Neue Kirchen in Bayern Spiritualität und Sinnlichkeit

Neuapostolische Kirche in München Laim, Foto: Michael Heinrich
Neuapostolische Kirche in München Laim | Foto: Michael Heinrich

Vor allem in Süddeutschland wurden nach 2000 zahlreiche neue Sakralbauten errichtet. Sie gehören zu den Höhepunkten der zeitgenössischen Baukultur.

Dass der Kirchenbau in Deutschland keine Bedeutung mehr hat, ist eine Gerücht, das sich hartnäckig hält. Während in Nord- und Westdeutschland inzwischen ein „Kirchensterben“ eingesetzt hat, wurden in Bayern seit 2000 etliche Sakralbauten neu errichtet oder in moderner Form erweitert. Die besten unter ihnen, meist im Rahmen von Wettbewerben entstanden, gehören zu den Höhepunkten der zeitgenössischen Baukultur. Allerdings haben sich in letzter Zeit die Umstände und Aufgaben der Bauten gewandelt. Im Gegensatz zum Kirchenbau-Boom nach dem Zweiten Weltkrieg geht es nicht mehr nur um mächtige Pfarrkirchen, sondern auch um bescheidenere Bauten wie Kapellen oder Räume der Stille.

Kirche für eine wachsende Gemeinde

St. Peter in Wenzenbach bei Regensburg St. Peter in Wenzenbach bei Regensburg | Foto: Peter Manev, Selb Die historische Pfarrkirche St. Peter in Wenzenbach bei Regensburg war für die erheblich gewachsene Gemeinde zu klein geworden. Seit 2003 stellt nun das von den Architekten Brückner und Brückner markant erweiterte Gotteshaus die neue Ortsmitte dar. Durch seinen Holzmantel aus 166 vertikalen Lamellen bildet es einen Blickfang vor dem alten Gebäude. Der neue Feierraum ist bildhaft als Kirchenschiff gestaltet, in dessen Bug die Altarinsel liegt. Um den neuen Raum sinnvoll mit dem Altbau zu verbinden, wurde das entkernte Langhaus teilweise aufgeschnitten und der neue Baukörper eingeschoben, sodass er in einem rechten Winkel zur historischen Bausubstanz steht.

St. Peter in Wenzenbach bei Regensburg St. Peter in Wenzenbach bei Regensburg | Foto: Peter Manev, Selb Der verkürzte alte Altarraum wird als Werktagskirche genutzt. Die 14,5 Meter hohe Lamellenstruktur des Neubaus aus einheimischer Lärche bildet die äußere Hülle der Holz-Glas-Fassade, in die Stahlstützen integriert sind. Die Stützen tragen das Dach, das im Innenraum ebenfalls mit Lärchenholz verkleidet ist. Die sichtbaren Rippen steigen zum Altarbereich hin an und fallen dann im Bug wieder ab. Die Atmosphäre wird vor allem durch die blauen Glaswände bestimmt, die über dem massiven Sockel aufsteigen. Nach oben hin nimmt die Intensität der auf das Glas gedruckten Farbe fortlaufend ab, um schließlich die Erscheinung des Himmels zu symbolisieren.

Kirche als Kunstwerk

St. Bonifatius in Dietenhofen bei Ansbach St. Bonifatius in Dietenhofen bei Ansbach | Foto: Carl Lang Die 2009 geweihte Filialkirche St. Bonifatius in Dietenhofen bei Ansbach ist international rasch wahrgenommen worden – wegen ihrer ungewöhnlichen Gestalt und künstlerischen Ausstattung, aber auch als erste Kirche in Deutschland, die ausschließlich mit regenerativer Energie versorgt wird. Weil die Umgebung keine architektonischen Ansatzpunkte bot, wählte der damalige Eichstätter Diözesanbaumeister Karl Frey die Ellipse als Grundform des Neubaus. Die Form hat bei seinem Projekt eine mehrfache Bedeutung: Sie symbolisiert eine Grundbewegung der Schöpfung, sie ermöglicht durch ihre Bipolarität unterschiedliche Formen der Liturgie und schließlich wertet sie als erkennbares Symbol die amorphe Nachbarschaft auf.

St. Bonifatius in Dietenhofen bei Ansbach St. Bonifatius in Dietenhofen bei Ansbach | Foto: Carl Lang Das Tragwerk der Kirche ist eine Stahlkonstruktion, die von zwei Schalen aus Glas umhüllt ist. Außen trägt der Rahmen eine geschuppte Hülle aus geripptem Industrieglas. Die innere Hülle dient hingegen künstlerischer Gestaltung: In die umlaufenden schwarz-weißen Glasschuppen sind sieben große Glasstreifen in den Farben Rot, Blau, Grün und Ocker eingelassen. Das sich überlagernde Lichtspiel der Farben, von den Schweizer Künstlern Godi und Lukas Hirschi entworfen, verleiht dem Feierraum eine fast mystische Atmosphäre. Die liturgischen Orte wie auch die Stationen des Kreuzwegs sind elegante Entwürfe des Künstlers Rudolf Ackermann. Über dem ganzen Raum scheint die Betondecke über einem Netz aus gewölbten Stahlrippen zu schweben.

Kirche im historischen Ensemble

Neuapostolische Kirche in München Laim Neuapostolische Kirche in München Laim | Foto: Michael Heinrich Früher errichtete die Neuapostolische Kirche ihre Gotteshäuser als nüchterne Zweckbauten mit Satteldach, seit einigen Jahren lädt sie Architekten zu individuellen Entwürfen ein. Ein herausragendes Beispiel für diese neue Baukultur ist die im Herbst 2013 fertiggestellte Kirche im Münchner Stadtteil Laim. Bei ihrer Planung haben die Architekten Haack und Höpfner sensibel auf die Umgebung reagiert, besonders auf die denkmalgeschützten Wohnanlagen. Vor dem zurückgesetzten Quader des Kirchenbaus liegt ein einladender Platz mit Wasserbecken. Auch in den flachen Baukörpern der Gemeinde fasziniert die Architektur durch ihre Schlichtheit und die fein aufeinander abgestimmten Materialien. Der von Licht durchflutete Feierraum kann durch bewegliche Wände für größere Veranstaltungen flexibel erweitert werden.

Neuapostolische Kirche in München Laim Neuapostolische Kirche in München Laim | Foto: Michael Heinrich Auch bei den Neubauten der evangelischen Kirche in Bayern, ob am Gotteshaus in Wolnzach aus dem Jahr 2008 oder an der 2010 fertiggestellten Kirche in Herzogenaurach bei Nürnberg, haben die Architekten nach der Krise des deutschen Kirchenbaus im späten 20. Jahrhundert wieder neue Verbindungen von sakralem Raum und kunstvoll eingesetztem Licht gestaltet. Anstelle von prosaischen Gemeindezentren sind Bauten entstanden, die eine neue Symbiose von Spiritualität und Sinnlichkeit zum Ausdruck bringen. Im jüngeren Kirchenbau zeigt sich ein wieder gewonnenes Bewusstsein für das Erhabene.