Statdt Land Fluss Sommer der Liebe

Filmstill aus „Statdt Land Fluss”
Filmstill aus „Statdt Land Fluss” | © Salzgeber / Tongariro

Stadt Land Fluss von Benjamin Cantu erzählt von der beiderseitigen Bezauberung zweier junger Männer, die auf einem Bauernhof in der Nähe von Berlin arbeiten und wurde von den Medien gern als deutscher Brokeback Mountain gesehen. Aber sieht man von dem ähnlichen Ausgangspunkt ab, haben die beiden Filme kaum weitere Gemeinsamkeiten.

Nicht nur den unerfahrenen, sondern auch den durchaus bewanderten Zuschauer könnte der Film Stadt Land Fluss in beträchtliche Verwirrung stürzen. Denn womit hat man es eigentlich zu tun? Mit einem Dokumentarfilm? Oder mit Fiktion? Oder mit einer Mischung aus beidem? Die Frage stellt sich umso mehr, als bereits die ersten Sequenzen an asketische Dokumentarfilme über die Massenproduktion von Lebensmitteln erinnern, wie sie etwa Nikolaus Geyrhalter mit Unser täglich Brot gedreht hat.

Das Schweigen der Menschen

Ein großer Bauernhof, einige Dutzend Kilometer von Berlin entfernt. Dutzende Hektar, eine Kuhherde und eine nach Tonnen zählende Möhrenproduktion. Um diese Ausmasse in den Griff zu bekommen, genügt bloße Arbeit nicht, sondern es braucht eine elende Plackerei. Diese ist so schwer, dass die jungen Praktikanten, wenn sie sich am Ende eines Tages entspannen wollen, nur noch wenig reden. Ihr Schweigen, das übrigens eines der Leitmotive des ganzen Films ist, lässt sich hier übrigens auf vielerlei Art interpretieren.

Auf der einen Seite erklärt es sich schlicht aus einer unmenschlichen Müdigkeit. Als gutes Beispiel kann hier die Szene dienen, in der einer der jungen Männer von einer „Fließbandkollegin“ nach Hause gefahren wird. Nachdem sie einen ganzen Tag lang auf den Beinen waren und Möhren sortiert haben, sind beide derart erschöpft, dass sie während der ganzen Fahrt nur einige oberflächliche Sätze austauschen. Auf der anderen Seite könnte sich der Widerwille gegen eloquente Gespräche auch aus einem Mangel an Gewandtheit und aus fehlenden kommunikativen Kompetenzen ergeben: Die meisten Helden aus Stadt Land Fluss sind sehr einfache junge Leute ohne Bildung, Perspektiven oder das nötige Talent, um ihre Defizite auszugleichen. Den meisten von ihnen ist dies im Übrigen auch klar, so dass sie versuchen, dies mit einem schamhaften Schweigen zu verbergen. Schließlich ist das Schweigen zwischen den beiden Protagonisten ein rührender Bericht über das erste ernste, schüchtern aufkeimende Gefühl in ihrem Leben. Im Endeffekt erweist sich Stadt Land Fluss daher trotz seiner dokumentarischen, geradezu asketischen Formen als ein überraschend vieldeutiges Werk, was auch für den erotischen Aspekt des Films gilt.

Im Schoß der Natur

Was im Falle von Stadt Land Fluss besonders anerkennenswert scheint, ist die zurückhaltende und durchdachte Annäherung des Films an den körperlichen Aspekt der Liebe zwischen Mark und Jakob. Zwar hat die Eröffnungssequenz des Films deutlich sexuelle Konnotationen – der mächtige Regner, der regelmäßig Wassermengen ausstößt, die sich fast sofort in weißen Dampf verwandeln, ruft ziemlich eindeutige Assoziationen hervor. Vorübergehend.

Denn eine Reihe von Szenen später wird derselbe Regner zur Quintessenz, ja, zum Symbol der Freiheit. Er ist ein Springbrunnen, den man betreten und in den man hineinspringen kann, um sich völlig frei zu fühlen. Und dabei geht es keineswegs nur um erotische Freiheit! Wir haben es eher mit einem Manifest der Freude, der Vitalität und der völligen Harmonie mit der Natur zu tun. Die Allgegenwart der Natur und ihrer harten Gesetze ist übrigens ein weiteres Leitmotiv des Films, das manchmal recht amüsante Effekte hat – man kann aus diesem Film viel über den Beruf des Landwirts erfahren, z.B. wie man schmerzfrei feststellt, ob ein Drahtzaun unter Strom steht oder nicht.

Andererseits trägt dieses Leitmotiv ein bitteres Paradoxon in sich. Es ist nicht die Provinz mit ihrer ständigen Verbindung zur Natur, die imstande wäre, unsere Helden zu befreien: Dazu braucht es die Stadt, und zwar am besten einen von Millionen Menschen bevölkerten Moloch wie Berlin, ein künstliches Gebilde, das oft als unmenschlich beschrieben wird und in dem man sich leicht verlieren, aber auch Anonymität gewinnen kann. Erst auf einer durchgeknallten, ganz spontanen Expedition nach Berlin können beide Jungen zum ersten Mal laut lachen, zu viel trinken und sich ohne Angst ihre Gefühle füreinander zeigen. Um ihre Natur zu offenbaren, brauchen Marko und Jakob etwas extrem Unnatürliches, und leider deutet vieles daraufhin, dass dieser Stand der Dinge noch lange andauern wird.