Trümmer Die Revolution steht bevor

Trümmer
Trümmer | © Trümmer; Foto: Christopher Voy

Die Rock-Sensation dieses Jahres ist die Hamburger Band Trümmer. Die drei jungen Musiker knüpfen in bester Manier an die Tradition von Tocotronic und Blumfeld an. Auf ihrem Debütalbum haben sie jedoch vor allem ihren Altersgenossen einiges zu sagen.

Schon lange riefen deutsche Indie-Bands keine so große Begeisterung in den Medien hervor wie zuletzt Trümmer, Die Nerven und Messer. Vor allem Trümmer stehen im Mittelpunkt des Interesses, weil es ihnen gelingt, äußerst eingängige Melodien mit interessanten Texten zu verbinden. Ihr Leader Paul Pötsch erinnert an den jungen Jochen Distelmeyer von Blumfeld, und die Band hatte bereits einen Gastauftritt in einem Musikvideo der Goldenen Zitronen.

Die Musikkritiker verwenden in ihren Rezensionen des selbstbetitelten Debütalbums von Trümmer Begriffe aus den Neunzigerjahren wie „Diskurspop“ und „Hamburger Schule“ und bezeichnen die Band bereits als Sprachrohr ihrer Generation. „Unsere Songs drehen sich nicht nur um Hamburg und sie repräsentieren auch nicht irgendeine Generation. Es sind einfach meine eigenen Beobachtungen aus der Perspektive eines Zwanzigjährigen, der sich fragt: Bin ich der, der ich mal sein wollte?“, erklärt Paul Pötsch. „Ich möchte, dass die Menschen, egal in welcher Großstadt sie leben, unsere Songs hören und das Gefühl haben, dass es darin um sie selbst geht.“

Hoffnungen und Sorgen

Auf Fotografien sehen Trümmer genauso klassisch aus wie einst Nirvana oder Joy Division. Der schlanke, rothaarige Gitarrist und Sänger Paul Pötsch wirkt mit seinem jungenhaften Gesicht und seinem verklärten Blick wie der geborene Bandleader. Die beiden anderen Musiker – der Bassist Tammo Kasper und der Schlagzeuger Maximilian Fenski – geben sich etwas nonchalanter, unterscheiden sich in ihrem Kleidungsstil jedoch kaum von anderen Jugendlichen ihres Alters. Trümmer gerieren sich nicht als Hipster und legen es nicht auf einen Internet-Hype an. Wie erklärt sich also das große Interesse an der Band? „Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen in Lethargie versinken, sich gelangweilt fühlen. Sie können alles haben, es geht nur noch um Profit und Pragmatismus. Im Kapitalismus verändert selbst der Begriff Jugend seine Bedeutung, weil sich alles nur noch um Selbstoptimierung dreht. Und wir singen darüber, dass wir uns das anders vorgestellt haben“, erklärt Pötsch. „Außerdem gibt es in der Pop-Musik immer wieder neue Strömungen: In den letzten Jahren sollte Musik vor allem tanzbar sein, heute brauchen wir wieder Songs, in denen es um etwas geht.“


„Wo ist die Euphorie“ aus dem Album „Trümmer“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Ein Schlüsselsong des Albums ist nach Sänger Paul Pötsch Wo ist die Euphorie?: „Die Stadt zerfällt/In ihre Einzelteile/ Die Stadt zerfällt/Lethargie, Langeweile/Und du, du, du, du sagst kein Wort/Du träumst nur von einem anderen Ort [...] Und ich, ich hab es satt/Nichts passiert in dieser Stadt/Ich bin rastlos und spür/Dass ich nicht dazugehör“, singt Pötsch mit leidenschaftsloser Stimme, und der kühle Klang und der monotone Rhythmus des Songs erinnern ein wenig an Interpol. Paul Pötsch will auf keinen Fall, dass seine Texte überintellektuell oder ironisch werden, wie die manch anderer deutscher Indie-Bands der Neunzigerjahre. Er verweist eher auf die Einflüsse von Franz Josef Degenhardt und Rio Reiser (Ton Steine Scherben). Auch seine Begeisterung für die Bands, mit denen er aufwuchs, wie The Strokes, The Libertines und Interpol, ist nach wie vor lebendig: „Als die Strokes ihr erstes Album aufnahmen, waren sie etwa so alt wie wir jetzt. Ich habe mir das Album neulich mal wieder angehört und war ganz überrascht, dass es auch in ihren Songs um die Hoffnungen und Sorgen von Zwanzigjährigen geht“, sagt Pötsch.

Eine Zeit der Veränderung

Auf dem Debüt-Album Trümmer gibt es somit nicht nur eingängige Melodien, große Gefühle und rockige Energie, sondern auch wichtige Statements und schwierige Fragen. Eines der ersten Stücke der Band In All Diesen Nächten endet mit den Worten: „Wir suchen etwas, das es nicht gibt/Wir suchen etwas, denn wir sind verliebt/Vor uns ein Land wie ein Mosaik/Wir spüren etwas, das noch nicht geschieht“. In dem nachdenklichen 1000. Kippe kommt Pötsch zu dem Schluss: „Ich will alles bekämpfen/doch steh mir selbst im Weg/If you want to fight the system/you have to fight yourself“. In Straßen voller Schmutz erklärt er enttäuscht, „Ich dachte immer, Jungsein heißt Dagegensein“, und in Revolte fragt er rhetorisch: „Was wurde aus dem Traum/Und was aus der Revolte?“.


„Scheinbar“ aus dem Album „Trümmer“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Band spielte die Stadt Hamburg und besonders die Künstlerszene in St. Pauli. Zu ihren Lieblingsclubs zählen der Golden Pudel Club, die Hasenschaukel und das Molotow, in dem sie auch ihre ersten Auftritte hatten. „Es gibt hier eine Szene für die Art Kultur, die wir wollen. Andererseits sind gerade diese Orte bedroht und verschwinden. Zudem gibt es kaum bezahlbaren Wohnraum oder Platz für Kreativität. Das ist wirklich ein generelles Problem von Hamburg“, erklärt Pötsch. „Was in Sachen Gentrifizierung hier passiert, passiert in jeder großen westlichen Stadt. Aber es gibt noch diese Tradition des Protests – der Funke ist noch da.“ Bei ihrem gesellschaftlichen Engagement orientieren sie sich unter anderem an Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, mit denen sie sich während der Demonstrationen gegen den Abriss der Esso-Häuser anfreundeten. Sie interessieren sich auch nach wie vor dafür, was Dirk von Lowtzow von Tocotronic in seinen Songs zu sagen hat. Gleichzeitig gründen sie eine eigene Szene rund um ihr Label Euphorie – mit Bands wie Der Ringer, Die Nerven, Messer und Candelilla.

Ein eigener Plan

Bisher schweigt sich Paul Pötsch hartnäckig über die Zukunft der Band aus. In den vergangenen zwei Jahren haben sie bereits viel gemeinsam erreicht: Sie gaben zahlreiche Konzerte in Clubs in ganz Deutschland, traten auf so wichtigen Festivals wie Melt!, C/O Pop, und Dockville auf, erspielten sich die Sympathien des Publikums und den Respekt der Kritiker und lieferten ein starkes Debütalbum ab. Heute genießen sie den Moment der Euphorie, auch wenn sich der kommerzielle Erfolg bisher im Rahmen hält: Paul Pötsch arbeitet nach wie vor als Barkeeper, Tammo Kasper arbeitet bei dem gemeinsamen Label Euphorie, und Maximilian Fenski studiert. Doch alle drei sind glücklich darüber, dass sie sich für die Musik entschieden haben und dass ihnen das Schicksal vieler ihrer Bekannten erspart blieb, die in Lethargie versinken und keine Ahnung haben, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.