Konstantin Grcic im Interview Der Denker

KGID, Cape Sofa, Established & Sons, 2011, Konstantin Grcic
KGID, Cape Sofa, Established & Sons, 2011, Konstantin Grcic | Foto (Ausschnnitt): © Peer Lindgreesm

Sagen wir es mal so: Zurzeit ist Konstantin Grcic Deutschlands wichtigster Designer. Sein immer wieder neuer Blick auf bestehende Dinge verändert auch unsere Sicht auf Produkte. Goethe.de traf den hochbeschäftigten Münchner in seinem Atelier. Das Gespräch nahm einen unerwarteten Lauf. Statt über seine neuesten Projekte für Mattiazzi, Flötotto, Nespresso oder Vitra erzählte der 1965 geborene Industriedesigner von sich. Von seiner Haltung, seiner Verantwortung und warum er glaubt, dass Stil, Form und Funktion im Moment nicht die dringlichsten Fragen im Design sind.

Chair_B, Bd Barcelona, 2010, Konstantin Grcic Chair_B, Bd Barcelona, 2010, Konstantin Grcic | © Konstantin Grcic In den 1990er-Jahren zählten Sie zu der Gruppe junger Designer, die die Reduktion auf das Wesentliche wiederentdeckten. Heute, 20 Jahre später, sind Ihre Entwürfe kantiger, manchmal sperrig, so als wollten Sie polarisieren …

Ich polarisiere, aber nicht um zu provozieren. Das interessiert mich nicht. Aber ich glaube, es gibt Raum für sehr unterschiedliche Dinge. Nischen. Was ich nie wollte, war Mainstream zu entwerfen, Produkte, wie wir sie alle haben wollen. Ich bin einfach der bessere Designer für Dinge, die polarisieren und die – das geht dann weit über das Objekt hinaus – eine Diskussion entfachen. Darin sehe ich eine Qualität.

Funktion, Logik, Einfachheit – was beschreibt Ihre Haltung als Designer am besten?

Ich mag alle drei Begriffe. Funktion sowieso. Design hat viel mit Funktion zu tun. Allerdings muss man differenzieren, was genau Funktion ist. Der Begriff beschreibt das Praktische – ein Stuhl, auf dem man sitzt. Er umfasst aber genauso Produktion, Lagerhaltung, Transport oder Verpackung. Auch Schönheit ist eine Funktion, über das Praktische hinaus. Und schließlich auch die Entsorgung des Objektes, sein Lebens- und Gebrauchszyklus. Logik gefällt mir. Auch wenn ich selbst nicht immer logisch denke. Logik bedeutet, man geht an das Essenzielle, an die Wurzeln. Nur wenn man versteht, wie etwas funktioniert, kann man es weiterdenken. Einfachheit – es geht immer darum, Dinge zu vereinfachen, aber es gibt eine gewisse Grenze, ab der sie zu einfach werden, zu banal, und dabei ihre Seele verlieren. Alle drei Begriffe funktionieren am besten im Zusammenspiel.

Fehlt Ihnen der Begriff der Emotionalität in dieser Reihe?

Waver, Vitra, 2012, Konstantin Grcic Waver, Vitra, 2012, Konstantin Grcic | © Normalerweise würde ich ihn nicht erwähnen. Aber in der Reihe von Logik, Funktion und Einfachheit macht er Sinn. Ich bin als Gestalter mit einer gewissen Rationalität ausgestattet, aber gleichzeitig bin ich subjektiv. Ich entscheide am Schluss Dinge für mich, so, wie ich sie für richtig halte. Emotional, intuitiv und sehr persönlich. Darin liegt am Schluss die Qualität eines Entwurfes, seine Magie.

„Für eine bessere Welt braucht es Designer“, haben Sie neulich in einem Interview gesagt. Wie verbessern Sie die Welt?

Mit einem ganz ganz kleinen Beitrag, mein Büro ist winzig. Die Designwelt selbst ist ja winzig im Verhältnis zur Welt. Aber dieser kleine Beitrag, den man als Designer leistet, hat trotzdem einen großen Wert. Das sehe ich ganz entschieden so.

Hat Ihr „Chair One“ unser aller Leben verändert?

Ausstellung, Decisive Design, Art Institute of Chicago, 2009 Ausstellung, Decisive Design, Art Institute of Chicago, 2009 | © Technologische Dinge, wie sie Apple herstellt, verändern vielleicht noch unser Leben, ein Stuhl wie Chair One tut das nicht mehr. Aber bei Ihrer Frage denke ich eigentlich an etwas ganz anderes. Nämlich an die Rolle der Designer in Zusammenarbeit mit den Firmen.

Konkreter?

chair_One, Magis, 2004, Konstantin Grcic chair_One, Magis, 2004, Konstantin Grcic | © Es geht um Verantwortung, darum, was und wie etwas produziert wird. Um essenzielle Fragen wie Ressourcen oder Entsorgung. Das sind die wirklich spannenden Themen. Der Stil, die Form, auch die Funktion sind momentan weniger dringlich. Es gibt so viel Gutes.

Gemeinsam mit dem Architekten Muck Petzet bespielen Sie auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig den Deutschen Pavillon. Ihr Thema: Reduce, Reuse, Recycle ...

Thematisch und konzeptionell ist das Muck Petzets Projekt. Ich bin verantwortlich für die Ausstellungsgestaltung. Aber wir haben natürlich viel über das Thema diskutiert. Mich reizt die Frage, wie man Architektur in Form einer Ausstellung zeigen kann. Es ist ja ein relativ stilles Thema. Ich arbeite an einer Darstellungsform, die dem Thema gerecht wird, und sich, eben weil es so leise ist, behaupten kann auf dem Jahrmarkt Architektur-Biennale.

In letzter Zeit betätigen Sie sich immer häufiger als Ausstellungsmacher. Was reizt Sie an dieser konzeptionellen Arbeit?

Medici, von Mattiazzi, 2012, Konstantin Grcic Medici, von Mattiazzi, 2012, Konstantin Grcic | © Die theoretische Auseinandersetzung mit Design, es ist eine ganz andere Ebene als das Selber-Kreieren. Es bringt mich auch persönlich weiter. In meinem Denken, in meinem Wissen über Design. Die Ausstellungskonzeption hat sich inzwischen im Büro als neues Standbein entwickelt. Ein, zwei Ausstellungsprojekte pro Jahr bedeuten, dass wir zwei bis drei Produkte weniger entwerfen müssen. Das entlastet das Büro und nimmt Druck.

„Design ist nicht nur, wie etwas aussieht. Design ist auch, wie etwas funktioniert“, lautete Steve Jobs Philosophie. Haben Sie eine Designdefinition?

Ich glaube, ich habe keine klare Definition parat. Ich habe das, was Design für mich ist, total verinnerlicht. Es definiert meine Haltung, was ich mache, wie ich es mache. Was ich gut finde, und was nicht. Designer anderer Generationen hatten noch eine klare Definition, an die sie auch wirklich glaubten. Heute ändert sich die Welt viel zu schnell und mit ihr die Dinge. Bestimmte Prinzipien bleiben trotzdem bestehen und es ist wichtig, an ihnen festzuhalten. Andere verändern sich und das ist auch wichtig. Es geht darum, sich selbst und die eigene Betrachtung immer wieder infrage zu stellen.

Welche Entwicklung im Design würden Sie gerne noch miterleben?

PRO_SCHOOL CHAIR, Flötotto, 2012, Konstantin Grcic PRO_SCHOOL CHAIR, Flötotto, 2012, Konstantin Grcic | Foto © Oliviero Toscani 360° officem, Magis, 2009, Konstantin Grcic 360° officem, Magis, 2009, Konstantin Grcic | © In der jungen Designszene bewegt sich im Moment etwas. Es betrifft die Produktion und die Produktionsmittel, bislang das Monopol der Industrie. Enzo Maris Begriff der „autoprogettazione“, der Selbstproduktion, erfährt eine Art Fortführung. Die Produktionsmittel lösen sich vom Monopol. Die Autorität der Industrie wird infrage gestellt. Der Kreateur hat die Produktionsmittel entweder selber, 3 D-Drucker zum Beispiel, oder der Designer wird Hersteller und sucht sich unterschiedliche Industriepartner. Das ist sehr spannend und etwas, das ich miterleben möchte. Niemand weiß so recht, wo es genau hingeht. Aber ich habe so eine Ahnung, dass diese Entwicklung auch mich total verändern wird.