Neuland Industriedesign Nomen ist omen

Eva Paster und Michael Geldmacher
Eva Paster und Michael Geldmacher | Foto (Ausschnnitt): Phil Soheili

Eva Paster und Michael Geldmacher alias Neuland Industriedesign verleihen selbst Möbeln, die sonst ein Schattendasein fristen, ein neues Gesicht. Zeitgemäß, ausgetüftelt und wirklich überraschend. So wie ihr Regal „Random“, dessen rhythmische Unruhe wohl auch Filmemacher Pedro Almodóvar so gut gefiel, dass er es in seinem Werk „Zerrissene Umarmungen“ mit Penelope Cruz verewigte. Das zweistündige Gespräch mit Goethe.de fand übrigens auf „Elephant“ statt, dem neuen (bequemen!) Stuhl der beiden Münchner Designer.

Eher als dröge verschriene Möbel wie Regal und Schrank sind Ihr Thema; trotzdem haben Sie gerade mit Aufbewahrungsmöbeln riesigen Erfolg. Wie kommt’s?

Neuland Industriedesign, Hüttenbett by Magazine Neuland Industriedesign, Hüttenbett by Magazine | © Paster: In den unattraktivsten Designthemen steckt oft das meiste Potenzial. Meine Mutter hat schon während der Schulzeit immer zu mir gesagt: Nimm beim Deutschaufsatz immer das Thema, das garantiert keiner wählt …

Haben Sie mit „Random“ das Regal neu erfunden?

Geldmacher: Neu erfunden – das sind große Worte. Aber man kann sagen, dass wir mit Random, das wir 2005/2006 für MDF Italia designt haben, tatsächlich eine Entwicklung angestoßen haben. Es ist ein Regal, das bis heute immer wieder kopiert wird.

Findet man denn trotz rhythmischer Unruhe von „Random“ sein Lieblingsbuch wieder?

Paster: Ganz leicht. Aber natürlich nicht im Sinne einer klassischen Bibliothek von A bis Z …

Neuland Industriedesign, K1 Neuland Industriedesign, K1 | © Nils Holger Moormann Geldmacher: Wir haben uns konzeptionell sehr genau mit dem Thema Buch beschäftigt. Es ist ja nicht das Regal, das für sich kommuniziert, die Bücher stehen im Vordergrund. Es gibt Lieblingsbücher, peinliche Bücher, große und kleine, dicke und dünne Bücher. Jedes Buch hat eine ganz individuelle Bedeutung für den Besitzer. Bislang wurden Bücher aufgestellt wie Soldaten in einer Reihe. Es ging darum sie wegzuräumen, aber nicht darum ihnen gemäß ihrer individuellen Bedeutung einen Platz einzuräumen. Das tut Random mit seinen unterschiedlichen Regalböden.

Sie entwerfen inzwischen sowohl für deutsche als auch für italienische Hersteller. Gibt es da Unterschiede?

Paster: Sehr große. Aber ich würde die Grenze nicht zwischen Deutschland und Italien ziehen, sondern eher den Weißwurstäquator gelten lassen und Nils Holger Moormann zum Beispiel zu den Italienern zählen. Die Herangehensweise ist im Süden ganz anders. Im Süden ist man etwas lässiger bei der Produktentwicklung, emotionaler.
Geldmacher: Es gibt ja leider gar nicht mehr so viele Möbelproduzenten in Deutschland, als dass man sagen könnte, es gibt ein echtes Nord-Südgefälle. Aber eine Firma wie Interlübke, mit der wir den Kleiderschrank Reef entwickelt haben, ist schon extrem qualitätsbewusst. Die Italiener geben im Zweifelsfall der Ästhetik den Vorrang.

  • Neuland Industriedesign, Elephant by Kristalina (2010) ©
    Neuland Industriedesign, Elephant by Kristalina (2010)
  • Neuland Industriedesign, Random Cabinet by MDF Italia ©
    Neuland Industriedesign, Random Cabinet by MDF Italia
  • Neuland Industriedesign, Reef by Interluebke ©
    Neuland Industriedesign, Reef by Interluebke
  • Neuland Industriedesign, Reef by Interluebke ©
    Neuland Industriedesign, Reef by Interluebke
  • Neuland Industriedesign, Random Box & Cabinet by MDF Italia ©
    Neuland Industriedesign, Random Box & Cabinet by MDF Italia
„Reef“ ist ein aus unterschiedlich dimensionierten Kuben entwickeltes Schranksystem mit einer reliefartigen Oberfläche. Großartig. Hand aufs Herz: Wo bewahren Sie selbst Ihre Klamotten auf? Bevorzugen Sie für sich selbst einen bestimmten nationalen Designstil?

Paster: In einem alten Jugendstil-Schrank von der Straße.
Geldmacher: Und ich in einem antiken Kleiderschrank, den ich geerbt habe. Reef könnten wir uns gar nicht leisten (beide lachen). Nein, im Ernst. Wenn ich endlich eine größere Wohnung gefunden habe, werde ich sicher für den Schrank K 1, den wir für Nils Holger Moormann entwickelt haben, Platz haben. Reef würde ich eher im Wohnbereich nutzen.

Neuland Industriedesign, K1 frontal Neuland Industriedesign, K1 frontal | © Nils Holger Moormann Aus Ihrer Antwort folgere ich, dass Sie nur beruflich oder nicht auch privat ein Paar sind?

(Beide lachen) Paster: Wir waren sogar mal ein Paar. Aber das ist zehn Jahre her. Das war die einzige Zeit, wo es zwischen uns nicht so gut funktioniert hat.

Gutes Funktionieren – wie entwirft man eigentlich zu zweit?

Geldmacher: Das ist bei uns von Projekt zu Projekt verschieden. Manchmal betreut jeder ein eigenes Projekt, manchmal arbeiten wir parallel an einem. Aber immer herrscht zwischen uns ein stummes Verständnis, das wohl über die Jahre entstanden ist. Es funktioniert, dass wir zueinander sagen: „Mach du da jetzt weiter, ich brauche einen frischen Input von dir.“

Dann haben Sie auch eine gemeinsame Designphilosophie?

Geldmacher: Was unsere Arbeit von anderen unterscheidet, ist die konzeptionelle Tiefe und die Nähe des Produktes an der Konzeption. Wir stellen immer einen Gedanken an den Anfang, eine bestimmte Überlegung, aus der dann – je nachdem für welchen Kunden – die unterschiedlichsten Designs entstehen können. Wir sehen uns als Dienstleister, nicht als Selbstverwirklicher. Gutes Design muss nicht um jeden Preis kommerziell, aber immer verkäuflich sein.

Spüren Sie beim Gestalten bisweilen so etwas wie das weibliche und das männliche Prinzip?

© Neuland Industriedesign © Neuland Industriedesign Paster: Nicht bewusst …
Geldmacher: Trotzdem gibt es natürlich eine männliche und eine weibliche Ästhetik …
Paster: Weibliches Design unterscheidet sich vor allem dadurch, dass der Blick stark aufs Detail gelegt wird und auf die Veränderung der Details. Details, die auch optisch wahrnehmbar sind und nicht nur funktional. Frauen gehen spielerischer, unverkrampfter an Design heran.
Geldmacher: Ich behaupte, dass Evas Herangehensweise im Laufe unserer Zusammenarbeit etwas männlicher und meine etwas weiblicher geworden ist, und wir uns jetzt irgendwo in der Mitte treffen.

Letzte Frage: Wann ist ein Entwurf gut?

Geldmacher: Trocken gesagt, wenn er sich verkauft. Aber es gibt Momente, da sitzt man da und kocht schon ewig an einem Entwurf herum und plötzlich geht der Knoten auf. Man weiß, man hat jetzt einen großen Schritt getan. Eine sehr emotionale Sache.
Paster: Genau. Man bekommt dann Gänsehaut und so ein großes, weites Gefühl, als hätte man gerade ein Glas Wein getrunken.