50 Jahre Stiftung Warentest Vertraut und unbestechlich

Die erste Ausgabe des „test“-Hefts 1966
Die erste Ausgabe des „test“-Hefts 1966 | Foto (Ausschnitt): © Stiftung Warentest

Früher waren es Stabmixer oder Küchengeräte, heute sind es Smartphones oder Videokameras – seit 50 Jahren bewertet die Stiftung Warentest im Interesse der Verbraucher Waren und Dienstleistungen aller Art. Ihr Logo mit dem roten „t“ auf weißem Grund prangt auf Konservendosen und  Waschmaschinen. Wer ein „gut“ oder „sehr gut“ bekommt, muss sich um den Umsatz keine Sorgen mehr machen. Goethe.de sprach mit Stiftungsvorstand Hubertus Primus über vergangene und aktuelle Herausforderungen im Verbraucherschutz.

Herr Primus, wenn Sie sich die Stiftung als eine Person vorstellen würden, was wäre das für eine Person? Ein guter Freund, ein strenger Prüfer oder eine Tante, die alles besser weiß?

Von allem etwas, würde ich sagen. Natürlich ist die Stiftung eine Person, die vieles besser weiß. Das macht aber auch einen guten Freund aus, der einen berät. Und sie ist sicherlich sehr pingelig und prüft alles sehr genau, bevor sie sich zu etwas äußert.

Was hat Stiftung Warentest in ihren Anfängen in den Sechzigerjahren getestet, was ist stattdessen heute angesagt?

Früher waren es Nähmaschinen, Stabmixer, Küchenmaschinen. Heute sind es immer wieder Smartphones, Laptops, Fernsehbildschirme, aber zum Beispiel auch Mineralwasser. Als wir 1997 Keime im Mineralwasser fanden, war der Aufschrei groß. Ähnlich empört zeigte sich die Öffentlichkeit 2005, als wir den mittlerweile berühmten Olivenöl-Test veröffentlichten. Wir hatten herausgefunden, dass sieben von 26 Ölen der höchsten Güteklasse wärmebehandelt waren. Unser Dauerbrenner sind Energiesparlampen. Am häufigsten haben wir Waschmaschinen und – an zweiter Stelle – Matratzen getestet.

„Wir haben immer den Verbraucher im Blick“

Gab es auch Klagen gegen die Stiftung?

Die gab es immer wieder. Meistens haben wir gewonnen. Bisher wurden wir nie rechtskräftig zu Schadenersatz verurteilt. Auch als wir 2004 die Hautcreme der Schauspielerin Uschi Glas als „mangelhaft“ einstuften, weil sie Hautrötungen hervorrief, hat uns das Landgericht Berlin Recht gegeben und eine Revision nicht zugelassen.

Worin besteht der Erfolg der Stiftung Warentest?

Stiftungsvorstand Hubertus Primus Stiftungsvorstand Hubertus Primus | © Stiftung Warentest Darin, dass wir objektiv, unabhängig und mit wissenschaftlichen Methoden testen. Dabei haben wir immer den Verbraucher und seinen Bedarf im Blick. Ganz wichtig ist unsere Unabhängigkeit und Neutralität. Wir sind werbefrei, wir kaufen anonym ein, wir sind keinem Anbieter verpflichtet. 

Wie finanziert sich die Stiftung?

Wir finanzieren uns zu etwa 90 Prozent durch eigene Erlöse, also den Verkauf der Zeitschriften test (Auflage 450.000) und Finanztest (220.000) sowie durch Erlöse aus dem Internetangebot. Dazu kommt eine jährliche Zuwendung aus dem Verbraucherschutzministerium, die den Ausfall an Werbeeinnahmen ausgleicht. Das sind pro Jahr etwa fünf Millionen Euro, Tendenz leicht fallend.

Bedienungsfreundlichkeit und unternehmerische Sozialverantwortung

Wer legt fest, wann was getestet wird?

Wir beobachten sehr genau den Markt und sein Angebot an Neuheiten. Außerdem erhalten wir Hinweise von unseren Lesern. Auf internationaler Ebene arbeiten wir eng mit Partnerorganisationen zusammen. Das ist beispielsweise für den US-Markt das Magazin Consumer Reports. Was in Amerika vorgestellt wird, kommt wenig später zu auch uns – daran hat sich noch nichts geändert.
 
  • Der Sitz der Stiftung Warentest in Berlin am Lützowplatz 11 im Stadtteil Tiergarten © Stiftung Warentest
    Der Sitz der Stiftung Warentest in Berlin am Lützowplatz 11 im Stadtteil Tiergarten
  • 16. Dezember 1964: Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker überreicht die Gründungsurkunde. © Stiftung Warentest
    16. Dezember 1964: Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker überreicht die Gründungsurkunde.
  • Das erste „test“-Heft erscheint am 26. März 1966 © Stiftung Warentest
    Das erste „test“-Heft erscheint am 26. März 1966
  • In den ersten beiden Tests werden Nähmaschinen und Handrührgeräte untersucht © Stiftung Warentest
    In den ersten beiden Tests werden Nähmaschinen und Handrührgeräte untersucht
  • 1967: Die ersten Farbfernseher in Deutschland kommen auf den Prüfstand © Stiftung Warentest
    1967: Die ersten Farbfernseher in Deutschland kommen auf den Prüfstand
  • Stiftung Warentest führt 1972 auf dem Berliner Kurfürstendamm getestete Kinderwagen vor © Stiftung Warentest
    Stiftung Warentest führt 1972 auf dem Berliner Kurfürstendamm getestete Kinderwagen vor
  • Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs gratuliert der Stiftung 1974 zum zehnjährigen Bestehen © Stiftung Warentest
    Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs gratuliert der Stiftung 1974 zum zehnjährigen Bestehen
  • Ein Dauerprüfstand für Fahrräder ermittelt 1974 Schwachstellen bei längerer Benutzung © Stiftung Warentest
    Ein Dauerprüfstand für Fahrräder ermittelt 1974 Schwachstellen bei längerer Benutzung
  • Bundeskanzler Helmut Schmidt mit getesteten Kinderfahrrädern © Stiftung Warentest
    Bundeskanzler Helmut Schmidt mit getesteten Kinderfahrrädern
  • Das waren noch Zeiten: Im Oktober 1984 wird der Computer Commodore 64 für „gut“ befunden © Stiftung Warentest
    Das waren noch Zeiten: Im Oktober 1984 wird der Computer Commodore 64 für „gut“ befunden
  • 2012 stehen Handys und Smartphones auf dem Prüfstand © Stiftung Warentest
    2012 stehen Handys und Smartphones auf dem Prüfstand
  • Handy-Test an einem Kunstkopf: Im Labor wird standardisiert die Sprachqualität gemessen © Stiftung Warentest
    Handy-Test an einem Kunstkopf: Im Labor wird standardisiert die Sprachqualität gemessen
  • Matratzen-Test: Eine 140 Kilogramm schwere Walze wird 60.000 Mal über die Matratze geführt © Stiftung Warentest
    Matratzen-Test: Eine 140 Kilogramm schwere Walze wird 60.000 Mal über die Matratze geführt
  • Wanderschuh: 32 Düsen dampfen aus dem künstlichen Schwitzfuß © Stiftung Warentest
    Wanderschuh: 32 Düsen dampfen aus dem künstlichen Schwitzfuß
  • Die Zeitschrift „Finanztest“ testet seit 1991 Finanz- und Versicherungsangebote © Stiftung Warentest
    Die Zeitschrift „Finanztest“ testet seit 1991 Finanz- und Versicherungsangebote
  • Bis heute haben die Produktbewertungen der Stiftung Warentest hohe Marktwirksamkeit © Stiftung Warentest
    Bis heute haben die Produktbewertungen der Stiftung Warentest hohe Marktwirksamkeit
Wer testet alles für Sie?

Wir kooperieren mit etwa 200 Labors und Prüfinstituten auf der ganzen Welt, die alle eine Neutralitätserklärung abgeben müssen. Diese Einrichtungen schicken uns ihre wissenschaftlichen Gutachten. Wir bewerten sie und vergeben auf dieser Grundlage unsere bekannten Schulnoten von „sehr gut“ bis „mangelhaft“.

Was einem Ingenieur Freude bereitet, ist für einen Verbraucher noch lange nicht praktikabel. Welchen Stellenwert hat für Sie die Benutzerfreundlichkeit eines Produkts?

Da besteht ohne Zweifel ein Spannungsverhältnis. Damit nicht die Sicht der Ingenieure dominiert, gibt es vor jedem Test eine Projektbesprechung, bei der unser zuständiger Redakteur die Sicht der Verbraucher vertritt. Beispiel Staubsauger: Nicht nur die Saugleistung ist wichtig, sondern auch die Länge der Schnur, damit man nicht allzu oft die Steckdose wechseln muss. Und weil bekanntlich in Deutschland die Verbraucher immer älter werden, berücksichtigen wir auch die Bedienungsfreundlichkeit, etwa wenn es um die Handhabung einer Kaffeemaschine geht. 

Sie testen seit 2004 auch die sogenannte Corporate Social Responsibility, also unternehmerische Sozialverantwortung. Warum?

Wir haben festgestellt, dass das Interesse an diesen Testergebnissen steigt. Die Menschen sind heute viel mehr geneigt, ihr Kaufverhalten auch davon abhängig zu machen, unter welchen Bedingungen Waren hergestellt wurden. Das hat besonders nach dem verheerenden Unglück in der Textilfabrik in Bangladesch 2013 zugenommen. Wenn die Verbraucher hier reagieren, müssen sich die Anbieter ebenfalls umstellen. Im Idealfall verbessern sich dann die Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern. Allerdings schaffen wir nicht mehr als drei dieser Tests im Jahr. Sie sind recht aufwendig. 

Wie hoch schätzen Sie den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Stiftung Warentest ein?

Wenn man so bekannt ist wie die Bundeskanzlerin, also bei 97 Prozent der Bevölkerung eine  feste Größe ist, und wenn wir laut Umfragen wissen, dass sich zwei Drittel der Verbraucher nach unseren Testergebnissen richten – dann können Sie daran schon unsere Bedeutung ablesen. Ich glaube, dass wir ganz wesentlich dazu beitragen konnten, dass sich im Laufe der Jahre Produkte verbessert haben. Wenn wir etwas als „mangelhaft“ bewerten, ist das Produkt weg vom Markt. Wir haben – um es etwas pauschal zu sagen – einen Anteil daran, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft deutlich erhöht hat.