Was bleibt Ein Familienporträt

Filmstill aus „Was bleibt“
Filmstill aus „Was bleibt“ | © Aurora Films

Der deutsche Film Was bleibt ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass die sogenannte Neue Rumänische Welle allmählich auch auf den Rest Europas überschwappt.

Marko ist Anfang dreißig, groß gewachsen, attraktiv und gut gelaunt. Mit einem Wort: ein Erfolgsmensch. Doch hinter dieser glänzenden Fassade verbirgt sich eine tiefe Lebenskrise: Markos Ehe ist kaputt, seine Frau lebt bereits von ihm getrennt (es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie die Scheidungspapiere einreicht) und der gemeinsame fünfjährige Sohn pendelt zwischen den zerstrittenen Elternteilen hin und her. Eine willkommene Ablenkung von dieser unerfreulichen Situation bietet ein Wochenendbesuch bei seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. Doch dort stellt sich heraus, dass Markos Beziehungsprobleme im Vergleich zu denen seiner Eltern nur eine Bagatelle sind.

Rumänische Einflüsse ...

Man kann sich beim Betrachten des Films nur schwer des Eindrucks erwehren, dass seine Macher ein Faible für eine der wichtigsten, wenn nicht gar die wichtigste Strömung des zeitgenössischen europäischen Kinos haben: die sogenannte Neue Rumänische Welle. Die Geburt dieser Bewegung fällt nahezu mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts zusammen: Als erstes Werk der Neuen Rumänischen Welle gilt Cristi Puius Spielfilmdebüt Die Ware und das Geld aus dem Jahr 2001. Das charakteristische Merkmal des neuen rumänischen Kinos ist die äußerst sparsame, um nicht zu sagen minimalistische Verwendung filmischer Mittel. Die Kamera dringt ohne große Umstände in das Leben der Helden ein und folgt ihnen nahezu auf Schritt und Tritt. Es gibt keinen Raum für formale Experimente, Spezialeffekte und nicht einmal für ungewöhnliche Kameraeinstellungen und -perspektiven. Was zählt, sind Einfachheit und Unmittelbarkeit.

Unter inhaltlichen Gesichtspunkten wiederum zeichnen sich die Filme der Neuen Rumänischen Welle durch einen geradezu schockierenden Realismus aus, der in gewisser Weise aus der unnatürlichen Nähe zu ihren Protagonisten resultiert. Sie legen so intime Gefühle und Schwächen bloß, dass in dem Zuschauer manchmal der Wunsch aufkommt, das Kino zu verlassen oder zumindest die Augen zu schließen, um die Privatsphäre der Figuren nicht zu verletzen.

All diese Attribute treffen auch ausgezeichnet auf „Was bleibt“ zu. So wie in den Filmen der weltweit gefeierten rumänischen Regisseure erleben wir auch hier ein häusliches Drama um Lügen und Scheinwahrheiten, das von der kühlen, sterilen Inneneinrichtung und den guten Manieren der darin agierenden Figuren noch verstärkt wird. In einer Welt, in der die Hausherrin selbst beim Unkrautjäten makellos frisiert ist und in der sogar ein gewöhnliches Abendessen an einen feierlichen Empfang erinnert (mit elegantem Tafelservice, speziellen Weingläsern und einem sorgfältig zusammengestellten Menü) erscheint es geradezu deplatziert, über Probleme zu sprechen. Und jede noch so verzweifelte Konversation lässt sich mit den Worten „Die Cannelloni sind in fünf Minuten fertig“ abschließen. Auf diese Weise verdichtet sich mit jeder Minute der Eindruck einer emotionalen Falle, in der die Protagonisten gefangen sind.

… und deutsche Eigenheiten.

An dieser Stelle sei ein kurzer Verweis auf David Sievekings ergreifenden Film Vergiss mein nicht (den Gewinner des diesjährigen Dokumentarfilmfestivals Planete+ Doc) über seine an Alzheimer erkrankte Mutter gestattet: In einer Szene des Films bespricht die Schwiegermutter der Protagonistin, eine über neunzigjährige, jedoch geistig rege ältere Dame, die seit Jahren im Altersheim lebt, mit ihrem Sohn (also dem Vater des Regisseurs), wie mit ihrer zunehmend dementen Schwiegertochter verfahren werden soll.

In einem polnischen Film wäre eine solche Szene sicherlich von heftigen Gefühlsausbrüchen begleitet. Hier ist es genau umgekehrt: Die Gesprächspartner betrachten nüchtern sämtliche Möglichkeiten, wägen sämtliche Für und Wider ab und wahren doch gleichzeitig den Respekt gegenüber allen Beteiligten. Was nichts daran ändert, dass die Szene für polnische Zuschauer geradezu exotisch wirkt. Jenes Übergewicht des Rationalen, das Fehlen von sichtbaren Emotionen, scheint ein weiteres Leitmotiv des Films zu sein. Man kann sich fragen, ob diese Strategie hier tatsächlich die beste Lösung ist: Sind die guten Umgangsformen der Protagonisten nicht nur ein bequemer Vorwand, um sämtliche familiären Konflikte und Frustrationen unter den Teppich zu kehren? Ist die übertriebene Fürsorge, die Markos Mutter entgegengebracht wird, nicht nur eine Form ihrer Degradierung zum Objekt? Und ist die Tatsache, dass Marko seit Jahren in Berlin lebt und seine Eltern nur ab und zu am Wochenende besucht, nicht ein Versuch, sich der Verantwortung zu entziehen und sie auf seinen jüngeren Bruder abzuwälzen, obwohl dieser genug mit seinen eigenen Problemen zu tun hat?

Doch Hans-Christian Schmid fällt keine Urteile, er überlässt es dem Zuschauer, sich selbst ein Bild zu machen, was den Film einerseits ausgesprochen interessant macht und andererseits als ein weiterer Beleg dafür gewertet werden kann, dass der Stil der Neuen Rumänischen Welle längst auch in andere europäische Filmproduktionen Eingang gefunden hat.

Was bleibt
Regie: Hans-Christian Schmid
Deutschland 2012
84 min.
Verleih: Pandora Filmverleih
Polnischer Verleih: Aurora Films