Ferdinand Kramer Originelles Gestalten nach funktionalen Prinzipien

Flechtstühle für eines der Häuser von J.J.P. Oud, Weißenhofsiedlung, Stuttgart, 1927
Flechtstühle für eines der Häuser von J.J.P. Oud, Weißenhofsiedlung, Stuttgart, 1927 | Foto: Dr. Lossen & Co., Kramer Archiv

Zeitlebens verband der Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer das Ideal des modernen Bauens mit alltagsgerechter Funktionalität. Seine Entwürfe überzeugen noch heute durch praktische Originalität und schlichte Schönheit.

Ferdinand Kramer, 1970 Ferdinand Kramer, 1970 | Foto: Trebor, Kramer Archiv Das Prinzip ist einfach, aber konsequent: Wie bei einem textilen Rock-Schnittmuster werden drei Bretter aus einer rechteckigen Schichtholzplatte geschnitten, wobei nahezu kein Materialverlust entsteht. Mithilfe weniger Dübel und Winkel können sie ebenso schnell zu einem Tisch zusammengesteckt wie auch auseinandergenommen und raumsparend weggestellt oder transportiert werden. Der variable Couchtisch der Serie Knock Down von Ferdinand Kramer ist bezeichnend für die Arbeiten des deutschen Architekten. Auf die Massenproduktion angelegt, spiegelt der Entwurf von 1951 seine höchst moderne Haltung wieder und fängt den Geist des vorangeschrittenen Industriezeitalters ein, der sich an Mobilität und einer demokratischen Haltung festmachen lässt.

Zwischen den Kriegen – 1918 bis 1925

Couchtisch im Haus Albert von Metzler, Arnoldshain / Taunus, 1957 Couchtisch im Haus Albert von Metzler, Arnoldshain / Taunus, 1957 | Foto: Kramer Archiv Geboren 1898 in Frankfurt am Main, lernte Kramer schon früh in der Werft seines Großvaters das Handwerk des Schiffbauers kennen, das „höchste Qualität mit sparsamsten Mitteln forderte, die das Resultat von Zweck, Material und Arbeit sind“. Von dieser Grundeinstellung geprägt, entschloss sich Kramer, Architektur zu studieren. Doch zuvor musste er nach seinem Abitur 1916 an die Front, wo er als Infanterist im Schützengraben sein vermutlich erstes Projekt entwarf: den Prototyp des sogenannten Kramer-Ofens, der optimale Heizleistung erbrachte, ohne durch aufsteigenden Rauch seine Stellung preiszugeben.

Ferdinand Kramer, „Siedlung Westhausen“, Laubenganghäuser, 1929 Ferdinand Kramer, „Siedlung Westhausen“, Laubenganghäuser, 1929 | Foto: Geschwister Leistikow, Kramer Archiv Das Ende des Ersten Weltkrieges und die darauffolgenden sozialen Umwälzungen wie Inflation, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot führten zu einem enormen Bedarf an praktischen und preiswerten Haushaltsgeräten und funktionalen Möbeln für kleine Wohnräume. Nach Abschluss seines Architekturstudiums an der Technischen Hochschule München 1922 begann Kramer in Frankfurt, hauptsächlich Möbel und Gebrauchsgegenstände zu entwerfen. Er hat sich nicht allein wegen der Inflation und den damit fehlenden Bauaufträgen auf das Entwerfen von Gegenständen fokussiert. Vielmehr war es kennzeichnend für die Zwischenkriegszeit, alle Bereiche von Architektur und Gestaltung als Teil eines neuen Lebensentwurfs – der Moderne – zu verstehen.

Neues Frankfurt – 1925 bis 1938

Hörsaalgebäude, Treppenhaus, Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt, 1958 Hörsaalgebäude, Treppenhaus, Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt, 1958 | Foto: Kramer Archiv In seinen Entwürfen verfolgte Kramer die Typisierung als flexibles Lösungskonzept sowohl für Architektur als auch für Massenprodukte. So ist es auch kaum überraschend, dass er von 1925 bis 1930 im von Ernst May geleiteten Frankfurter Hochbauamt in der Abteilung für Typisierung tätig war, um das sogenannte Neue Frankfurt mit aufzubauen. Dieses einmalige Wohnungsbauprogramm zeigt, wie Kramer die sozialpolitische Zielsetzung der Zeit verinnerlicht hatte und architektonisch wie auch gestalterisch umsetzte. Unter der Bezeichnung Frankfurter Register entwarf er sowohl normierte Bauteile wie Fenster oder Türen als auch kostengünstige Gebrauchsgegenstände wie Türklinken, Leuchten und kombinierbare Möbel, die sich am neuen Typus einer rationalisierten Massengesellschaft orientierten. Zudem war er an der Planung der weißen viergeschossigen Laubenganghäuser der Siedlung Westhausen beteiligt.

Rektorat, Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main, 1953 Rektorat, Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main, 1953 | Foto: Sigrid Neubert, Kramer Archiv

In Amerika – 1938 bis 1951

Die Modernität seiner Entwürfe stieß im aufkommenden Dritten Reich auf Ablehnung. Der als selbständiger Architekt arbeitende Kramer wurde 1937 durch die Reichskammer der bildenden Künste mit Arbeitsverbot belegt, seine Architektur als „entartet“ diffamiert. 1938 folgte er seiner Frau, die als Jüdin verfolgt und schon früher emigriert war, in die Vereinigten Staaten. In New York entschied er sich, „das vollständig andersartige Leben als Herausforderung“ zu betrachten. Die durchrationalisierte Massengesellschaft mit ihrem pragmatischen und mobilen Lebensstil inspirierte ihn, und er schuf lange vor Unternehmen wie IKEA flexible Möbel, die zerlegbar, einfach zu transportieren und selbst zu montieren waren.

Liege „Theban“, 1925, e15 Liege „Theban“, 1925, e15 | ©

Wieder Frankfurt – 1952 bis 1985

Zum Baudirektor der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Goethe-Universität berufen, kehrte Kramer 1952 nach Frankfurt zurück. Dort entwickelte er einen Generalbebauungsplan für einen neuen Campus, für den er 23 Hochschulgebäude sowie die Stadt- und Universitätsbibliothek bis ins kleinste Detail realisieren konnte. Ein klares Zeichen setzte er mit der Umgestaltung des alten Hauptgebäudes: Für die stark gestiegene Anzahl der Studenten ersetzte er das neobarocke Portal durch einen sieben Meter breiten, in die Fassade geschnittenen, verglasten Eingang. Dieser helle und einladende Einlass sollte die Wandlung der Universität von einem Ort der Hierarchien zu einer demokratischen Hochschule der Transparenz demonstrieren, die für alle Bevölkerungsschichten geöffnet ist.

Sofa „Westhausen“, 1926, e15 Sofa „Westhausen“, 1926, e15 | © Während Kramers architektonisches Werk der Nachkriegszeit im heutigen Frankfurt akut von Abriss bedroht und stellenweise bereits abgetragen wurde, stoßen seine Möbel auf große Nachfrage. Der hessische Möbelhersteller E15 etwa hat mit der Ferdinand Kramer Kollektion 2012 seine allererste Wiederauflage vorgestellt: Entwürfe aus Kramers drei wichtigen Schaffensphasen, unter ihnen die im amerikanischen Exil entworfenen, selbst zu montierenden Couchtische der Knock Down-Serie, die praktisch, variabel und platzsparend nicht nur das Prinzip Kramer verdeutlichen, sondern auch aufzeigen, mit welcher Aktualität seine Entwürfe noch in die Gegenwart hineinwirken.

Couchtische „Calvert“ und „Charlotte“, 1951, e15 Couchtische „Calvert“ und „Charlotte“, 1951, e15 | ©