Deutsches Literaturinstitut Leipzig Mit Diplom zum Schriftsteller?

Deutsches Literaturinstitut Leipzig; © Matthias Jügler
Deutsches Literaturinstitut Leipzig | Foto (Ausschnitt): © Matthias Jügler

Professionelle Gegenwartsliteratur oder fabrikartige Institutsprosa – die Verlagsszene diskutiert kontrovers über den Erfolg von universitären Autorenschmieden wie dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

In der Verlagsszene kursiert ein Witz. Und der geht so: Zweimal im Jahr fährt Verleger Klaus Schöffling von Frankfurt nach Leipzig, bezieht dort ein Hotel, wartet bis die Abschlussklausuren am Deutschen Literaturinstitut Leipzig fertig sind und pickt sich zwei Leute für sein neues Verlagsprogramm heraus. So ganz fern der Wirklichkeit ist dieses Szenario wohl nicht – zumindest publiziert Schöffling viele Autoren, die die Studiengänge der Leipziger Schreibschule durchlaufen haben. Aber selbst wenn die Anekdote spaßhaft gemeint ist, spiegelt sie doch, was den zeitgenössischen Literaturbetrieb seit Jahren sehr beschäftigt. Leipzig ist zu einem der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte bei der Rekrutierung neuer Autoren geworden. Doch gleichzeitig wird das Institut ein wenig schief angesehen und unter den Verdacht fabrikmäßiger Literaturproduktion gestellt.

Polemiken des Feuilletons

Anfang 2014 bezichtigte der Literaturkritiker Florian Kessler in einem Artikel für Die Zeit die Studenten des Instituts und ihre literarischen Erzeugnisse, allzu konformistisch zu sein. Er steht damit nicht allein. Immer wieder lästert das deutschsprachige Feuilleton über austauschbare „Institutsprosa“. Nur, was ist genau damit gemeint? Der Schriftsteller Kristof Magnusson, Absolvent und Gast-Dozent des Instituts in Leipzig, kennt diese Polemiken. „Kurze Sätze, wenig Adjektive, und Protagonisten, die gelangweilt herumsitzen, wenig Handlung.“ Das seien zugespitzt die Merkmale, anhand derer sich Leipziger Prosa angeblich verrate. „Dann aber passt der jüngste Träger des Leipziger Buchpreises Saša Stanišić so gar nicht dazu, obwohl er doch auch am Institut studiert hat.“ Auch Literaturkritiker Uwe Wittstock, Feuilletonchef des Magazins Focus, kann mit derlei Zuordnungen nichts anfangen. Jedenfalls habe er noch nicht vom Text auf einen Literaturhochschulabsolventen schließen können, sagt er. „Es sei denn, man betrachtet eine gewisse Professionalität des Autors bereits als Indiz.“ Wie sehr sich derlei Denkmuster selbst entlarven, beschreibt Kristof Magnusson: „Man verortet ja Autorinnen wie Judith Hermann und Antje Rávic Strubel auch immer in Leipzig. Nur, dort waren sie nie.“

Keine deutsche Erfindung

Woher kommt die Skepsis gegen Schreibinstitute, von denen Leipzig im deutschsprachigen Raum eine von vier Hochschuladressen ist? Auch an der Universität Hildesheim, am Institut für Sprachkunst der Kunsthochschule in Wien und der Hochschule der Künste in Bern wird literarisches Schreiben unterrichtet. „Wenn gerade in Deutschland die Literaturhochschulen immer wieder angegriffen werden“, meint Uwe Wittstock, „steht das in der Tradition des Geniegedankens, der seit dem Sturm und Drang eine herausragende Rolle spielt“. Also Schreibenkönnen als höhere Gabe, die sich jeden Einfluss von außen verbittet. In der Tat sind Schreibschulen wahrlich keine deutsche Erfindung. Selbst das Leipziger Literaturinstitut gründet sich auf das in den 1950er-Jahren in der DDR nach einem russischen Vorbild eingeführte Johannes-R.-Becher-Institut. Der heutige Zuschnitt wiederum ist angelehnt an nordamerikanische Creative-writing-Studiengänge. Ein System, das sich im nordamerikanischen Raum seit Jahrzehnten bewährt hat. Kristof Magnusson, seit seinem Theaterstück Männerhort oder dem Banken-Crash-Roman Das war ich nicht fest etabliert in der Szene, sieht viele Vorteile: „Man lernt die unterschiedlichsten Autorenpersönlichkeiten kennen, was die Bandbreite der Dozenten und der Kommilitonen angeht. Man bekommt die unfertigen Texte anderer zu lesen und lernt, sich eine Meinung zu bilden.“ So erfasse man in der Diskussion die individuellen Regeln, die sich der jeweilige Text erschaffe. Eindeutig geht es hier also auch um handwerkliche Aspekte.

Schreiben mit Teamgeist

Juli Zeh, längst ein Lieblingskind des deutschen Feuilletons, hat über das Studium in Leipzig beredt Auskunft gegeben, als sie im Februar 2014 die Frankfurter Poetikvorlesungen hielt. Sie bekannte, wie schwer es ihr gefallen sei, vom Schreiben als intuitivem Akt Abschied nehmen zu müssen: „Das Wissen um den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Satz – oder vielleicht besser: zwischen einem bearbeiteten und einem einfach hingeschriebenen Satz ließ sich nicht mehr verdrängen.“ Magnusson und Zeh verweisen auch gern auf die integrativen Aspekte der Seminaratmosphäre. Rainer Weiss, lange Lektor im Suhrkamp-Verlag, heute Leiter des von ihm gegründeten Weissbooks-Verlags, findet dies förderlich: „Das ist wie in einer Fußballmannschaft: Du bist in einem Team, und das macht dich als angehender Schriftsteller stärker als in einer Solo-Existenz.“ Weiss führt darauf auch zurück, dass die diplomierten Jung-Schriftsteller sich und ihre Texte heute in der Öffentlichkeit selbstsicher und redegewandt verkaufen können.

Die Absolventen profitieren noch auf einem ganz anderen Feld. Gerade das Leipziger Literaturinstitut ist hervorragend vernetzt mit Verlagen, Medien und Buchhandlungen. Der Übergang vom Debütantendasein in den Status eines etablierten Schriftstellers kann rasend schnell vonstatten gehen. „Insofern ist Leipzig schon eine Kaderschmiede“, meint Weiss. Er sieht das positiv: „Die Gegenwartsliteratur ist viel besser geworden. Wenn ich zurückdenke an meine Suhrkamp-Zeit, wie viel sprachverliebte, rein selbstbezügliche Texte wir da veröffentlicht haben – ohne jeden Bezug auf die äußere Welt. Daran gemessen hat die Amerikanisierung der deutschen Literatur gut getan, das Storytelling, die Internationalisierung der Themen, dieses Herausgehen aus dem eigenen Selbst.“ Vielleicht sollte Klaus Schöffling sich von polemischen Bemerkungen also nicht irritieren lassen.