Wohnstudie 2012 Wie wohnen die Deutschen?

Offene Grundrisse, Wohnküchen oder kombinierte Wohn- und Arbeitswelten? Was Wohnzeitschriften als Trends vorgeben, hat mit der Realität so gut wie nichts zu tun. Das belegt eine aktuelle Studie, die das Wohnverhalten der Deutschen untersucht hat.

2011_studimo 2011_studimo | © interlübke Wie richten sich die Deutschen ein? Welches ist ihr Lieblingszimmer? Welche Kriterien sind beim Möbelkauf entscheidend? Diese und andere Fragen beantwortet eine repräsentative Wohnstudie, die vom TNS-Emnid-Institut im Auftrag des Möbelherstellers Interlübke durchgeführt wurde. Dazu wurden 1.000 Personen ab 14 Jahren befragt. Die zehn wichtigsten Thesen der Meinungsforschungsstudie „Deutschland privat – So wohnen und leben die Deutschen 2012“:

1. Die Wohnung ist wichtiger als das Auto.

Wohnen hat einen hohen Stellenwert in Deutschland: 68 Prozent der Befragten ist eine gute Wohnung sehr wichtig – wichtiger als die Freizeit (58 Prozent), das Auto (37 Prozent) oder der Urlaub (33 Prozent). Ein interessantes Ergebnis, weil das Auto in Deutschland lange Zeit als Statussymbol Nummer eins galt.

2. 96 Quadratmeter sind der Durchschnitt.

Der Durchschnittsdeutsche wohnt auf 96 Quadratmetern – wobei die Situation in teuren, von Wohnungsnot betroffenen Großstädten wie München, Hamburg oder Frankfurt sicher abweicht. Dort dürfte dementsprechend weniger Platz vorhanden sein.

1976_studimo 1976_studimo | © interlübke

3. Küche bleibt Küche.

Was von Wohnmagazinen seit Jahren propagiert wird, hat mit der Realität in deutschen Wohnungen offenbar nicht viel zu tun. Die Mehrheit nutzt ihre Räume traditionell. Demnach arbeiten nur 9 Prozent der Befragten auch im Wohnzimmer. 51 Prozent haben ein reines Wohnzimmer; 40 Prozent kombinieren es immerhin mit einer Essecke. Die in den Neunzigerjahren so viel gepriesene Wohnküche scheint sich nicht wirklich durchgesetzt zu haben, denn sieben von zehn Befragten benutzen ihre Küche ausschließlich als Küche.

4. Im Wohnzimmer ist es am schönsten.

Die Deutschen lieben es gemütlich: 61 Prozent fühlen sich im Wohnzimmer am wohlsten. Danach befragt, was hier auf keinen Fall fehlen dürfe, nannten 95 Prozent die Sitzgarnitur, gefolgt von einem Fernseher (88 Prozent), Bildern (88 Prozent) und Pflanzen (86 Prozent). Die meisten finden außerdem, dass eine Schrankwand ins Wohnzimmer gehört.

5. Zeig’ mir deine Wohnung und ich sage dir, wer du bist.

Die Deutschen interessieren sich nicht für Wohntrends. Wenn es um Einrichtung geht, vertrauen 95 Prozent auf den eigenen Geschmack. Nach dem Motto „Zeig’ mir deine Wohnung und ich sage dir, wer du bist“ ist das Zuhause für fast alle Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

1950er_Series123 1950er_Series123 | © interlübke Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die meisten beim Kauf von Möbeln an erster Stelle von Familienmitgliedern (83 Prozent) beraten lassen. Weniger als die Hälfte lassen sich von Wohnzeitschriften inspirieren und nur 24 Prozent vertrauen Innenarchitekten.

6. Marke egal – stattdessen Funktionalität und Langlebigkeit

Funktionalität und Langlebigkeit sind die beiden Aspekte, die der Mehrheit beim Möbelkauf wichtig sind. Erst dann kommt der Preis (89 Prozent), die Umweltverträglichkeit (81 Prozent) oder das Design (66 Prozent). Anders als in der Mode oder im Automobilbereich scheint die Marke wenig Einfluss zu haben. Nur 14 Prozent interessieren sich überhaupt für bekannte Marken.

7. Weiß und hell, bitte!

2012_bookless 2012_bookless | © interlübke Dunkle Farben und Hölzer wie Eiche oder Nussbaum sind immer weniger (38 Prozent) beliebt. Vor 20 Jahren war das noch anders. Damals war noch fast die Hälfte von natürlichen, dunklen Hölzern überzeugt. Heute möchte ein Drittel in einer möglichst weißen, hellen Wohnung leben. Dementsprechend sind knallbunte Wände out; nur 14 Prozent der Befragten finden eine farbenfrohe Wohnung erstrebenswert.

8. Vom Aussterben bedroht: die Tapete

Bei einem Großteil der Senioren gehört sie noch zum guten Ton: die Tapete. Nur 35 Prozent der unter 30-Jährigen verkleiden die eigenen vier Wände noch mit Tapeten – bei den Senioren sind es 80 Prozent.

9. Zufrieden mit der eigenen Wohnung

Im Allgemeinen sind die Deutschen ja eher für ihren Hang zum Dauerjammern bekannt. Was das Thema Wohnen betrifft, ist das ganz anders: Acht von zehn Befragten finden, dass sie in der fast perfekten Wohnung leben. Das sind 24 Prozent mehr als vor 23 Jahren.

10. Klassische Rollenverteilung

Auch was die Rollenverteilung zuhause angeht, sind die Deutschen nicht gerade progressiv: Putzen und Kochen sind nach wie vor in den meisten Haushalten Frauensache (55 Prozent), während die Männer für Reparaturen zuständig sind (68 Prozent).

Die aktuelle Studie zeigt auch historische Entwicklungstendenzen auf, da sie in der Tradition der umfassenden Wohnstudien von Alphons Silbermann (1909–2000) steht. Der Kölner Soziologe untersuchte das deutsche Wohnverhalten bereits 1961 und 1989. Interessant ist, dass heute 24 Prozent mehr mit der eigenen Wohnsituation zufrieden sind als noch vor 23 Jahren. Woran das liegt, erklärt Klaus-Peter Schöppner (TNS Emnid). Er hat schon die Silbermann-Studie von 1989 mitbetreut:

„Das liegt zum einen daran, dass die Nation reicher geworden ist. Das liegt aber auch daran, dass das Angebot, sowohl baulich als auch was Möbel angeht, diverser geworden und individueller auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt ist. Andererseits gibt es auch immer mehr Single-Haushalte und einen Trend zur Verkleinerung des Wohnens. Wenn ich als Single in einem Apartment lebe, ist es viel einfacher, meinen eigenen Geschmack auszuleben und damit zufrieden zu sein, als wenn ich mit vielen zusammenlebe und Kompromisse machen muss.“