zu ermöglichen, haben wir segmenttypische Farben und Formelemente entwickelt. Die unterschiedlichen Produkte sollten eigene Persönlichkeit haben, aber auch erkennbar der Siemens-Familie zugehören. Diese hochkomplexe Gestaltungsaufgabe dauerte mehr als drei Jahre.

ICE3 Cockpit, Entwurf entstand unter der Leitung H. Schultes, Chefdesigner für die Siemens AG ICE3 Cockpit, Entwurf entstand unter der Leitung H. Schultes, Chefdesigner für die Siemens AG | © Sie entstammen geistig der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die die Haltung über die Ästhetik stellt. Das steht im Kontrast zum heute verbreiteten Egomarketing und Branding.

Früher wurden die Designer selten genannt. In den großen Unternehmen waren sie nahezu anonym. In erster Linie ging es um die gute Gestaltung.

Zudem wird der Begriff Design heute geradezu inflationär gehandelt.

Ja, zu meinem Leidwesen. Inzwischen gibt es Nail-, Food-, und Floristik-Design, Designer-Jeans, Designer-Möbel, Designer-Brillen. Das ist Unsinn. Ich bevorzuge einen traditionellen Begriff: Die Gestaltung. Das ist das Wort der Vergangenheit. Und der Zukunft!

System 20, bulthaup, Entwurf unter H. Schultes, 1997 System 20, bulthaup, Entwurf unter H. Schultes, 1997 | Foto: Rudi Schmutz jr. Worin bestehen heutige Herausforderungen an das Design?

Da ist an erster Stelle der Aspekt der Ökologie zu nennen. Genau hierzu habe ich bereits 1996 das Konzept des „Design light“ entwickelt: Das reicht vom Einsparen von Gewicht und Transportkosten, bis hin zum Schonen der Ressourcen. Und auch, dass ein Produkt lange auf dem Markt bestehen kann, bevor es im Müll landet, ist grundlegend.

Was geben Sie heutigen Jungdesignern mit auf den Weg?

Wenn man gut im Design sein will, muss man sich ganz für die visuelle Welt interessieren: Kino, Schauspiel, Oper, Architektur, Mode, Bildhauerei und Malerei.

„Korpus“ Stühle, bulthaup, Entwurf H. Schultes „Korpus“ Stühle, bulthaup, Entwurf H. Schultes | Foto: Rudi Schmutz jr. Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

Keinen. Früher umso mehr, ich wollte ja ursprünglich Filmemacher werden. Denn da geht es – ebenso wie bei gutem Design – darum, gute Geschichten zu erzählen.