Milena Krais Was ist schön?

„Fat furniture“ von Lambert Kamps
„Fat furniture“ von Lambert Kamps | Foto: © Lambert Kamps

Die Produktdesignerin Milena Krais sagt dem standardisierten westlichen Schönheitsbegriff den Kampf an. Dafür formt sie wulstige Stühle und Kissen mit knubbeligen Oberflächen aus Strick. In ihrer Reihe „Deform“ entstehen so kräftige farbintensive Skulpturen, zugleich schön und hässlich. Und auf keinen Fall glatt.

„deform“ von Milena Krais „deform“ von Milena Krais | © Christian Börner und Milena Krais „Unser Gefühl für Schönheit wird von Medien und Werbung stark beeinflusst und gesteuert. Alles soll perfekt und glatt sein“, sagt die 26-jährige Milena Krais, die an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Produktdesign Textil studiert hat. „Und dieser Schönheitsbegriff bedeutet, dass Menschen möglichst schlank und Produkte möglichst perfekt sein sollen.“ Während ein Produkt durchaus einfach nur schön sein kann und darf, bleibt das mediale Dauerfeuer aus „schlank gleich schön“ beim Menschen nicht ohne Wirkung: „Es setzt besonders Mädchen enorm unter Druck. Und es wird auch nicht besser, wenn man weiß, dass es Photoshop gibt und dass die Frauenmagazin-Titelbilder mit der Realität nicht viel zu tun haben“, sagt Milena Krais. Für eine junge Designstudentin auf der Suche nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit war genau diese Ambivalenz zwischen Scheinwelt und Realität aber durchaus spannend, denn: „Ich suchte nach etwas, dass ein bisschen provozieren sollte und die Grenzen des klassischen Design überschreitet.“

Leidenschaft für Stoffe und Muster


„deform“ von Milena Krais „deform“ von Milena Krais | © Christian Börner und Milena Krais „deform“ von Milena Krais „deform“ von Milena Krais | © Christian Börner und Milena Krais Zuvor hatte Milena Krais bereits mit der Serie „Go away“, bei der Knieschoner und „Abschiedshosen“ für Verlassene zum Einsatz kamen, diese Grenze zumindest verschoben. Auch ihre textile Lichtinstallation „Hänsel und Gretel“ bewegt sich als lautmalerischer Wegweiser näher an der Kunst als am Produktdesign. Ihre Arbeiten haben allerdings immer einen starken handwerklichen Bezug, da die Süddeutsche vor ihrem Studium in Hamburg in ihrer Heimat in der Nähe von Pforzheim eine Ausbildung zur Modedesignerin absolviert hatte. Stoffe, Oberflächen und Muster sind spätestens seit dieser Zeit wichtige Gestaltungsmittel Milena Krais. Daher war es nur folgerichtig, dass sie auch das Schönheitsthema auf eine eher „stoffliche“ Art angehen wollte. So überzog sie alte Stühle erst mit einer unregelmäßigen Hülle aus Polyesterwatte, über die sie dann wiederum feingestrickte Wolle in unterschiedlicher Dichte legte. Mithilfe einer alten Strickmaschine aus den 1950er-Jahren hat sie einen Weg gefunden, die einzelnen Stuhlteile so einzupacken, dass sie hinterher aussehen wie aus einem Stück.

Und trotzdem kommen sie so wulstig und uneben in der Oberfläche daher wie sie sich das vorgestellt hat. Mit dem Ergebnis ist sie ziemlich zufrieden und probiert diese Technik auch an weiteren Objekten wie Kissen oder Hockern aus.

Kein Spott über Korpulenz

„deform“ von Milena Krais „deform“ von Milena Krais | © Christian Börner und Milena Krais Etwas anderes machte ihr bei dem Thema mehr Sorgen: „Ich wollte mich auf keinen Fall über Übergewichtige lustig machen. Und ich hatte etwas Angst, dass die wulstigen Stühle in dieser Richtung falsch verstanden werden können.“ Einmal standen auch tatsächlich in einer Ausstellung zwei Mädchen sehr irritiert vor den Stühlen. „Die fragten sich offensichtlich was das denn jetzt wieder soll.“ Das weiß wiederum die internationale Designszene, die Krais’ Arbeiten aufmerksam verfolgt. Mittlerweile hat sie eine italienische Galerie und stellt auf der „Maison&Objet“ in Paris aus. Da Übergewicht kein rein deutsches, sondern ein Problem der gesamten westlichen Welt zu sein scheint, verwundert dieses Interesse nicht.

Kein rein deutsches Problem

„Fat furniture“ von Lambert Kamps „Fat furniture“ von Lambert Kamps | © Lambert Kamps Und so gibt es neben der deutschen Designerin auch andere Gestalter wie den Niederländer Lambert Kamps, die sich dieser Thematik annehmen. Er suchte gerade nach einem ungewöhnlichen Thema für eine Zimmereinrichtung in einem Designhotel, als ihm ein enorm übergewichtiger Mann auffiel, dessen Körperumfang in seinen Augen durchaus etwas Surreales hatte.

Das inspirierte ihn zu der Möbelserie „Fat Furniture“, deren Formen fast schon grotesk aufgepumpt wirken. Denn etwas anders als Milena Krais sieht Kamps das ständig wachsende Körpergewicht der Menschen selber auch als Problem, nicht nur den verlogenen Umgang damit. Und so kommen seine geschwollenen Möbelobjekte aus Polyesterschaum etwas deutlicher und grober daher als die feingewobenen Stuhl-Skulpturen von Milena Krais. Interessant sind sie aber auch – vielleicht sogar schön, denn „die Schönheit des Unperfekten entspricht ja der Realität“, wie Kollegin Krais weiß.