DMY-Festival 2013 Frisch und fantasievoll – polnisches Design

Die bisher größte Ausstellung jungen polnischen Designs im Ausland war während des DMY-International Design Festivals in Berlin zu sehen. Fazit: Mit seinen modernen Entwürfen ist Polen in der internationalen Designszene angekommen.

Ola Mirecka: „Lava Lemonade“ Ola Mirecka: „Lava Lemonade“ | Foto: dmy-berlin.com Ein Baum aus Warschau stand beim DMY-Festival mitten im Hangar zwei des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Allerdings kein echter Baum, sondern ein Baum-Mobile des Architekten und Künstlers Jakub Szczęsny. Traum von Warschau hieß diese große Installation, die 28 gezeichnete Motive der Stadt in Variationen als abnehmbare „Blätter“ in ihrer Krone trug, und damit schon von weitem auf den Länderfokus Polen aufmerksam machte. Nach dem Festival wurden die Blätter an die Kinder der Besucher verteilt, die damit ein Stück Polen mit nach Hause nahmen. Das konnten, zumindest visuell, auch die rund 20.000 erwachsenen Besucher des DMY, die sich die Arbeiten der über 40 einzelnen Designer, Kooperationen, Hochschulen und Studios des Länderschwerpunkts aus Polen angeschaut hatten.

Polen hat kräftig aufgeholt

Knockoutdesign: „Shinoi“ Knockoutdesign: „Shinoi“ | Foto: dmy-berlin.com Polen überzeugte dabei mit einer Mischung aus gutem Produktdesign und frischen Ideen. Dass es problemlos mit den bisherigen Länderpartnern des DMY – immerhin Designschwergewichten wie Finnland oder der Schweiz –, mithalten konnte, überraschte DMY-Kurator Ake Rudolf nicht. Zwar sei Polen lange Zeit nicht in erster Linie mit Design in Verbindung gebracht worden, habe aber in den vergangenen 20 Jahren kräftig aufgeholt und zu den europäischen Nachbarn aufgeschlossen: „Wir lesen alle die gleichen Magazine, sehen die gleichen Serien, sind im gleichen Internet unterwegs. Wenn ich also nach einem Unterschied zwischen polnischem und zum Beispiel deutschen Produktdesign gefragt werde, kann ich nur sagen – die Unterschiede sind mittlerweile so gering, wie die zwischen Finnland und Deutschland.“

Tabanda: „Diago“ Tabanda: „Diago“ | Foto: dmy-berlin.com Das war beim DMY auch zu sehen. Seien es die farbenfrohen Stuhl-Interpretationen des Studios Tabanda, die hübschen zum Spielzeug umfunktionierten Haushaltsgegenstände von Bartosz Mucha oder die Limonadenbar-Installation von Ola Mirecka – polnisches Design präsentierte sich als modern und ideenreich. Dazu kommt die Handwerks-Tradition der Polen, die von den jungen Designern aufgegriffen wird, und auf der viele Entwürfe aufbauen. Das beste Beispiel dafür sind die bekannten Metallblech-Stuhlserien von Oskar Zięta. Seine aufgeploppten Hocker sind in ihrer Struktur schlicht, in ihrer Wirkung aber umwerfend. Zięta hat sich über viele Materialstudien an diese Wirkung herangetastet und spielt jetzt souverän mit Material und Design. Er kann wohl als einer der wichtigsten Designer seiner Generation in Polen bezeichnet werden. Seine Arbeiten gelten gerade im Bereich Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit als wegweisend.

Gezeigt wurde das moderne Polen

Nikodem Szpunar: „Work/ Leisure/ Play“ Nikodem Szpunar: „Work/ Leisure/ Play“ | Foto: dmy-berlin.com Wenn also überhaupt nach Unterschieden zu klassischen Designländern gesucht werden muss, könnte man sie vielleicht in dem spielerischen Umgang mit Materialien und Motiven auf Grundlage einer soliden Handwerkstradition finden. Auch der charmante, ironische Twist, der die Spielzeugautos aus Haushaltsbürsten von Bartosz Mucha kennzeichnet, kann als typisch für polnisches Design gelten.

Noti/ Balma: „Trefle/ H2“ Noti/ Balma: „Trefle/ H2“ | Foto: dmy-berlin.com Marcin Zastrożny, der für das polnische Institut Berlin den Länderschwerpunkt beim DMY mitorganisiert hat, freut sich jedenfalls, dass sich Polen bei dem Festival als ein modernes Land mit einem zeitgenössischen Verständnis von Produktdesign zeigen konnte. „Wir haben das heutige Polen vorgestellt, nicht das der Vergangenheit.“

Polnische Design-Kunst im Wandel der Zeit

Knockoutdesign: „Shinoi“ Knockoutdesign: „Shinoi“ | Foto: dmy-berlin.com Im sozialistischen Polen bestand kein ausgeprägtes Interesse an der angewandten Kunst Design. Film, Literatur oder Theater waren traditionell höher angesehen. Marcin Zastrożny weiß warum: „Film und Literatur waren während des Sozialismus Möglichkeiten, Botschaften zu transportieren. Sie waren voller Subtext und Anspielungen. Design war in diesem Bereich gar nicht auf der Agenda der meisten Polen.“ Eine Ausnahme stellte der Bereich Grafikdesign dar – dort hatte sich die Plakatschule Polens ab den 1950er-Jahren auch international einen guten Ruf erworben. Mittels stilisierter Verknappung konnte sie immer wieder erfolgreich die Vorgaben des sozialistischen Realismus an seine Künstler unterlaufen. Nach 1989 musste sich die Plakatkunst jedoch von einer eigenständigen Kunstform im Kulturbereich hin zu einer marktgerechneten, werbeorientierten Dienstleistung wandeln. Damit war sie nicht allein. Generell sortierten sich die Künste in Polen neu. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen innerhalb des Landes führten dabei zu einer anderen Gewichtung, auch zugunsten des Designs. Wirklich spürbar wurde dies seit dem Jahr 2000, als zeitgleich die Wirtschaft anzog und sich der Binnenmarkt für schön gestaltete Möbel, Lampen oder Stühle kontinuierlich erweiterte.

Stärkerer internationaler Austausch

Oskar Zięta: „3+ Collection“ Oskar Zięta: „3+ Collection“ | Foto: dmy-berlin.com Zudem internationalisiert sich die junge Designszene zunehmend, Studierende aus den Kreativmetropolen Warschau, Krakau, Danzig und dem Ausland tauschen sich verstärkt aus. Die Limonadenbar-Erfinderin Ola Mirecka arbeitet beispielsweise in England. Nicht als einzige polnische Künstlerin beim DMY liegt ihr Lebensmittelpunkt im Ausland. Die junge Designergeneration hat ihren Horizont durch Studienaufenthalte erweitert und sieht gerade in dieser Erfahrung eine große Chance für das polnische Design – wenn es denn seine Kontinuität in Handwerk und Produktion bewahren kann und sich weiterhin so aufgeschlossen gegenüber Neuem zeigt.