Design der Achtzigerjahre Das höchste der Gefühle

Andreas Brandolini, „Deutsches Wohnzimmer“, Ensemble für die Documenta 8 (1987), Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt und Andreas Brandolini
Andreas Brandolini, „Deutsches Wohnzimmer“, Ensemble für die Documenta 8 (1987), Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt und Andreas Brandolini | Foto: Martin Adam

Die Achtzigerjahre sind das Jahrzehnt des Designs. Sie spülten in Deutschland eine neue, rebellische Generation an die Oberfläche, die sich radikal von der funktionalistischen Tradition der deutschen Designgeschichte distanzierte.

Jahrzehntelang war Design aus Deutschland für nichts anderes als klassisches Industriedesign bekannt: rational, funktional, materialgerecht, ergonomisch – und vor allem industriell produziert. Die Ideen der „guten Form“ und des Funktionalismus blieben in Deutschland, viel mehr als in anderen Ländern, bis in die 1980er-Jahre hinein bestimmend. Das lag zum einen an der dominanten Traditionslinie, vom Werkbund über das Bauhaus bis zur Hochschule für Gestaltung Ulm, zum anderen an den großen Industrieunternehmen, für die die deutschen Designer immer neue Automobile, Maschinen, Bügeleisen und Bürostühle zu entwerfen hatten. Alternativen dazu gab es keine.

Leise Ordnung der Dinge

Herbert Jakob Weinand, Teppich „Berlin“ (1985) Herbert Jakob Weinand, Teppich „Berlin“ (1985) | Foto: Martin Adam Stattdessen prägte Dieter Rams, der Chefdesigner des Haushaltsgeräte-Herstellers Braun, mit seiner Vorstellung von der „leisen Ordnung der Dinge“ das Geschehen. Die vermeintlich besten Entwürfe wurden jedes Jahr beim Bundespreis „Gute Form” durch den Rat für Formgebung mithilfe eines Punktesystems zum Ankreuzen ermittelt. Qualität von Design sei messbar – davon war man damals überzeugt. Von einer Kritik am Funktionalismus, der in Ländern wie Italien schon in den Sechzigerjahren eingesetzt hatte, war bis dahin nichts zu spüren. Der späte Befreiungsschlag gegen das als dogmatisch und langweilig empfundene Industriedesign fiel in Deutschland dann umso heftiger aus: In Hamburg, Berlin, Düsseldorf und Köln schlossen sich Anfang der Achtzigerjahre Designer zu Gruppen zusammen, um mit großem Getöse aus dem System der Industrie auszusteigen und die Möglichkeiten des Designs und die Vorstellungen davon, was es alles sein kann, entscheidend zu erweitern. Die Bewegung, die in Anlehnung an den Neuen Deutschen Film und die Neue Deutsche Welle bald Neues Deutsches Design genannt wurde, war durch und durch rebellisch. Was die Designer entwarfen, waren in erster Linie Demonstrationsobjekte, die provozierten: schrill, bizarr, brachial, ironisch, zum Teil kitschig.
 
  • Volker Albus, Lichtstele „A59“ (1983) Foto: Martin Adam
    Volker Albus, Lichtstele „A59“ (1983)
  • Axel Kufus/Ulrike Holthöfer, Tischleuchte „Lichterstrauß“ (1985) Foto: Martin Adam © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 für das Werk von Ulrike Holthöfer
    Axel Kufus/Ulrike Holthöfer, Tischleuchte „Lichterstrauß“ (1985)
  • Kunstflug, „Bauernstuhl“(1983) Foto: Martin Adam
    Kunstflug, „Bauernstuhl“(1983)
  • Möbel perdu (Michel Feith) Leuchte „Tyranno“ (1984) Foto: Martin Adam
    Möbel perdu (Michel Feith) Leuchte „Tyranno“ (1984)
  • Heinz H. Landes FREISCHWINGER „SOLID“ 1986 Beton, Armierungseisen Privatbesitz Foto: Martin Adam, Berlin © VG Bild - Kunst, Bonn 2014
    Heinz H. Landes FREISCHWINGER „SOLID“ 1986 Beton, Armierungseisen Privatbesitz
Heinz Landes zum Beispiel steckte gebogene Armierungseisen in frisch angerührten Beton, und schon war der Freischwinger-Stuhl Solid fertig; einen zu einem Sessel ausgeklappten Einkaufswagen nannte Stiletto Consumer’s Rest Lounge Chair; es entstand subversiv Affirmatives wie die Leuchten A59 von Volker Albus, die aussehen wie rot-weiße Straßenleitpfosten, oder der Bauernstuhl, den die Gruppe Kunstflug aus Knüppelholz zusammenzimmerte – eine Parodie auf die deutsche Gemütlichkeit.

Schrill Bizarr Brachial

Gerd Schulz-Pilath, „Tarantula“ (1979) Gerd Schulz-Pilath, „Tarantula“ (1979) | Foto: Martin Adam Auf den ersten Blick schienen die Möbel und Objekte des Neuen Deutschen Designs ziemlich heterogen zu sein, und doch summierten sie sich zu einem eigenständigen deutschen Ansatz. Anders als die Entwürfe der Italiener sahen sie um einiges roher und direkter aus, waren stärker von subkulturellen Konzepten geprägt. Auch die politische und gesellschaftliche Situation der Bundesrepublik schlug sich in ihnen unmittelbar nieder: der Kalte Krieg in den Pershing-Tischen von Herbert Jakob Weinand oder das Waldsterben in den Baumleuchten von Kunstflug. Möbel konnten nun auch Träger von Botschaften sein, Gefühle stimulieren oder irritierend mehrdeutig erscheinen, sie mussten sich nicht mehr nur auf den Gebrauch beschränken. In Anlehnung an künstlerische Strategien entstanden Collagen, Readymades und Animismen – Entwürfe in Tiergestalt. Oft waren es nur Unikate und kleine Auflagen, die die Designer auch selbst produzierten und vertrieben. Doch so viel Aufsehen die Bewegung in der Presse erregte, so wenig erfolgreich war sie in Wirklichkeit auf dem Markt. Ende der Achtzigerjahre verschwand sie plötzlich von der Bildfläche. Abgesehen davon, meint Volker Albus, „war da jeder Witz erzählt“.

Stiletto Studios, „Consumer’s Rest“ (1983) Stiletto Studios, „Consumer’s Rest“ (1983) | Foto: Martin Adam, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 In der Ausstellung Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre im Berliner Bröhan-Museum lässt sich diese halb vergessene Generation nun wiederentdecken. Nach einigen der 80 Objekte, die hier zu sehen sind, mussten die Kuratoren lange suchen: Manche galten regelrecht als verschollen, andere lagerten seit Jahrzehnten unberührt in Kellern und Museumsdepots. Zumindest hatte sich seit den Achtzigerjahren keiner mehr näher damit beschäftigt. Dabei haben diese Entwürfe, die in Eigenregie produziert und vermarktet wurden, durchaus einiges mit der aktuellen Situation des Designs zu tun. Die Maker-Bewegung unserer Tage könnte einiges vom Neuen Deutschen Design lernen.
 

„Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre“
17. Oktober 2014 bis 1. Februar 2015, Bröhan-Museum Berlin
Katalog hg. von Tobias Hoffmann; Wienand Verlag 2014, 240 Seiten, 36 Euro