Vergiss mein nicht Wenn die Mutter zum Kind wird

Filmstill aus „Vergiss mein nicht“
Filmstill aus „Vergiss mein nicht“ | © Against Gravity

Die Archäologie einer Familie – das Ausgraben alter Familiengeschichten, das Aufdecken verschütteter Geheimnisse und der filmische Blick auf die eigenen Angehörigen – ist eine der faszinierendsten Spielarten des zeitgenössischen Dokumentarfilms. Ein preisgekrönter Vertreter dieses Genres läuft derzeit in den polnischen Kinos an: Vergiss mein nicht von David Sieveking.

David Sieveking hat sich in Polen bereits einen Namen gemacht: Vor drei Jahren machte seine schockierende und unwiderstehlich komische Dokumentation David wants to fly Furore auf dem Warschauer Planete+ Doc Filmfestival (der Film galt als einer aussichtsreichsten Anwärter auf den Publikumspreis) und wurde mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Auf der diesjährigen Ausgabe des Festivals gewann der Regisseur bereits den Hauptpreis des Festivals, den Millenium Award. Der außergewöhnliche Erfolg des jungen Regisseurs ist nicht verwunderlich, wenn man sich sowohl seinen neuesten Film als auch dessen Vorgänger, den zuvor genannten David wants to fly ansieht. Beide Filme zeugen von Sievekings außergewöhnlichem dokumentarischen Talent. Aber der Reihe nach.

Eine unter einer Million

Es war Liebe auf den ersten Blick. Davids Vater sah auf der Straße ein Mädchen, das so hübsch war, dass es ihm buchstäblich die Sprache verschlug. Die Sprache vielleicht, jedoch nicht seinen Tatendrang: Nachdem er der Unbekannten hinterhergejagt und ihr beharrlich den Hof gemacht hatte, begannen die beiden miteinander zu gehen. Es waren die 60er-Jahre, der Geist der Gegenkultur lag in der Luft, die beiden Verliebten waren in der Studentenbewegung aktiv und lebten in einer offenen Beziehung. Heute, nach jahrzehntelangem Zusammensein, zahlreichen Krisen und drei gemeinsamen Kindern, stehen sie vor ihrer schwierigsten Herausforderung: Davids Mutter ist an Alzheimer erkrankt.

An dieser Stelle tritt David Sieveking in Aktion. Er richtet die Kamera auf die Mitglieder seiner Familie – auch auf sich selbst – und fügt die aufgeschnappten Gespräche und heimlich beobachteten Szenen zu einer ungewöhnlichen Geschichte zusammen. Worüber? Darüber, dass wir alle unter Alzheimer leiden. Unabhängig davon, in welcher körperlichen Verfassung wir sind – im Familienleben ist Amnesie unser ständiger Begleiter. Wir verstehen es ausgezeichnet, unsere Trauer vor unseren Nächsten zu verbergen, Konflikte und zugefügte Wunden zu verdrängen, alles im Namen des im weiteren Sinne verstanden Gemeinwohls. Erst eine familiäre Tragödie lässt die Leichen im Keller zum Vorschein kommen: Nach langen Jahren zeigt sich, dass die „freie Liebe“ zwischen Davids Eltern nichts Freies an sich hatte, sondern lediglich der verzweifelte Versuch einer Übereinkunft zwischen einem notorisch fremdgehenden Mann und einer ebenso notorisch leidenden Frau war.

Das Wunder des Vergessens

Hätte sich Sieveking jedoch ausschließlich auf eine Vivisektion familiärer Traumata beschränkt, wäre sein Film wohl kaum zu ertragen gewesen. Dies ist zum Glück nicht der Fall, denn es geschieht ein weiteres Wunder: Mit fortschreitender Krankheit vergisst Davids Mutter nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Dinge. All der Schmerz und die Vorwürfe gegen ihren Ehemann, die vor einigen Jahren fast zur Scheidung geführt hätten, verschwinden wie von Zauberhand, die Atmosphäre im Haus ist gereinigt wie nie zuvor.

Paradoxerweise wird Davids Familie erst jetzt zu einer wirklichen Familie, in der alle zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Besonders deutlich wird dies in einer überaus eindrucksvollen Szene, in der die Schwiegermutter der Kranken, eine über neunzigjährige ältere Dame, die bereits seit Jahren im Altersheim lebt, mit ihrem Sohn diskutiert, wie mit ihrer zunehmend dementen Schwiegertochter verfahren werden soll. Im Verlauf des Gesprächs erwägen die beiden auch eine Einweisung in ein Pflegeheim. Davids Vater nickt, stimmt seiner Mutter zu und fährt sogar für einige Zeit weg, um den Problemen zu entfliehen – doch am Ende kehrt er zurück und pflegt seine sterbende Frau hingebungsvoll in ihrem Zuhause, in dem sie so viele Jahre verbracht haben.

Tränen lachen

An dieser Stelle lohnt es sich, noch einmal auf den zu Beginn erwähnten David wants to fly zurückzukommen und auf die Parallelen zwischen diesen beiden Filmen des Regisseurs hinzuweisen. Ihr charakteristischstes Merkmal ist nämlich ihr Humor. Während die Geschichte des berühmten Regisseurs David Lynch, der in die Fänge eines pseudohinduistischen Gurus gerät, viel groteskes Potenzial birgt, fällt das Lachen über eine tödliche Krankheit bereits deutlich schwerer. Doch Sieveking erzählt seine Geschichte auf eine Art und Weise – und diese Fähigkeit kann nur als meisterlich bezeichnet werden – dass sie gleichzeitig lustig und ernst erscheint. So sehr wir auch über die Neckereien zwischen David und seiner Mutter lachen, haben wir doch nie das Gefühl, Zeugen eines dokumentarischen Missbrauchs oder einer unpassenden Zurschaustellung menschlicher Gefühle zu werden.

In beiden Filmen übernimmt David Sieveking auch die Rolle des Erzählers. Seine unverwechselbare Ausdrucksweise, die voller eigentümlicher Assoziationen steckt, fungiert als ein absurder Kommentar zu dem Geschehen auf der Leinwand. Während dieser Kommentar im Falle von David wants to fly die Komik der Lynchschen „Flugversuche“ unterstreicht, hat er in Vergiss mein nicht einen entgegengesetzten Effekt: Er schildert einen Versuch, sich nicht der Verzweiflung hinzugeben und eine gewisse Normalität unter anormalen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Vergiss mein nicht
Regie: David Sieveking
Deutschland 2013
91 Min.
Verleih: Farbfilm
Polnischer Verleih: Against Gravity