Heute bin ich blond Sophie zieht in die Schlacht

Filmstill aus „Heute bin ich blond“
Filmstill aus „Heute bin ich blond“ | © Marc Rothemund; Quelle: Aurora Films

Noch ein Film über Krebs? Weit gefehlt. Heute bin ich blond erzählt vor allem davon, dass wir jeden Tag aufs Neue entscheiden, ob unser Glas halb voll oder halb leer ist.

2005 ist Sophie van der Stap 21 Jahre alt, und die Welt liegt ihr zu Füßen: Sie will (endlich!) bei ihren Eltern ausziehen, gemeinsam mit ihrer besten Freundin eine WG gründen und ihre Zeit gerecht zwischen Studium, Jungs, Alkohol und Partys aufteilen. Das einzige Problem ist ein hartnäckiger Husten, der sie seit einigen Monaten quält und mit der Zeit immer schmerzhafter wird. Außerdem hat ihre Regel ausgesetzt, obwohl sie nicht schwanger ist. Die Diagnose erweist sich als Schock: Sophie leidet an einer seltenen Form von Krebs, der in ihrem Fall auch noch inoperabel ist.

Ihre Überlebenschancen werden auf 15 Prozent geschätzt. Sie hat zwei Alternativen: entweder sich selbst aufzugeben oder sich einer 30 Wochen dauernden Chemotherapie und anschließenden Bestrahlung zu unterziehen. Sophie van der Stap gibt sich nicht nur nicht auf, sondern sie beginnt sogar einen Blog zu schreiben, der ein Jahr später in Buchform erscheint und zu einem Bestseller wird. Der Film Heute bin ich blond ist eine ziemlich getreue Verfilmung des Buchs – die Mehrzahl der Situationen, Dialoge und Off-Kommentare wurden direkt übernommen.

Auch hübsche Mädchen werden krank

Der Kampf gegen den Krebs ist ein ebenso dankbares wie schwieriges Thema für Filmemacher. Einerseits ist es ein inszenatorischer Selbstläufer: Der Kampf eines Menschen gegen einen heimtückischen und tödlichen Feind, der sich zudem noch im eigenen Körper verschanzt, ist ein universales Motiv, das überall auf der Welt verstanden wird.

Andererseits setzen sich Filme über dieses Thema gerade dadurch dem Vorwurf aus, es sich zu einfach zu machen und auf übertriebene Gefühlsduselei und Kitsch zu setzen. Vor allem die Darstellung der einzelnen Stadien des körperlichen Zerfalls lädt zur Übertreibung, körperlichen Zurschaustellung und Rührseligkeit ein.

Ein möglicher – und durchaus sinnvoller – Ausweg aus diesem Dilemma ist es, das Drehbuch auf Tatsachen basieren zu lassen: auf einer wahren Geschichte und wirklichen Menschen. Umso mehr, als jeder Kampf gegen den Krebs, auch wenn er viele Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Schicksalen aufweist, doch immer eine eigene Geschichte erzählt, die vom individuellen Charakter und Temperament des Kranken bestimmt ist. Heute bin ich blond ist hierfür ein sehr interessantes Beispiel. Interessant und spannend erzählt – und dies gleich aus mehreren Gründen.

Da ist zum einen die bemerkenswerte Leistung des Regisseurs Mark Rothemund (Sophie Scholl – Die letzten Tage), die Geschichte in Balance zu halten und sämtlichen Aspekten des Drehbuchs gerecht zu werden. Der Film hat nichts Makabres, es gibt keine drastischen Darstellungen des körperlichen Verfalls. Aber er schreckt auch nicht vor diesem Thema zurück. Chemie ist Chemie: Wir sehen, wie Sophie sich erbricht und ihr die Haare büschelweise ausfallen. Und wir sehen – was wohl am schlimmsten ist – ihre animalische Angst vor jeder weiteren Untersuchung, die entweder ihr Todesurteil oder ihre Begnadigung bedeuten kann.

Hinzu kommt, dass die Hauptdarstellerin des Films, die temperamentvolle Lisa Tomaschewsky, eine überaus hübsche junge Frau ist. Alles klar – möchte man sagen – eine attraktive Frau kämpft gegen den Krebs, was für ein billiger Trick. Aber es ist die Wahrheit. Wenn man sich die Bilder der echten Sophie van der Stap im Internet ansieht, zeigt sich, dass sie noch hübscher ist als ihre Darstellerin im Film. C'est la vie – auch attraktive Frauen erkranken an Krebs.

Eine weitere Stärke des Films ist die Tatsache, dass die Protagonistin nichts Märtyrerhaftes an sich hat. Es ist bemerkenswert, dass sie kein einziges Mal ihr Schicksal beklagt und es ihr gar nicht in den Sinn kommt, sie verdiene aufgrund ihrer Krankheit eine Sonderbehandlung. Ganz im Gegenteil: Vor unseren Augen verwandelt sie sich in eine Kriegerin, die in die Schlacht zieht, und die neun Perücken, die sie abwechselnd trägt, wirken in diesem Zusammenhang fast wie eine Kriegsbemalung. Sophie ist tough, voll konzentriert auf ihr Ziel, wieder ganz gesund zu werden, manchmal wirkt sie kühl und zynisch (z. B. wenn sie mit Männern flirtet, nur um sich ihres Sex-Appeals zu vergewissern). Manche Menschen aus ihrem Umfeld stößt sie zu weit von sich ...

Krebs als Chance

Der dritte und wohl wichtigste Punkt ist jedoch, dass „Heute bin ich blond“ weniger vom Kampf gegen den Tod als vielmehr von einem Schnellkurs in Sachen Leben handelt. „Ich hatte so viele Pläne, was ich in den nächsten Jahren machen, erleben, erreichen wollte“, sagt Sophie in einer Szene. „Es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass ich das alles möglicherweise schon längst habe.“ Dieses seltsame Jahr, in dem sie so lebt, als wäre jeder Tag ihr letzter, erweist sich – paradoxerweise – als ein Geschenk des Himmels und als eine einzigartige Erfahrung, die es ihr ermöglicht, das „Hier und Jetzt“ auszukosten – glücklich zu sein, ohne sich ständig Gedanken um die Zukunft zu machen. Am Anfang und Ende des Films stehen zwei Silvesterpartys, bei denen sich alle erzählen, was sie sich für das nächste Jahr vorgenommen haben. Die Sophie, die wir auf der zweiten Silvesterparty erleben, ist ein völlig anderer Mensch. Ein viel, viel weiserer Mensch.

Heute bin ich blond
Regie: Marc Rothemund
Deutschland / Belgien 2013,
115 Min.
Verleih: Universum Film GmbH (in Polen: Aurora Films)