Design aus Deutschland Die neue Sachlichkeit

„Flötotto-Formsitz“, Flötotto
„Flötotto-Formsitz“ | © Flötotto

Grenzen zerfließen, nationale Stereotypen und Designsprachen verschwinden und dennoch gibt es Charakteristiken, die ein Land kennzeichnen. In Deutschland ist es die beständige Sachlichkeit, die im Design wieder in den Vordergrund rückt und dank einer individuellen Experimentierfreude in neuen gestalterischen Lösungen resultiert.

„Flötotto-Formsitz“, Flötotto „Flötotto-Formsitz“, Flötotto | © Flötotto Er ist der Inbegriff von Funktionalität, Qualität und Langlebigkeit: der Schulstuhl. In den 1950er-Jahren von dem ostwestfälischen Familienunternehmen Flötotto entwickelt, etablierte er sich schnell in der deutschen Alltagskultur und prägte Generationen von Schülern nicht nur Deutschland, sondern in ganz Europa. Grundlage seines Erfolgs ist der 1952 patentierte und seitdem weltweit über 21 Millionen Mal verkaufte Flötotto Formsitz aus einem hochverdichtetem Kunstharzpressholz, dem sogenannten „Pag-Holz“. Dieser wurde nun durch eine im Spritzgussverfahren hergestellte Schale aus Polypropylen ersetzt, die Flötotto in Zusammenarbeit mit dem Münchner Designer Konstantin Grcic gestaltet hat. Mit der Stuhlserie Pro wurde ein völlig neues Produkt hervorgebracht. Ausgangspunkt des Entwurfs sind aktuelle Studien zum Thema „Aktives Sitzen“. So verfügt die Sitzschale über eine prägnante geschwungene Form, die einen besonderen Sitzkomfort bietet und verschiedene Sitzpositionen zulässt.

Problemlösungen

  • „Pro“, Konstantin Grcic, Flötotto © Toscani
    „Pro“, Konstantin Grcic, Flötotto
  • „Flötotto-Formsitz“, Flötotto ©
    „Flötotto-Formsitz“, Flötotto
  • „S533“, Ludwig Mies van der Rohe, Thonet ©
    „S533“, Ludwig Mies van der Rohe, Thonet
  • „WG 24“, Wilhelm Wagenfeld, Tecnolumen ©
    „WG 24“, Wilhelm Wagenfeld, Tecnolumen
  • „SK4“, Hans Gugelot + Dieter Rams, Braun ©
    „SK4“, Hans Gugelot + Dieter Rams, Braun
  • „R18 Ultra Chair“, Kram Weisshaar, Audi ©
    „R18 Ultra Chair“, Kram Weisshaar, Audi
  • Trends, Meissen ©
    Trends, Meissen
„Lufthansa“, Otl Aicher, Lufthansa „Lufthansa“, Otl Aicher, Lufthansa | © Doch nicht nur Schulmöbel, auch andere aktuelle Entwürfe zeigen, dass sich in den letzten Jahren die Aufgeregtheit des Autorendesigns, das individuelle und unverwechselbare Produkte schaffen wollte, gelegt hat und eine gewisse Sachlichkeit wieder im Vordergrund steht. Diese hat schon immer das deutsche Design geprägt. Im Gegensatz zu Italien, wo es lange Zeit keine speziellen Ausbildungsstätten gab, haben in Deutschland Fach- und Meisterschulen eine lange Tradition. Insbesondere der Deutsche Werkbund und das Bauhaus trugen zur Entstehung des Industriedesigns bei und beförderten die Sichtweise, wonach die Gestaltung zuallererst der Problemlösung zu dienen hat. Anfang des 20. Jahrhunderts etwa übernahm der Architekt Peter Behrens die Verantwortung für die Markenidentität des Elektrounternehmens AEG und gestaltete Produkte, Plakate und Fabrikanlagen. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten Gestalter wie Ludwig Mies van der Rohe oder Wilhelm Wagenfeld sowie Firmen wie Braun unter Dieter Rams, Volkswagen oder Lufthansa weitere Beispiele, die vorbildlich Sachlichkeit und formale Reduktion, aber auch technische Funktionalität vereinen und zu Designklassikern avancierten.

Prozessentwicklungen

„Chassis“, Stefan Diez, Wilkhahn „Chassis“, Stefan Diez, Wilkhahn | © Der puristische Gedanke der Moderne existiert in den neuen Entwürfen vieler deutscher Designer weiter, die nicht nur die Rolle des Formgestalters annehmen: Sie sind vielmehr Prozessentwickler und Materialforscher, die eng mit der Industrie zusammenarbeiten und in der Technologie neuer Produktionsverfahren und intelligenter Materiallösungen innovative Lösungen suchen. Neben Konstantin Grcic zählt zu dieser Gruppe auch Stefan Diez, für den das Material wiederholt der Ausgangspunkt seiner Arbeiten ist. In Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Büro- und Objektmöbelhersteller Wilkhahn hat der Münchner Designer den Stuhl Chassis entwickelt, der in einer modernen, für den Möbelsektor völlig neuen Technologie aus der Automobilbranche, der sogenannten Space-Frame-Technologie gefertigt wird: Dünnes hochfestes Stahlblech wird durch Tiefziehen in einen Hohlkörper verwandelt, aus dem dann ein leichter Sitz- und Rückenrahmen sowie vier Stuhlbeine produziert werden.

Materialforschungen

„R18 Ultra Chair“, Kram Weisshaar, Audi „R18 Ultra Chair“, Kram Weisshaar, Audi | © Wie schon das Stahlrohr vor 85 Jahren aus seinem Zusammenhang – der Gasindustrie und dem Fahrradbau – gerissen und am Bauhaus als Material für den Möbelbau entdeckt wurde, lässt sich der Einsatz neuer Werkstoffe und Technologien in neuen Kontexten immer wieder beobachten. So präsentierte Clemens Weisshaar, der mit seinem Partner Reed Kram Design-Studios in München und Stockholm betreibt, im Rahmen der Mailänder Möbelmesse 2012 eine interaktive Installation eines Stuhl-Prototypens, den er mit dem hausinternen Leichtbauzentrum des Ingolstädter Automobilherstellers Audi entwickelt hat. Die Besucher der Installation wurden eingeladen, sich als Probanden auf den Stuhl zu setzen, um ihr Sitzverhalten testen zu lassen. Die dabei aufgezeichneten Messungen sollen – wie bei einem Fahrzeug- und Crashtest – nach der Veranstaltung ausgewertet werden, um in eine optimierte Endversion des Stuhls einzufließen, die Ende 2012 auf der Messe Design Miami/ präsentiert wird. Für die serielle Herstellung ist sie jedoch nicht bestimmt. Werner Aisslinger indessen entwickelte gemeinsam mit dem deutschen Chemiekonzern BASF den ersten ökologischen Stuhl aus reinen Naturfasern, den Hemp Chair, der seit 2012 von dem italienischen Unternehmen Moroso produziert wird. Er basiert auf einem Produktionsverfahren für Leichtbauteile aus der Automobilindustrie, das in der Möbelbranche ebenfalls neu und revolutionär ist.

Know-how

„Hemp Chair“, Werner Aisslinger, Moroso „Hemp Chair“, Werner Aisslinger, Moroso | © Alessandro Paderni Demgegenüber stehen Unternehmen, die sich einerseits auf ihre eigene Geschichte und ihre Stärken besinnen, andererseits aber völlig neue Geschäftswege gehen. Bei der Firma Meissen etwa, die als erste europäische Porzellanmanufaktur 1710 gegründet wurde, hat eine Umstrukturierung stattgefunden. Das jahrhundertealte Know-how wird nunmehr nicht nur in der Tisch- und Tafelkultur umgesetzt, sondern auch in Wand- und Bodenverkleidungen aus Porzellan, Möbel und demnächst sogar Leuchten transportiert. Bei Letzteren handelt es sich nicht um dekorative Lüster im klassischen Sinn. Im Gegenteil: In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Center for Organic Materials and Electronic Devices Dresden (COMEDD) soll 2013 eine erste Porzellanleuchtenkollektion vorgestellt werden, die als Leuchtquelle die flächigen organischen Leuchtdioden, kurz OLEDs, umfasst, sodass das Porzellan weiterhin im Mittelpunkt steht.

Designverständnisse

„Pro“, Konstantin Grcic, Flötotto „Pro“, Konstantin Grcic, Flötotto | © Bösenberg Es scheint, als sei das aktuelle deutsche Design ohne seinen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Ansatz nicht denkbar, wonach die Gestaltung ein ästhetischer als auch ein problemlösungsorientierter Prozess ist. Alltagsobjekte werden hinterfragt und mit anderen Funktionen und aus anderen Materialien auf den neuesten Stand gebracht. Dabei sind die Details Bestandteile eines großen Ganzen: unaufgeregt, funktional und langlebig.