Oilfields Mines Hurricanes Eine sehr seltsame Reise

Filmstill aus „Oilfields Mines Hurricanes“
Filmstill aus „Oilfields Mines Hurricanes“ | © Schuldenberg Films

Salpa ist ein geheimnisvoller Mensch, an dessen Bart sich ein Manteltier (Salpa) festgesaugt hat. Fasziniert vom Phänomen der Wandervögel verlässt der Held Island und begibt sich nach Halberstadt in Deutschland. Das ist kein komischer Traum – so beginnt einer der originellsten Filme des Jahres 2014.

Der Begriff „Experimentalfilm“ löst oft nervöse Reaktionen aus. Experimentalfilme gelten als hermetisch, prätentiös oder langweilig. Überdies „terrorisieren“ sie die Zuschauer in einem gewissen Sinne, wenn hinter ihrer Entstehung Künstler stecken, die Filme selbst Kunstwerke sind und unabhängig von ihrer Bewertung als solche bewundert werden sollen. Es kommt aber auch vor, dass ein Experimentalfilm so ungewöhnlich ist, dass sich unser eventueller Widerwille gegen ein solches Werk in Neugier verwandelt, und diese wiederum in Faszination. Oilfields Mines Hurricanes kann man ohne weiteres zu dieser Kategorie Filme zählen.

Eine Partitur für 18 Künstler...

Der Ausgangsgedanke klang wie eine Herausforderung. Zwei Filmemacher, Fabian Altenried und Kristof Gerega, haben beschlossen, nicht nur eine neue, bislang unbekannte Form des Drehbuchschreibens zu kreieren. Ihren Helden Salpa haben sie auch zum „Träger“ einer multiplizierten Persönlichkeit gemacht. Ganz kurz gesagt, sollte ihr Salpa kein Singular, sondern ein Plural sein. Er sollte eine Vielfalt von Visionen in sich tragen, die oft zueinander im Widerspruch standen. Um dies zu erreichen, luden Fabian und Kristof 16 Künstler zu dem Projekt ein, Menschen von unterschiedlicher Empfindsamkeit, die in verschiedenen Gebieten der Kunst aktiv waren und die einander oft gar nicht kannten. Interessanterweise hatten die geladenen Gäste keinen Einblick in die Gesamtheit der Drehbuchstruktur, sondern nur in mehr oder weniger lange Ausschnitte. Manchmal erinnerte die Arbeit am Text an ein Spiel von Kindern, die zeichnen oder Karten knicken. Die nächste Person sah nur von unten herausstehende Fragmente und zeichnete ein Element hinzu, das zwar formal mit dem vorherigen verbunden war, aber oft überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte. Natürlich wurden viele Regeln, die bei Beginn des Projekts „The Salpa Tales“ galten, mit der Zeit verworfen; dennoch blieb der fragmentarische, von inneren Spannungen geprägte Charakter des Helden und seines Handelns erhalten.


Trailer des Films „Oilfields Mines Hurricanes“; Quelle: vimeo.com; Schuldenberg Films

... die Komposition von Cage und der Lebenszyklus des Manteltiers...

Ein Konzert für 18 Solisten, die nur begrenzten Einblick in die Gesamtheit des Projekts haben, wäre früher oder später im Chaos versunken. Deshalb brauchten die Filmemacher Bezugspunkte oder besser –ebenen, die es erlaubten, Zusammenhang und Rhythmus des Drehbuchs zu bewahren. Die erste davon war das berühmte Orgelstück von John Cage As Slow As Possible, das zugleich Gegenstand der längsten Musikperformance in der Geschichte der Menschheit ist. As Slow As Possible kann man „normal“ spielen – dann dauert das Konzert 20-70 Minuten. Die im Titel enthaltene Empfehlung kann man aber auch wörtlich nehmen. So geschehen im Jahr 2001, als das Stück im langsamst möglichen Tempo begonnen wurde. Nach sämtlichen Berechnungen soll dieses Konzert 640 Jahre dauern. Überdies fand die Orgelperformance in einer der Kirchen von Halberstadt statt, also am Ziel von Salpas Reise. Die zweite Bezugsebene ist Salpas stummer Reisebegleiter, ein durchsichtiges Manteltier, das sich an Salpas Bart festgesaugt hat. Der Lebenszyklus dieses primitiven, sich aber außergewöhnlich schnell entwickelnden Organismus wurde von den Filmemachern wörtlich genommen – jede Etappe im Lebenszyklus dieses Geschöpfs wurde zur Grundlage für ein weiteres Abenteuer des Helden. Die Verknüpfung zweier Bezugsstrukturen, einer linearen (Cages Stück) und einer zirkularen (der Lebenszyklus des Manteltiers) wurde zur Grundlage für das Skelett der Drehbuchkonstruktion.

... und Wandervögel.

Nicht ohne Bedeutung bleibt auch der unmittelbare Impuls, der Salpas Reise anstieß – die Faszination für Wandervögel und ihren „Herdeninstinkt“. Der Mechanismus, nach dem sich ein Wandervogelzug fortbewegt, birgt viele Geheimnisse – es ist schwer, genau und wissenschaftlich zu erklären, warum sich einzelne Vögel zu einer Gruppe zusammenschließen, wer sie de facto führt und warum sie gerade in dieser und nicht in einer anderen Formation fliegen. Fragen gibt es übrigens noch viel mehr; eigentlich handelt es sich bei dem ganzen Projekt „The Salpa Tales“ um Dutzende Fragen und Rätsel, die den Zuschauern gestellt werden.

Geradezu faszinierend ist die Tatsache, dass sich ein konzeptionell so kompliziertes Projekt als so überraschend zusammenhängend erweist, insbesondere unter dem visuellen Aspekt. Es ist ein ästhetisches Vergnügen, Oilfields Mines Hurricanes anzuschauen. Wenn es aber um die einfachste Frage geht: „wovon handelt der Film eigentlich?“, dann fallen einem die einfachsten Antworten ein. Er erzählt von einer schwer zu bestimmenden Identität, von Entfremdung und Einsamkeit.

Salpa bewegt sich durch eine Welt, die er nicht versteht und mit der er nicht kommunizieren kann. Seine gesamte Reise ist von einem Paradox gekennzeichnet – je weiter er sich von dem Ort entfernt, an dem er aufgebrochen ist, desto unklarer scheint das Ziel seiner Reise zu sein. Und kommt uns das nicht bekannt vor? Sieht so nicht zufällig auch unser Leben aus?

Oilfields Mines Hurricanes
Deutschland, 2014
Regie: Fabian Altenried, Kristof Gerega und andere
Verleih: Schuldenberg Films
Der Film wurde bei der diesjährigen Ausgabe Festivals T-Mobile Nowe Horyzonty in Breslau gezeigt.