Buchgestaltung Die Eigenschaften des analogen Medium

Buchladen Motto in Berlin-Kreuzberg, der ausschließlich Bücher und Magazine von Self-Publishing-Projekten und Independent-Verlagen vertreibt.
Buchladen Motto in Berlin-Kreuzberg, der ausschließlich Bücher und Magazine von Self-Publishing-Projekten und Independent-Verlagen vertreibt. | Foto (Ausschnitt): Alexis Zavialoff

Der kriselnde Buchmarkt differenziert sich immer weiter aus. Nischen wie das Self-Publishing wachsen, der Trend zum E-Book schockiert und beflügelt die Branche. Wie reagieren die Grafikdesigner auf diese Trends? Ein Überblick über aktuelle Tendenzen der Buchgestaltung.

Seit Juni 2010 kursiert im Internet ein Video, in dem ein junger Spanier erklärt, was das überhaupt ist, ein Buch, so als wüsste keiner seiner Zuschauer mehr, was er damit überhaupt anfangen soll. Er führt vor, wie es funktioniert, wie man blättert, wie die Seiten zusammengehalten werden, was ein Inhaltsverzeichnis ist und was ein Lesezeichen. Ein neues Gerät, eine Wissensmaschine sei das, erzählt er strahlend, für die man kein Kabel, kein Funknetz, keine Batterie benötigt: „Und man muss sie nicht neu starten!“

Elektronische Konkurrenz

Kataloggestaltung für die Designmarke kkaarrlls, Thomas Mayfried Kataloggestaltung für die Designmarke kkaarrlls, Thomas Mayfried | Foto: Evi Künstle In Wirklichkeit gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, dass es einmal so weit kommen wird. „Gedruckte Bücher wird es immer geben“, meinte Markus Dreßen, Professor für Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in einem Interview im Jahr 2012. Digitale Publikationsformen, speziell das E-Book, hielt er schon damals nicht für eine drohende Konkurrenz, eher für „eine Erweiterung“. 

Experimentierfeld Buch

Buch „Masterpieces“, gedruckt mit einem Risographen, Jung + Wenig Buch „Masterpieces“, gedruckt mit einem Risographen, Jung + Wenig | © Doch hat die vermeintlich drohende Dematerialisierung des papierenen Buches umgekehrt auch Auswirkungen auf seine Gestaltung? Wie reagieren die Grafikdesigner darauf? Seit ein paar Jahren lässt sich feststellen, dass sie die spezifischen Eigenschaften des analogen Mediums besonders herausstellen – die Materialität, das Objekthafte des Buchblocks – und damit das Buch als optisches und haptisches Erlebnis inszenieren. Sie verwenden außergewöhnliche Papiere, oft mehrere verschiedene in einem Buch, experimentelle Buchbindungen und Druckveredelungen wie Prägungen, Stanzungen, glänzende Effektlacke und Farbschnitte, also eingefärbte Schnittkanten. Buchgestaltung ist gerade für junge Grafikdesigner ein neues Experimentierfeld geworden. „Es wurde sehr viel über das Buch nachgedacht, sehr intensiv, fast exzessiv“, betonte Markus Dreßen im Interview. So sehr, dass man meinen könnte, dies sei „das letzte Aufbäumen“ gewesen.

Zahlreiche Grafikdesigner, auch Dreßen selbst, haben dabei vom Boom des Kunstmarkts profitiert, der viel in das Buch als Repräsentationsmedium investierte und interessante Aufträge vergab und vergibt. Auf dem Massenmarkt jedoch und bei den großen Verlagen sind solche experimentellen Buchentwürfe nach wie vor kaum zu finden. Wer etwa eine Filiale der Ketten Hugendubel und Thalia betritt, trifft vor allem bei der Belletristik auf austauschbare Fotografien oder Illustrationen auf den Bucheinbänden, die viel Spielraum für Assoziationen lassen, um möglichst viele Kunden anzusprechen, damit aber auch wenig aussagen. Fragen der Gestaltung spielen in diesem Segment keine besondere Rolle, weshalb freie Grafikdesigner auch nicht zum Zug kommen.

Independent Publishing

Self-Publishing Book Fair for Design and Art Self-Publishing Book Fair for Design and Art | Foto: Christiane Feser So verwundert es nicht, dass immer mehr von ihnen die Sache selbst Hand nehmen – sie generieren die Inhalte ihrer Bücher, gestalten, drucken, binden und verlegen sie selbst. Das Self- und Independent-Publishing hat sich auch in Deutschland in kürzester Zeit zu einer breiten Bewegung ausgeweitet, mit eigenen Druckverfahren, einer eigenen Ästhetik, eigenen Online-Plattformen, eigenen Buchläden wie Motto in Berlin und eigenen Messen, zum Beispiel parallel zu den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Auch Markus Dreßen hat 2006 mit Grafiker-Kollegen einen solchen Independent-Verlag gegründet, Spector Books, der jetzt die jährliche Leipziger Messe „It’ a Book, It’s a Stage, It’s a Public Place“ organisiert. In vielen Designbüros steht heute ein Risograph. Dieser einem Kopierer ähnliche Schablonendrucker, der sich hervorragend eignet, um Auflagen von 50 bis 500 Stück spontan, schnell und günstig zu drucken, ist zwar mit vielen Einschränkungen einer fast vergessenen Technologie verbunden, doch die Designer haben aus diesem Mangel heraus eine Ästhetik entwickelt, die die Self-Publishing-Szene inzwischen dominiert und längst auf Mainstream-Produkte übergreift: farbige Typografie, monochrom gedruckte, grob gerasterte Abbildungen, ein roher Retro-Charme.

Gegentrends

Buch „Masterpieces“, gedruckt mit einem Risographen, Jung + Wenig Buch „Masterpieces“, gedruckt mit einem Risographen, Jung + Wenig | © Jenseits all dieser Trends gibt es aber auch Grafikdesigner, die schon 2012 einen Gegentrend setzten, indem sie sich auf das Wesentliche beschränkten: Sie versuchen, das Thema eines Buches auf den Kern zu reduzieren und davon ausgehend auch zu gestalten. „Nicht modisch zu sein, ist für mich zeitgenössisch“, sagte etwa der Münchner Thomas Mayfried damals. „Es geht mir um Angemessenheit.“ Seine Kataloggestaltungen für das Haus der Kunst und Künstler wie Jonathan Meese und Florian Süssmayr mag man auf den ersten Blick als puristisch empfinden, sie erweisen sich aber als virtuoses, rhythmisch strukturiertes Spiel von Leere und Dichte. Das Wichtigste in der Buchgestaltung, so Mayfried, sei die Dramaturgie, „eine Art Spannungsbogen, der sich durch Weglassen und Hinzufügen ergibt“. Und das kann im Moment und wohl noch länger kein E-Book bieten.