Domino Effekt Geisterkurort

Filmstill aus „Domino Effekt“
Filmstill aus „Domino Effekt“ | © Spectator

Der Dokumentarfilm Domino Effekt von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski kommt in Kürze in die polnischen Kinos. Es ist ein in doppelter Hinsicht außergewöhnlicher Film: Zum einen gewinnt er fast überall, wo er gezeigt wird, Preise (unter anderem drei der wichtigsten Auszeichnungen auf dem Krakauer Filmfestival). Zum anderen ist er eine deutsch-polnische Koproduktion, ohne wirklich einen thematischen Bezug zu einem dieser Länder zu haben.

Abchasien. Ein exotischer Name, der nach Fernem Osten klingt. Wer sich für Geografie interessiert, weiß, dass Abchasien eine Provinz im Nordwesten Georgiens, am Schwarzen Meer ist. Wer sich für Geschichte interessiert, erinnert sich daran, dass vor zwanzig Jahren in dieser Region ein Krieg tobte, in dessen Folge sich die von Russland unterstützte Provinz Abchasien von Georgien abspaltete und ihre Unabhängigkeit verkündete. Auf diese Weise entstand die Autonome Republik Abchasien (mit der Hauptstadt Sochumi), die von nur vier UN-Mitgliedsstaaten anerkannt wird: von Russland, Nicaragua, Venezuela und der zu Mikronesien gehörenden Republik Nauru. Auch die Inselstaaten Tuvalu und Vanuatu hatten die Unabhängigkeit Abchasiens zeitweise anerkannt, ihre Unterstützung jedoch bald darauf wieder zurückgezogen. Aus diesem Grund ist Abchasien nahezu völlig abgeschnitten von der Welt (zum Beispiel werden keine Briefe in das Land befördert) und von ausländischen Investitionen. Infolge der Kriegshandlungen reduzierte sich die Einwohnerzahl von über 500.000 auf gerade einmal 200.000. Der einstige sowjetische Kurort verfällt zunehmend zur Ruine, immer mehr Ansiedlungen verkommen zu Geisterstädten. Selbst in Sochumi gibt es dutzendweise ausgebrannte oder leer stehende Gebäude, und im Hafen im Stadtzentrum liegt ein gekentertes, rostiges Schiff, das an einen toten, verrottenden Wal erinnert.

„Das alles kann man prima erzählen“, erklärt der Regisseur Piotr Rosołowski, „aber man kann keinen Film darüber machen“. Die Idee zum Film entstand erst, als sich in dieser ungewöhnlichen Szenerie eine ebenso ungewöhnliche Liebesgeschichte entwickelte: zwischen dem Abchasen Rafael, einem Sportminister in einem Staat ohne internationale Anerkennung, und der Russin Natascha, einer ehemaligen Opernsängerin. Diese durch die Geschichte, durch Nationalismen und Vorurteile belastete Liebesgeschichte fungiert als Prisma, in dem sich das ganze Drama dieser Region und ihrer Menschen bündelt.


Quelle: www.youtube.com; Otter Films Anna Wydra

Deutsch-polnische Beziehungen

Nicht weniger interessant als die Thematik des Films ist seine Entstehungsgeschichte: Die Produzenten des Films sind auf polnischer Seite Anna Wydra und auf deutscher Seite Ann Carolin Renninger und Thomas Kufus. Hinter diesen Namen stehen die Produktionsfirmen Otter Films und Zero One Film, außerdem entstand der Film in Koproduktion mit dem RBB und in Zusammenarbeit mit ARTE. Der Domino Effekt begann gewissermaßen als Eigenproduktion: Die ersten fünf (!) Reisen nach Abchasien bezahlten Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski gemeinsam mit Anna Wydra (der Gründerin von Otter Films) aus eigener Tasche. Die Finanzierung des Projekts gestaltete sich – wie die Macher einhellig bekunden – äußerst schwierig, das Argument, das sie am häufigsten zu hören bekamen, lautete: Wer interessiert sich schon für Abchasien? Als klar wurde, dass in Polen nur das Polnische Filminstitut in der Lage sein würde, das Projekt finanziell zu unterstützen, musste unbedingt ein finanzieller Partner von außerhalb gefunden werden. Schließlich sprang die Berliner Produktionsfirma Zero One Film ein – eine feste Größe in der Branche, die bereits unter anderem Markus Imhoofs More than Honey, einen der aufsehenerregendsten und (mit einem Budget von 2 Millionen Euro) aufwendigsten Dokumentarfilme der letzten Jahre, produzierte.

Es ist auffällig, dass immer mehr polnische Filme – sowohl Spiel- als auch Dokumentarfilme – als Koproduktionen entstehen. Als jüngste Beispiele im Dokumentarfilmbereich können der zurzeit in der Mongolei gedrehte Child of the Steppe der DOK Leipzig-Preisträgerin Marta Minorowicz oder auch Eliza Kubarskas Walking under Water (bei dem Piotr Rosołowski als Kameramann mitwirkte) über die Ureinwohner Borneos genannt werden. Und vor vier Jahren gewann die schwedisch-polnische Koproduktion Vodka Factory von Jerzy Śladkowski, dessen Handlung in der russischen Provinz spielt, zahlreiche Filmpreise. Es ist also nur konsequent, wenn polnische Filmemacher nach Mitarbeitern und Produktionspartnern im Westen suchen – der Domino Effekt scheint diese Tendenz lediglich zu bestätigen. Darüber hinaus erwies sich die Zusammenarbeit zwischen Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski und ihrem deutschen Koproduzenten als so erfolgreich, dass sie bereits an einem weiteren gemeinsamen Projekt arbeiten.

Der Artikel entstand unter Verwendung von Auszügen aus einem Interview mit dem Titel Kurort permanentnie po sezonie, das Katarzyna Skorupska im Auftrag des Verbands Polnischer Filmschaffender mit Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski führte. Der Film Domino Effekt läuft am 26. September im Vertrieb von Spectator in den polnischen Kinos an.