Von Spar Eine verblüffende Entwicklung

Still aus dem Video von „Chain of Command“
Still aus dem Video von „Chain of Command“ | © ITALIC Recordings

Stephen Malkmus, der Frontmann der legendären US-Band Pavement antwortete auf die Frage nach den Inspirationen zu seinem neuesten Album Wig Out at Jagbags folgendermaßen: Köln, Deutschland, Can, Gas, Von Spar. Während die meisten dieser Stichwörter bei Musikfans auf der ganzen Welt positive Assoziationen wecken, ist der Name Von Spar bisher ausschließlich in Deutschland bekannt.

Der Schlagzeuger Jan Philipp Janzen, ehemaliges Mitglied des Duos Urlaub in Polen und Gründer der Band Von Spar, erklärt bescheiden, er habe keine Ahnung, welchen Einfluss seine Musik auf Stephan Malkmus gehabt haben könnte. Dafür erinnert er sich lebhaft an ihren gemeinsamen Auftritt im Dezember 2012 auf dem Week-End Festival in Köln – mit einem Live-Cover des 1972 erschienenen Albums Ege Bamyasi der Krautrock-Legende Can. „Wir haben uns drei Monate mit der Band auf das Konzert vorbereitet. Stephen Malkmus kam an den Wochenenden aus Berlin zu uns und war ziemlich gut vorbereitet. Er kannte die Platte in- und auswendig, weil er sie seit einem Jahr jeden Abend zum Einschlafen hörte,“ erzählt Janzen. „Das war eine echte Herausforderung, weil man diese Stücke einfach nicht besser spielen kann als im Original. Aber das Angebot der Festivalleiter, die alten Can-Songs gemeinsam mit Stephen zu spielen, konnten wir einfach nicht ablehnen.“ Die Aufnahme des Konzerts erschien in einer limitierten Auflage in grünem Vinyl und wurde sogar von Kim Gordon von Sonic Youth gelobt: „It really does sound like Can, yet it's really fresh.“

Ein hartes Stück Arbeit

Während des Konzerts, das die Band im Rahmen der Tour zu ihrem neuen Album Streetlife in der Berliner Kantine am Berghain geben, ist von Krautrock und Siebzigerjahren nichts mehr zu spüren. Von Spar zeigen sich von ihrer modernen Seite: Anstelle von Trance-Motorik und psychedelischen Klängen gibt es treibende Techno-Beats. Auf der linken Seite der Bühne sitzt Jan Philipp Janzen hinter seinem Schlagzeug. Er spielt äußerst präzise und führt gleichzeitig konzentriert die gesamte Band. Neben ihm steht der Gitarrist Phillip Tielsch, der von Zeit zu Zeit die Instrumente wechselt und durch seine geradezu virtuose Technik beeindruckt. Die rechte Seite der Bühne wird von Sebastian Blume beherrscht, der inmitten von gleich drei Synthesizern lange, stimmungsvolle Passagen und kurze Solos spielt und mit seinen melodischen, eingängigen Themen eine leicht nostalgische Atmosphäre erzeugt. Neben ihm steht der Bassist Christopher Marquez, der für den prägnanten, funkigen Sound der Rhythm Section verantwortlich ist. Bei einigen Stücken wird die Band von einem in einen eleganten Frack gekleideten Sänger mit Samtstimme und beginnender Glatze begleitet: dem exzentrischen Kanadier Marker Starling (auch bekannt als Chris A. Cummings).


„V.S.O.P.“ aus dem Album „Streetlife“, 2014, Von Spar; Quelle: www.youtube.com

Der perfekte Abend

Seit mehreren Jahren stellen sich Von Spar vor ihren Konzerten immer wieder dieselbe Frage: „Wie sieht für mich der perfekte Abend aus?“ – einerseits, weil sie von der schlichten Atmosphäre auf Rock-Konzerten die Nase voll haben, und andererseits, weil sie von der Energie der Partys in den Kölner Techno-Clubs fasziniert sind. Bei ihrem Auftritt wird diese Energie unter anderem in dem Stück One Human Minute mit seinen treibenden House-Beats spürbar. Auch die ruhigeren Stücke des Albums, wie V.S.O.P und Breaking Formation gewinnen live deutlich an Dynamik. In dem zwischen Fusion und Space Rock balancierenden Ahnherr der Schwätzer lassen sich die Musiker viel Raum für Improvisationen, und in Duvet Days schlagen sie Krautrock-Töne an. Über eine Stunde lang pendelt die Band gekonnt zwischen Club Sounds im Stile von Junior Boys oder Caribou und anspruchsvollen Kompositionen, die an die Stücke von Tortoise und Battles erinnern. Dies ist unzweifelhaft ein Verdienst von Jan Philipp Janzen, der eine Zeit lang gemeinsam mit John Stanier, dem Drummer der Bands Helmet und Battles, spielte.

Eine ständige Weiterentwicklung

Im Laufe ihrer über zehnjährigen Karriere haben Von Spar eine verblüffende Entwicklung durchgemacht. Auf ihrem ersten Album Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative spielten sie einen schmutzigen und rauen Post Punk mit Anklängen an Gang Of Four und Die Goldenen Zitronen – ganz entgegen dem damals herrschenden Trend zum Dance-Punk. Die Texte des damaligen Sängers Thomas Mahmoud waren überwiegend politisch engagiert. Das Nachfolgealbum mit dem Titel Von Spar bestand nur aus zwei Tracks, die je zwanzig Minuten dauerten und ähnlich experimentell waren wie die Stücke der Liars oder der Black Dice. Erst vier Jahre später schlug die Band auf ihrem Album Foreigner sanftere Töne an und setzte vermehrt auf Trance, Krautrock, Minimal Techno und Electro-Pop. Auf ihrem neuesten Album Streetlife gingen sie noch einen Schritt weiter – in Richtung zu modernen Popsounds und Techno-Rhythmen. „Die Leute fragen uns oft nach den Gründen für diese verrückte Entwicklung. Ich sehe darin gar nichts Ungewöhnliches, für mich war das eine ganz natürliche Entwicklung, weil sich in ihr unterschiedlicher Phasen unseres Lebens widerspiegeln. Wenn du jung bist, willst du etwas anderes mit deiner Musik ausdrücken und bist von anderen Dingen fasziniert, als wenn du älter wirst“, erklärt Janzen. „Wir sind nicht die Typen, die mit 16 AC/DC hören und das dann ihr ganzes Leben lang tun.“

Janzen nennt einige wichtige Momente in der Geschichte der Band: 2003 wurden sie vom Hamburger Label L'age d'or unter Vertrag genommen. „Das war der Traum einer jeden Band, das war dasselbe Label, das auch Tocotronic und Die Sterne unter Vertrag hatte“, erklärt Janzen. Nach den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album verließ Thomas Mahmoud die Band und wurde für einige Zeit von Damo Suzuki ersetzt. „Wir trafen ihn in einer Kneipe, er mochte unsere Musik, und wir mochten seine Aufnahmen mit Can. Wir verabredeten uns für ein paar gemeinsame Konzerte, aber er hatte keine Lust auf Proben, sondern bevorzugte spontane Auftritte“, erzählt der Musiker. Der nächste wichtige Moment in der Geschichte der Band war die Gründung ihres eigenen Aufnahmestudios Dumbo Studios. „Wenn du ein Studio mietest, musst du nach drei Stunden wieder raus und bist ständig von einem anderen Produzenten abhängig. Im eigenen Studio hingegen kannst du so lange arbeiten, wie du willst, unterschiedliche Dinge ausprobieren, an jedem einzelnen Ton feilen“, sagt Janzen, der unter anderem Aufnahmen von The Field, Cologne Tape und PTTRNS produzierte. Seit 2009 veröffentlichen Von Spar auf dem Berliner Label Italic Recordings.


„Scotch & Chablis“ aus dem Album „Foreigner“, 2010, Von Spar; Quelle: www.youtube.com

Deutsche Wertarbeit

Ihr viertes Album Streetlife fügt sich wunderbar in die aktuellen, globalen Musiktrends ein. Die englischen Texte verleihen dem Album Universalität – und die Einflüsse der lokalen Musikszene Originalität. In der deutschen Musikpresse wurde das Album begeistert aufgenommen. Der Rezensent der „Spex“ würdigte Von Spar als Meister des „kulturellen Vorwärts-Recyclings“, die musikalische Vorbilder aus der Vergangenheit nicht lediglich wiederaufbereiten, sondern auf ein neues Niveau heben und dabei selbst vor kitschigen Soft- und Yacht-Rock Klängen, Arrangements im Stile von ELO und Supertramp, Solo-Ergüssen im Stile eines David Sanborn oder Mark Knopfler nicht zurückschrecken. Die Zeitschrift „Intro“ widmete Von Spar sogar eine Titelstory, in der unter anderem näher auf die Entstehung von Streetlife eingegangen wird – danach verdankt das Album seinen Namen dem gleichnamigen Crusaders-Hit aus den 70er-Jahren. Das Album erhielt das Prädikat „Spektakel“, und die Rezension endet mit den Worten: „Von Spar haben mit »Streetlife« eines der Alben des Jahres gemacht.“

Vielleicht verschafft das Album der Band endlich auch internationale Anerkennung – zumindest bei all jenen, die sich von den Empfehlungen eines Stephen Malkmus oder einer Kim Gordon leiten lassen und für die der Name der Stadt Köln auf ewig mit Krautrock und Techno verbunden ist.