Wohnen mit Demenz Vom Verschwinden der Grenzen

Franz Jordan-Haus Warburg
Franz Jordan-Haus Warburg | Foto: Lukas Roth, Köln

Die Auswirkungen des demografischen Wandels betreffen alle Bereiche unseres Lebens, insbesondere auch die Wohnsituationen älterer Menschen. Zusammenleben oder getrennt wohnen? Die Wünsche und Anforderungen an das Wohnen im Alter haben sich gewandelt.

Seniorinnen und Senioren wollen so lange wie möglich selbstständig und selbstbestimmt leben und das in einem gemischten Wohnumfeld, das ihren Bedürfnissen gerecht wird. Die Idee, alles ausschließlich auf die Interessen der älteren Generation auszurichten und als Seniorengemeinde unter sich zu bleiben, ist wenig beliebt – so lautet jedenfalls das Ergebnis einer Befragung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Die große Mehrheit der Befragten möchte Teil einer Gemeinschaft sein und findet eine Stadt für alle Generationen attraktiv.

Herausforderung Demenz

Doch nicht für jeden funktionieren im Alter Modelle des Lebens ohne Einschränkungen und des individuellen Wohnens, denn sie sind auf Hilfe, Unterstützung und Pflege angewiesen. Sicher ist, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren erhöhen wird. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die steigende Zahl von Demenzerkrankten dar: Schon jetzt leben in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz. Für das Jahr 2050 geht die Deutsche Alzheimergesellschaft sogar von drei Millionen Betroffenen aus. Mit Modellen wie betreutem und ambulantem Wohnen, stationären Wohn- und Hausgemeinschaften oder spezialisierten Wohnheimen haben sich in den letzten Jahren neue Sonderwohnformen herausgebildet, die genau auf diesen Bedarf ausgerichtet sind. Initiativen, die sich für gesellschaftliche Integration und „demenzfreundliche Kommunen“ engagieren, korrigieren schrittweise gesellschaftllilche Klischeevorstellungen von Menschen mit Demenz.

Auf Bedürfnisse abgestimmt

Der Berliner Architekt Eckhard Feddersen setzt sich seit den 1970er-Jahren für eine qualitätvolle Architektur im sozialen Bereich ein. Mit dem Büro Feddersenarchitekten hat er bereits eine Reihe von gestalterisch vorbildhaften Häusern mit adäquaten Räumen für Menschen mit Demenz entwickelt. Zukunftsweisend mit seinem umfassenden Angebot war das 2006 für die Diakonie Neuendettelsau fertiggestellte Nürnberger Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz. Es verfügt über ein Ärztehaus und bietet zudem Angehörigen Beratung an. Die Wohneinheiten beherbergen individuelle familienähnliche Wohngruppen. Die Gestaltung der Innenräume und der von Harms Wulf Freiraumplanung konzipierten Außenanlagen Außenanlagen ist auf die Bedürfnisse der an Demenz erkrankten Bewohner abgestimmt. Die Gestaltung der Raumatmosphäre vermittelt gleichzeitig Geborgenheit und bleibt in der Raumstruktur und Möblierung klar. Dies trägt dazu bei, dass sich die Bewohner mit ihrem neuen Wohnumfeld identifizieren können, wasvon großer Bedeutung für sie ist. Eine ruhige, angenehme Akustik und klare Orientierungshilfen durch Farbe und Licht sind wichtig, da die kognitiven Fähigkeiten im Verlauf einer Demenz immer stärker eingeschränkt werden.

Selbstbestimmtes Wohnen

Ein Schwerpunkt der Stuttgarter Gradmann-Stiftung ist die Förderung innovativer Konzepte für Demenzkranke, dazu gehören beispielsweise integrative Wohnprojekte für ältere Menschen. Seit 2001 vergibt die Stiftung alle zwei Jahre einen Gestaltungspreis für neue Wohnprojekte. Das Paderborner Büro Matern und Wäschle Architekten BDA zählte bereits zwei Mal mit zu den Preisträgern: 2011 mit dem Bau des Sophie-Cammann-Hauses in Paderborn und 2013 mit dem Neubau des Franz-Jordan-Hauses in Warburg.
 
  • Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz Foto: Feddersen Architekten, Ronald Grunert-Held
    Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz
  • Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz Foto: Feddersen Architekten, Ronald Grunert-Held
    Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz
  • Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz Foto: Feddersen Architekten, Ronald Grunert-Held
    Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz
  • Franz Jordan-Haus Warburg Foto: Lukas Roth, Köln
    Franz Jordan-Haus Warburg
  • Franz Jordan-Haus Warburg Foto: Lukas Roth, Köln
    Franz Jordan-Haus Warburg
  • Sophie Cammann-Haus Paderborn Foto: Lukas Roth, Köln
    Sophie Cammann-Haus Paderborn
  • Sophie Cammann-Haus Paderborn Foto: Lukas Roth, Köln
    Sophie Cammann-Haus Paderborn
  • Haus im Viertel, Bremen Foto: Bremer Heimstiftung
    Haus im Viertel, Bremen
Beide Projekte sind überschaubare Einrichtungen, deren Innen- wie Außenraumgestaltung mit einem feinen Gespür für die Bedürfnisse der Bewohner entwickelt wurden. Der Erhalt von Kompetenzen und die Unterstützung von selbstbestimmtem Wohnen und selbstbestimmten Handlungen sollen im Vordergrund stehen. Das Warburger Franz Jordan Haus ist über zwei Geschosse für 64 Bewohner in vier Gruppen ausgerichtet. Jeweils zwei Gruppen sind pro Geschoss untergebracht, das sich um zwei innen liegende Gartenhöfe gruppiert. Dabei entsteht ein natürlicher, zum Garten verglaster Rundgang, der Orientierung schafft und die Wahrnehmung belebt.

Gelebte Nachbarschaft

Eine Alternative zum Leben im Heim sind Wohngemeinschaften, die auf Gemeinschaft, Austausch und Integration abzielen. 1.400 dieser WGs, so das Kuratorium Deutsche Altershilfe, gibt es schon in Deutschland, die Tendenz ist steigend. Eine dieser WGs ist das „Haus im Viertel“, ein auf gelebter Nachbarschaft basierendes Wohnprojekt der Bremer Heimstiftung. Das Gemeinschaftshaus wurde auf dem Gelände einer alten Brotfabrik errichtet, unter seinem Dach sind eine WG für Demenzerkrankte, ein Restaurant, Räume für die Volkshochschule, eine Kita sowie eine Begegnungsstätte untergebracht. Anne Lampen Architekten aus Berlin haben in ihrem Entwurf einer Wohnanlage für die Stadt-und-Land Wohnbauten-Gesellschaft in Berlin-Johannisthal eine Demenz-WG integriert: Ein generationenübergreifendes Nachbarschaftsmodell, in dem der Gemeinschaftsgedanke Vorrang erhält und die hohe Qualität der Architektur die Grenzen zwischen Wohnen und Pflege verschwinden lässt.