Zwei Leben Geschichte im Dienste der Spannung

Filmstill aus „Zwei Leben“
Filmstill aus „Zwei Leben“ | © Tom Trambow; Quelle: Aurora Films

Der historische Thriller ist ein Genre, das besonders in den USA beliebt ist. Es verleiht den Geschichten eine zusätzliche Spannung durch den Bezug zur Realität und lässt Figuren glaubhaft erscheinen, die in fiktiven Geschichten allzu fantastisch wirken würden. Der Suspense entsteht im Tatsachenthriller auf einer besonders interessanten Ebene: Der Zuschauer weiß im Voraus, wie die Geschichte ausgeht, kann sich jedoch nicht sicher sein, wie es dazu kommt. Noch interessanter wird es, wenn Europäer sich diesem Genre zuwenden, wie zuletzt Georg Maas in seinem Film Zwei Leben.

Den in Europa entstehenden Geschichtsthrillern geht es nicht so sehr darum, die ruhmreichen Kapitel der eigenen Geschichte darzustellen oder außergewöhnliche Heldentaten zu besingen (wie es amerikanische Regisseure gerne tun), sondern vielmehr um eine Entmythologisierung der Geschichte. Die unruhige Zeit des Zweiten Weltkriegs und die nicht minder bewegten Nachkriegsjahre haben viele Grauzonen und kaum erforschte Themen hinterlassen, die sich als eine wahre Fundgrube vielversprechender filmischer Motive erweisen. Auch der renommierte deutsche Dokumentarfilmer Georg Maas bedient sich aus diesem Fundus und siedelt die Handlung seines zweiten Spielfilms im Deutschland des Jahres 1990 an – einer Zeit, in der zahlreiche geheime Maßnahmen der DDR-Regierung ans Tageslicht kamen.

Das Doppelleben der Katrine Evensen (Juliane Köhler), einer attraktiven Frau in den mittleren Jahren, wird uns bereits im Prolog des Films präsentiert: Nach ihrer Ankunft auf dem Berliner Flughafen steuert die Protagonistin als Erstes eine Toilette an, um sich umzuziehen und eine Perücke aufzusetzen. Wir wissen nicht, warum sie diese Vorsichtsmaßnahmen trifft, wir wissen lediglich, dass sie Deutsche ist und dass sie in das sich wiedervereinigende Berlin gekommen ist, um gewisse Nachforschungen anzustellen. Etwas später lernen wir auch Katrines „wirkliches Leben“ kennen: Ihr Haus in Norwegen, in dem sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter Anne (Julia Bache Wiig) und seit Kurzem auch mit ihrer Mutter Åse (Liv Ullman) und ihrer neugeborenen Enkeltochter zusammenlebt. Katrine spricht fließend norwegisch, sie hat einen Job, eine glückliche und liebevolle Familie und ein wunderschönes Haus an einem Fjord, in dem sie leidenschaftlich gern mit dem Kajak herumfährt. Ich schreibe „wirkliches Leben“, denn die Vergangenheit beeinflusst das Schicksal der Protagonistin auf eine äußerst komplizierte Weise, die es unmöglich macht, eindeutige Schlüsse zu ziehen. Die Wahrheit ist für jede der Figuren eine andere. Wir lernen schnell, dass die Ereignisse, die sich wie ein Schatten über die Familie Evensen legen, bis in die Zeit der deutschen Besatzung Norwegens zurückreichen.

Es fällt schwer, die Handlung des Films zusammenzufassen, ohne dem Zuschauer das Vergnügen zu nehmen, auf eigene Faust den vom Regisseur gekonnt gelegten falschen Fährten zu folgen – und ohne ihnen gleichzeitig selbst auf den Leim zu gehen. An dieser Stelle sei nur gesagt, dass Katrines Geschichte sowohl von den dunklen Jahren der deutschen Besatzung Norwegens und der Diskriminierung von Norwegerinnen, die mit deutschen Soldaten liiert waren, als auch von der Geschichte des DDR-Terrors in seinen schlimmsten Auswüchsen geprägt ist. Das erste Motiv ist besonders interessant: Der Lebensborn e. V., eine Institution zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Geburtenpolitik, dient in Zwei Leben gewissermaßen als Motor der Handlung.

Dieser Verein zur Förderung der deutschen Rassenhygiene war nämlich – was manchmal vergessen wird – auch außerhalb der Grenzen des Dritten Reiches aktiv, unter anderem durch die Förderung von Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und „rassisch geeigneten“ Frauen aus den besetzten Gebieten. Die Kinder aus solchen Beziehungen wurden in den Lebensborn-Heimen aufgezogen – zur sichtlichen Befriedigung der Regierungen der besetzten Gebiete, die die Mütter sogenannter „Besatzerkinder“ nur allzu gern ausgrenzten. Die Organisation vermittelte solche Kinder an deutsche Familien oder brachte sie in den eigenen Heimen im Deutschen Reich unter. Die Handlung von Zwei Leben setzt nach dem Fall der Berliner Mauer ein, als sich plötzlich die Möglichkeit ergibt, Nachforschungen über die Verschleppung norwegischer Kinder nach Deutschland anzustellen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle konnten die betroffenen Familien nicht wieder zusammengeführt werden, da viele der Kinder nach dem Krieg in Ostdeutschland aufwuchsen, wo man sie als Bürger dritter Klasse behandelte und in Waisenheime steckte – oft ohne sie über ihre wahre Herkunft aufzuklären.

Die Politik fungiert in Zwei Leben nicht nur als Motor der Handlung, sondern auch als Nemesis der Protagonistin – ihr Schicksal ist den Mechanismen der Weltgeschichte unterworfen. Der Film von Georg Maas beruht auf einem umfassend recherchierten, aber doch fiktiven Roman von Hannelore Hippe. Diese Tatsache nimmt den Figuren und ihrem Kampf um ihre Privatsphäre und ihr Recht auf ein normales Leben unter anormalen Bedingungen jedoch nichts von seiner Glaubhaftigkeit.

Eine solche Aufbereitung politischer Ereignisse – gewürzt mit Spionagemotiven und Thrillerelementen – weckt Assoziationen mit anderen Versuchen zur Aufarbeitung der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die in den letzten Jahren auf deutschen und polnischen Kinoleinwänden zu sehen waren. Florian Henckel von Donnersmarck hat dies auf meisterhafte Weise in Das Leben der Anderen getan und der Figur des Stasi-Spitzels für alle Zeiten das strenge Gesicht Ulrich Mühes zugewiesen. Auf nicht minder erschütternde Weise zeigte Marcin Krzyształowicz in Treibjagd (Obława) den Alltag und die Schrecken des polnischen Untergrundkampfes im Zweiten Weltkrieg. Georg Maas am nächsten ist aber wohl doch Borys Lankosz mit seinem Film Rewers. Lankosz inszenierte seine Geschichte über das Eindringen der Politik in das beschauliche Leben einer Warschauer Familie ganz im Stil einer schwarzen Komödie. Seine präzise und psychologisch schlüssige Figurenzeichnung verbindet ihn mit dem deutschen Regisseur, der sich lediglich für eine andere Ästhetik entschieden hat. Beide haben es jedoch geschafft, mithilfe des Genrekinos etwas über die Psychologie von Menschen zu erzählen, die in die Mühlen der Geschichte geraten sind und vor schwierige Entscheidungen gestellt werden.

Zwei Leben
Regie: Georg Maas
Deutschland, Norwegen 2012
97 Min.
Verleih in Polen: Aurora Films