Kreuzweg Ein (Un)Glaubensbekenntnis

Filmstill aus „Kreuzweg”
Filmstill aus „Kreuzweg” | © Camino Filmverleih

Kreuzweg von Dietrich Brüggemann ist ein Beweis dafür, wie schwer es heutzutage ist, einen Film über tief empfundene, strenge Religiosität zu machen.

Zu Beginn des Films erscheint auf der Leinwand die Einblendung „Jesus wird zum Tode verurteilt“, die erste Station des Kreuzweges, die der nachfolgenden Handlung den Charakter einer unaufhaltsamen Abfolge von Ereignissen verleiht. Unmittelbar darauf werden wir Zeugen einer Religionsstunde: Um einen länglichen Tisch herum sitzt eine Gruppe von Jugendlichen, und zwischen ihnen, genau in ihrer Mitte, erteilt ein Priester den Unterricht. Eine Figurenanordnung, die ganz offensichtlich von Leonardo da Vincis Wandgemälde Das Abendmahl inspiriert ist. Der Priester entspricht somit der Figur des Jesus (als sein sichtbarer Stellvertreter), und die zu seiner Rechten sitzende vierzehnjährige Maria dem Apostel Johannes – dem „Lieblingsjünger“ Jesu und Verfasser der Johannesbriefe und der Offenbarung. Die in einer einzigen Einstellung gedrehte Szene dauert etwa 15 Minuten und dient gewissermaßen als Einleitung.


Der Filmtrailer von „Kreuzweg“; Quelle: AuroraFilmsPl, www.youtube.com

Konflikt zwischen Glauben und Religion

Maria und ihre Mitschüler gehören einer traditionalistischen katholischen Gemeinschaft an, die die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt – ebenso wie zahlreiche andere Aspekte des modernen Lebens, insbesondere die Musik, die als ein Werk des Teufels angesehen wird. Das Leben in Marias Familie ist vollständig der Religion und den von ihr auferlegten Regeln untergeordnet. Regeln, die – wie einer der Rezensenten treffend bemerkte – gewissermaßen ein binäres System bilden. Es gibt in Kreuzweg keine Unterteilung in schwere und leichte Sünden, keine noch so rudimentäre Abstufung zwischen unterschiedlichen Verfehlungen. Man kann sich nur mustergültig oder verwerflich verhalten – wobei bereits der Wunsch, die Proben eines Kirchenchors zu besuchen, der Gospellieder (!) singt, als verwerflich gilt. Obwohl Maria ein geradezu vorbildlicher Teenager ist (sie ist höflich, fleißig und kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister), wird sie von ihrer Mutter unablässig terrorisiert. Der Vater mischt sich nicht in die Erziehung ein, er „übersieht“ den seelischen Missbrauch, den seine Frau an den Kindern verübt. Und Marias Religionslehrer vertritt eine so kämpferische religiöse Haltung, dass man ihn getrost als Fundamentalisten bezeichnen darf.

Die Figuren des Films sind derart überzeichnet, dass man sie als Zuschauer mitunter gar nicht ernst nimmt – sie erregen kein wirkliches Interesse, sondern rufen eher Belustigung oder Langeweile hervor. Brüggemann kritisiert zwar die von ihm dargestellte Welt, er liefert jedoch keine konstruktiven Lösungsansätze, sondern nur einen pauschalen Widerspruch. Sein Film zeigt ausschließlich die dunklen Seiten einer streng religiösen Lebensführung – überdies in einer extremen Überzeichnung. Dabei ist Dietrich Brüggemann ein viel zu bewusster Künstler, als dass man ihm vorwerfen könnte, ein so wichtiges Thema absichtlich zu trivialisieren. Möglicherweise finden wir den Schlüssel zum Verständnis des Films also bereits in der ersten Szene, in der der Regisseur andeutet, die vierzehnjährige Maria sei eine Auserwählte Gottes, also eine Heilige? Nach dieser Interpretation wäre Kreuzweg also ein Film über den Konflikt zwischen Glauben und Religion, die vom Regisseur als gegensätzlich, ja sogar einander ausschließend dargestellt werden. Maria ist tief in ihrem Glauben verwurzelt, den sie als etwas Selbstverständliches, geradezu Organisches begreift. Ihr gesamtes Leben ist auf Gott ausgerichtet. Im Gegensatz dazu sind ihre Eltern und auch der Priester religiöse Menschen, die keinen wahren Glauben in sich tragen und diesen Mangel durch die strikte Befolgung von Regeln zu kompensieren versuchen. Regeln, die nichts als Leid und Unterdrückung hervorbringen. Und an dieser Stelle kommen wir zur eigentlichen Frage: Ist die Religion, gerade auch in ihrem traditionellen Verständnis, ausschließlich etwas Schlechtes, das es vorbehaltlos zu verurteilen gilt?

Entweder Gelächter oder Angst

Strenge Religiosität ruft heutzutage entweder Gelächter oder Angst hervor. Ein vielsagendes Dokument über unseren Umgang mit diesem Thema ist Ulrich Seidls großartiger Film Paradies: Glaube, in dem eine überzeugte Katholikin versucht, ihre Nachbarn zu missionieren und dabei nichts als Spott und Ablehnung erntet. Niemand versucht, sich offen mit ihr zu unterhalten – wobei das Auftreten der Protagonistin auch kaum eine andere Reaktion zulässt. Beide Seiten stehen sich weitgehend fremd gegenüber.

Wenn man sich Kreuzweg ansieht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Film die aktuelle Situation in Polen sehr gut wiedergibt. Die konservativen Katholiken, insbesondere aus dem Umfeld des nationalkonservativen katholischen Radiosender Radio Maryja, werden von Atheisten und liberalen Katholiken als eine Art separate Volksgruppe betrachtet. Sie sprechen eine eigene Sprache und leben nach eigenen Regeln – sie sind Fremde, weil der Dialog mit ihnen unmöglich geworden ist. Und leider deutet alles darauf hin, dass sich diese Situation in Zukunft noch verschärfen wird.

Kreuzweg
Deutschland, 2014
Regie: Dietrich Brüggemann
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart in Deutschland: 20. März 2014