Kindermöbel Funktional, schadstoffarm und trotzdem schön

Ambitioniertes Design für Kindermöbel bewegt sich gerade auf einem schmalen Grat zwischen Form, Funktion und Umweltbewusstsein. Drei deutsche Designer haben den Balanceakt gewagt.

Möbel aus Pappe Möbel aus Pappe | © UOCU GbR In Deutschland gibt es seit 1978 das Umweltsiegel „Blauer Engel“, das Auskunft über Schadstoffgehalt und Nachhaltigkeit von Produkten wie Kindermöbeln gibt. Seit Jahren verzeichnet die zuständige Behörde immer mehr Nachfragen gerade in diesem sensiblen Bereich. Was schonend hergestellt wurde, kann man also erfahren – ob das aber auch immer Designhighlights sind, kann so ein Siegel natürlich nicht garantieren.

Designerin Ursula Pfingstgraf und der bildende Künstler Torsten Hink hatten jedenfalls ein Problem, was viele junge Eltern haben, vor allem wenn sie selber Gestalter sind – sie suchten lange nach schönen und unkonventionellen Möbeln für ihre kleine Tochter. „Nicht, dass es so etwas nicht gibt. Aber wenn es auch noch schadstoffarm und möglichst in Deutschland hergestellt sein soll, wird es sehr schnell auch sehr teuer“, erzählt Ursula Pfingstgraf.

Teppich „plico“ Teppich „plico“ | © Anne-Kathrin Blau Und was die großen Möbeldiscounter anbieten, war für die beiden keine wirkliche Alternative „obwohl da auch nicht alles schlecht ist, wollten wir damit nicht das komplette Kinderzimmer zustellen“, erklärt Pfingstgraf, die mit Torsten Hink Konzepte für Ausstellungsräume und Messestände entwirft.

Pappmöbel stapeln

Um die eigene Entwürfe dann auch im Bereich Kindermöbel umsetzen zu können, setzen die beiden auf ein ungewöhnliches Material, eine Spezialpappe für Lebensmitteltransporte, die eine Firma in Sachsen herstellt, „eine sogenannte Wellstegplatte, flexibel, leicht und trotzdem robust“, wie Ursula Pfingstgraf sagt. Sie besteht aus Altpapier, ist emissionsarm und kann wieder recycelt werden. „Das war uns wichtig, da wir möglichst ressourcenschonend produzieren wollen.“ Aus dieser Pappe bauten die beiden dann in ihrem Münchener Atelier Prototypen für kleine Stühle, Tische und Regale für Kinder ab zirka anderthalb Jahren. Dabei schauten sie was das biegsame Material zulässt, ließen Kanten sichtbar und rundeten die Ecken ab. Da die Module nur gesteckt und nicht verklebt werden, halten bunte Spanngurte die Möbel zusammen. Jedes Regal und jeder Stuhl aus ihrer Uocu-Serie sieht so etwas anders aus, aber allen ist der Eindruck eines freundlichen Möbels eigen, das Kinder mühelos in ihr Spiel integrieren können.

Höhle bauen

Teppich „plico“ Teppich „plico“ | © Anne-Kathrin Blau Dass Kindermöbel neben ihrer eigentlichen Funktion auch Kreativität fördern und als Requisite im Spiel eingesetzt werden können , hatte auch Jungdesignerin Anne-Kathrin Blau im Hinterkopf als sie für ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Design in Dessau den Spielteppich „Plico“ entwarf. Mittels Klettverschlüssen wird aus dem dicken Schaumstoff-Teppich problemlos ein Zelt, eine Aufbewahrungskiste oder eine große, weiche Hopsunterlage. Ein „formierbares Möbel“ wollte sie entwerfen, so Produktdesignerin Blau, eines, mit dem Kinder genauso gut spielen wie ruhen können. Und an dem sie spielerisch räumliches Vorstellungsvermögen ebenso trainieren können wie Bewegung und Koordination. Oder natürlich einfach nur Spaß haben, wie die vierjährige Amely, die den Prototyp getestet hat. „Vor allem, dass man so toll eine Höhle daraus bauen kann, hat ihr sehr gefallen“, so Anne-Kathrin Blau.

Schulbank drücken

Schreibtisch „Pisa“ Schreibtisch „Pisa“ | © Ulrich Merz, Photo: Michael Khano Einen ganz anderen Weg in Gestaltung und Verarbeitung von Kindermöbeln ist der Berliner Produktdesigner Ulrich Merz mit seinem Schreibtisch „Pisa Table“ gegangen. Und das nicht nur, weil sein Möbel sich mit dem Ernst des Lebens statt mit fröhlichem Hopsen beschäftigt. Der Absolvent der Bauhaus-Universität Weimar setzte mit dem stabilen grauen Schreibtisch, der an alte Schulkatheder erinnert, bewusst auf eine altbekannte Form in neuem Rahmen. Den Twist ins Heute erhält das Möbelstück einmal durch das durchgefärbte MDF-Grundmaterial und zweitens durch die knallrote Schublade aus hochwertigem Aluminium. Nachhaltigkeit ist Merz ebenfalls wichtig, die sieht er aber auch bei seinem aufwendigen Design-Stück gegeben: „Nachhaltig ist es eben auch dann, wenn man lange an etwas Freunde hat und nicht nach ein paar Jahren wegwirft.“ Dass das nur zu erhöhtem Preis zu haben ist, ist ihm bewusst: „Aber so einen Schreibtisch kann man ja auch weitergeben oder vererben.“ Den Ansatz, aus Altpapier Kindermöbel zu bauen, die nach intensivem Gebrauch selber wieder im Verwertungskreislauf landen, findet er aber auch richtig: „Schwierig wird es ja nur, wenn ganze Kinderzimmereinrichtungen aus Spanplatten nach kürzester Zeit auf dem Sperrmüll landen.“