Kraftklub Die Atzen aus dem Fitnesscenter

Kraftklub auf dem Kosmonaut Festival
Kraftklub auf dem Kosmonaut Festival | © Florian Koppe; Quelle: Wikimedia Commons

Die Toten Hosen und Die Ärzte sind die Klassiker der deutschen Rock- und Punkmusik. Rammstein sind der internationale Star der deutschen Musikszene. Doch die derzeitige Lieblingsband der Deutschen heißt Kraftklub.

„Ich hab unsere Fans schon gekannt, da kannte die noch keiner/ Damals ging es nicht um Uhren, schnelle Autos oder Weiber/Früher, als noch jeder von denen was zu sagen hatte/Da gings um Ideale, da ging es um die Sache (...) Vor paar Jahren waren die echt, da war der Scheiß noch raw/15 Uhr auf Festivals, 30 Gäste bei der Show/Doch alles was sie mitgeschrien haben, war gelogen/Die sind doch mittlerweile alle nach Berlin gezogen“, singt Felix Brummer in Unsere Fans, dem ersten Stück des neuen Albums In Schwarz. Im Refrain skandiert die Band: „Unsere Fans haben sich verändert/Unsere Fans haben sich verkauft/Unsere Fans sind jetzt mainstream“. Der Frontmann erklärt, dass diese Ironie typisch für ihre Heimatstadt Chemnitz ist: „Das ist halt so ein Chemnitz-Ding, verstehst du? Man kommt aus der Provinz und macht sich über dies und das ein bisschen lustig. Fertig. Eigentlich keine große Sache. Das war ja auch das, was viele Leute an uns und unserer Musik so toll fanden“, erzählt er in einem Interview mit dem Webzine laut.de.


Der Song „Unsere Fans“ vom Album „In Schwarz“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Weiße Polohemden

Vor zwei Jahren sorgten Kraftklub mit ihrem Debütalbum Mit K für einigen Wirbel in der deutschen Musikszene. Sie sahen aus wie eine Bande von fünf rotzfrechen, gut gebauten und tadellos gekleideten Teenagern – in weißen Polohemden mit schwarzen Kragen, weißen Sneakern, gerade geschnittenen schwarzen Jeans und roten Hosenträgern. Ihre Musik hatte einen rockigen, garagenhaften Sound und eine ungezügelte Energie im Stile der Hives, die Texte erinnerten mit ihrem hintergründigen Humor, ihren treffsicheren Beobachtungen und ihrer Direktheit an die Berliner Hip-Hop-Formation K.I.Z. Kraftklub zogen sofort die Aufmerksamkeit der Medien auf sich: Sie gewannen unter anderem den renommierten New Music Award 2010 der ARD-Radiosender und belegten den fünften Platz beim Bundesvision Song Contest 2011. Sie traten auf Festivals wie dem Splash, dem Melt und Rock Am Ring sowie als Vorgruppe unter anderem für die Beatsteaks, Fettes Brot, Casper und Die Ärzte auf. Die Musiker wurden von Universal unter Vertrag genommen, ihr Debütalbum erreichte auf Anhieb Platz 1 der Media-Control-Album-Charts und wurde mit dem Musikpreis Echo und der 1LIVE Krone ausgezeichnet.

Ihre Songs Ich will nicht nach Berlin, Zu jung, Eure Mädchen, Songs für Liam wurden zu Hits, und ihre ersten beiden Konzerttouren waren überall in Deutschland ausverkauft. Kraftklub erhielten enthusiastische Rezensionen sowohl in der Süddeutschen Zeitung als auch im Rolling Stone und in der Bravo. Die Kritiker waren begeistert davon, wie der 22-jährige Felix Brummer sich über Berliner Hipster lustig machte („Undercut und Jutebeutel, ich trinke Club Mate/oder gibts den Café Latte auch mit Sojamilch?“), seine Heimstadt Chemnitz besang („Ich komm aus Karl-Marx-Stadt/Ich bin ein Verlierer, Baby! Original Ostler“), Facebook-Addicts und Dexter-Fanatiker aufs Korn nahm und sich Anspielungen auf Tocotronic, Die Sterne und die Brüder Gallagher von Oasis erlaubte. Kraftklub wurden als Sprachrohr einer Generation – sowohl ost- als auch westdeutscher Jugendlicher – bezeichnet. Doch Brummer steht solchen Komplimenten skeptisch gegenüber und beschreibt Kraftklub als ganz normale Band: „Dann haben wir für unsere Atzen im Fitnesscenter bisschen Musik gemacht. Damit die was zum Pumpen haben.“


Der Song „Unsere Fans“ vom Album „In Schwarz“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Schwarze Sturmmasken

Wie sehr standen die Musiker bei den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album In Schwarz unter Erfolgsdruck? „Du machst entweder dasselbe und es ist scheiße deswegen oder du machst was anderes und es ist deswegen scheiße. Natürlich kannst du dich extrem unter Druck setzen, aber trotzdem hast du ja keine Wahl, das gleiche oder was anderes zu machen. Wir haben dann einfach das gemacht, was unser Ding ist, und das ist jetzt das Album“, erklärte Felix Brummer in einem Interview mit dem Magazin Vice. Er vergleicht die neuen Songs mit Gesprächen im Freundeskreis, bei denen man sich manchmal über Frauen und das Leben unterhält und manchmal eben auch über ernstere Themen wie Politik. Brummer singt über Liebe auf den ersten Blick (Alles wegen Dir), über Trennungsschmerz (Blau), die Freude über das Ende einer Beziehung (Für Immer) und vergleicht die Sehnsucht nach einem gestohlenen Fahrrad mit dem Verlust der Exfreundin (Mein Rad). Gleichzeitig spricht er das Problem der Gentrifizierung an (Meine Stadt zu laut), äußert sich zu rechten Protesten (Der Schuss in die Luft) und demaskiert gemeinsam mit Casper die gesellschaftliche Heuchelei (Schöner Tag). Viele der Songs klingen härter als auf dem Debütalbum, doch die Refrains wirken insgesamt poppiger.

Die erste Vorabveröffentlichung aus dem neuen Album war die Single Hand in Hand, die von einer ungewöhnlichen Promotion-Kampagne begleitet wurde. Die Musiker lancierten zunächst einen Videoclip mit einer alternativen Version des Songs im Internet, in dem sie ihre Gesichter hinter Sturmmasken versteckten und sich als neue Hamburger Punk-Band In Schwarz ausgaben. Der Song wurde auf Facebook von Künstlern wie Jan Delay, Casper und K.I.Z. weiterempfohlen und schaffte es bis in die Playlisten öffentlich-rechtlicher Radiostationen. Erst während eines Auftritts in der Pro7-Show Circus HalliGalli wurde klar, dass es sich bei der mysteriösen neuen Band in Wirklichkeit um Kraftklub handelte. Anschließend gingen die Musiker auf eine von Red Bull gesponsorte Konzerttour mit dem Titel Konvoi In Schwarz mit sieben kostenlosen Konzerten in sieben deutschen Städten. Die Veranstaltungsorte wurden kurzfristig im Internet bekannt gegeben, und die Musiker führten einen Blog über ihre Eindrücke von der Tour. Die Kampagne erinnerte – wie es sich für eine populäre Alternative-Band gehört – in ihrer Dynamik an die Promotion zu dem Album Reflektor von Arcade Fire, und In Schwarz eroberte die Spitze der deutschen Album-Charts.

Die große weite Welt

Die Frage, die den Musikern in letzter Zeit am häufigsten gestellt wird, ist, ob sie bereits nach Berlin gezogen sind oder noch immer in Chemnitz wohnen. Felix Brummer und seine Mitmusiker sind immer öfter aus beruflichen Gründen in der Hauptstadt und nahmen dort sogar ihr neues Album auf. Selbstverständlich gefällt es ihnen in Berlin, schließlich gibt es dort in einer Woche mehr Konzerte als in Chemnitz in einem ganzen Jahr, und auch die Berliner Döner schmecken besser. Trotzdem haben sie nicht vor, aus Chemnitz wegzuziehen, wo ihre Familien und ihre Freunde leben und wo Brummers Vater den Club Atomino leitet und das Kosmonaut Festival organisiert. Außerdem müssen die Bandmitglieder in Interviews immer wieder versichern, dass der Erfolg sie nicht verändert hat und die Popularität ihnen nicht zu Kopf gestiegen ist. Auf dem neuen Album widmen sie diesem Thema sogar einen Song (Zwei Dosen Sprite). „Nö, es ist nicht schlimm, berühmt zu sein. Im Gegenteil, wir haben damit eigentlich ganz gute Erfahrungen gemacht. Nur: Wenn du berühmt bist, heißt das noch lange nicht, dass man auf diese komischen Kack-Partys gehen muss, auf die man dann so eingeladen wird. Manchmal haben wir das alles mit großen Augen angeguckt und standen dann da und dachten: «Boah, ist ja total toll auf so einer Promi-Party» und dann haben wir gemerkt: Okay, wir wollen eigentlich gar nichts mit diesen vermeintlichen Prominenten zu tun haben, das kotzt uns eigentlich eher alles ein bisschen an. Lieber Bier als Koks“, erklärt Brummer in einem Interview mit dem Tagesspiegel.