Westen Anders, aber irgendwie auch gleich

Filmstill aus „Westen“
Filmstill aus „Westen“ | © Meteora Films

In der popkulturellen Wahrnehmung funktionieren Ost- und Westdeutschland nach wie vor auf zwei gegenüberliegenden Enden der Skala: Trauer versus Fröhlichkeit, grau versus bunt, Stacheldraht versus Graffiti. Westen von Christian Schwochow zeigt, dass es zwischen diesen beiden Extremen viel Raum für Interpretationen und Zweifel gab.

„Die haben hier die gleiche blau-weiß karierte Bettwäsche wie drüben im Knast“, bemerkt einer der Protagonisten des Films, Hans (Alexander Scheer), der bereits seit zwei Jahren in einem Flüchtlingslager in Westdeutschland lebt. Diese lakonische Feststellung, die an die Heldin des Films Westen gerichtet ist, enthält in gewisser Weise den Kern des Films. Auch wenn der Hauptstrang der Handlung einige typische Thriller-Elemente aufweist – am interessantesten und verblüffendsten ist das, was im Hintergrund, gewissermaßen am Rande der dargestellten Ereignisse geschieht. Jenes „dargestellte Ereignis“ ist eine Ausreise, eine Flucht in den Westen.


Filmtrailer von „Westen“; Quelle: www.youtube.com

Eine Woche, zehn Tage

Deutschland in den Siebzigerjahren. Nelly (die großartige Jördis Triebel), eine attraktive dreißigjährige Frau, siedelt gemeinsam mit ihrem heranwachsenden Sohn Alexej aus der DDR in die BRD über und landet in einem Notaufnahmelager in West-Berlin. Eigentlich hatte sie sich alles so schön und bunt vorgestellt, doch in Wirklichkeit ist es düster und grauenhaft, das Lager ist überfüllt mit frustrierten Menschen, die in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Wartens auf ein Wunder verharren. Ihr Heiliger Graal ist ein unscheinbares Formular, das mit einer bestimmten Anzahl von Stempeln versehen werden muss. Genauer gesagt zwölf. Wem dieses Kunststück gelingt, der erhält die westdeutsche Staatsbürgerschaft, eine Arbeitserlaubnis und die Chance auf ein neues Leben. „Eine Woche, zehn Tage“ daure das, wird Nelly von einem Beamten beruhigt. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Zusätzlich erschwert wird die Situation durch Nellys ungewissen Familienstatus: Ihr Lebenspartner und der Vater ihres Sohnes war ein Russe, der ein recht mysteriöses Leben führte und drei Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Eigentlich hatte Nelly gehofft, durch ihre Flucht in den Westen, endlich die Vergangenheit hinter sich zu lassen und den Schikanen der Stasi zu entkommen. Doch in Wirklichkeit gerät sie vom Regen in die Traufe – mit dem Unterschied, dass sie jetzt von einem US-Offizier verhört wird, denn ihr Notaufnahmelager befindet sich im amerikanischen Sektor der Stadt. Zu allem Überfluss deutet alles darauf hin, dass sie sich auch dem Zugriff der Stasi nicht endgültig entzogen hat: Die westdeutschen Notaufnahmelager sind ein idealer Ort für geheimdienstliche Aktivitäten. Auch die quälende Frage, ob ihr russischer Lebenspartner tatsächlich bei einem Autounfall ums Leben kam oder ob sein Tod vielleicht nur vorgetäuscht war, bleibt ungeklärt. Nelly fühlt sich zunehmend umzingelt, ihr Verhalten nimmt paranoide Züge an. Schließlich verdächtigt sie sogar jene, die ihr am meisten zugetan sind.

Der graue Thriller-Alltag

Hätten sich die Macher des Films ausschließlich auf den Thriller-Charakter der Geschichte konzentriert, wäre Westen nur ein weiteres Werk geworden, das sich wohlbekannter und abgenutzter Klischees bedient: die dunklen Straßen West-Berlins und die Schlagbäume am Checkpoint Charlie, die – wie könnte es anders sein – im nächtlichen Mondschein präsentiert werden. Glücklicherweise wurde jedoch dem wesentlich graueren und trivialeren Hintergrund der Handlung ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wie sehen Nellys berufliche Perspektiven aus? In der DDR hatte sie als promovierte Chemikerin an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet und gute Aussichten auf eine erfolgreiche Karriere gehabt. In West-Berlin kann sie bestenfalls auf einen aus ihrer Sicht erniedrigenden und frustrierenden Job als Laborantin hoffen. Vielen anderen Figuren des Films geht es ähnlich. Im Flüchtlingslager freundet sich Nelly mit der jungen Polin Krystina (Anja Antonowicz) an, einer begabten Cellistin, die schwarz in einer Berliner Kneipe arbeitet. Ihre Chancen auf eine Karriere als Musikerin tendieren gegen Null. Ein weiteres Problem ist die Kontaktlosigkeit. Flüchtlinge mit wenn auch noch so entfernten Verwandten im Westen haben von Beginn an die besseren Chancen. Alle anderen, so wie Nelly, werden Monate oder sogar Jahre lang in den Flüchtlingslagern festgehalten. Niemand interessiert sich hier für ihre Zukunft. Und dann wäre da noch die Frage der Freiheit. Die DDR war geradezu ein Symbol der Diktatur und Unterdrückung. Aber ist das neue Leben im titelgebenden Westen wirklich ein solches Feuerwerk der Freiheit?

Westen
Deutschland, 2013
Regie: Christian Schwochow
Verleih: Senator Film (in Polen: Vivarto)
Polnische Premiere: 17. April 2015