Gudrun Gut Wild At Heart

Gudrun Gut
Gudrun Gut | © Gudrun Gut

Gudrun Gut ist neben Blixa Bargeld die wohl wichtigste Ikone der Berliner Musikszene. Auch heute noch ist sie ständig auf der Suche nach neuen Inspirationen und Herausforderungen – gegenwärtig im Duett mit Hans-Joachim Irmler und in ihrem Gutshof in der Uckermark.

Gudrun Gut lernte Hans-Joachim Irmler, den Gründer der Band Faust, vor vier Jahren auf dem Konzert „Berlin Sounds“ in der Londoner Queen Elizabeth Hall kennen. Sie trat mit Antye Greie-Fuchs auf, und er mit To Rococo Rot. „Ich habe früher die Platten von Faust gehört, aber Neu!, Can oder Cluster gefielen mir besser. Diese Musik war in Deutschland nicht besonders angesehen. Krautrock-Bands galten ein wenig als Möchtegern-Beatles. Wir hatten in den Achtziger-Jahren einen noch schlechteren Ruf, weil es auch uns nicht um musikalische Virtuosität oder um das Nachahmen englischer und amerikanischer Bands ging, sondern darum, eine eigene Musik zu schaffen“, erinnert sich Gudrun Gut, Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten und der Artrock-Band Malaria! „Als Joachim und ich uns schließlich im Studio trafen, ging es uns nicht darum, den Krautrock wiederzubeleben. Wir waren einfach gespannt, was bei unseren Improvisationen herauskommen würde. Trotz eines gewissen Altersunterschieds und eines unterschiedlichen musikalischen Hintergrunds, haben wir uns prima verstanden und gut miteinander harmoniert.“ Das Resultat der Aufnahmen ist das Album 500 m, das als „Begegnung zweier Legenden der deutschen Musikszene“ angekündigt wird.


„Früh“ aus dem Album „500m“ von Gut und Irmler, 2014; Quelle: www.youtube.com

Über dem Meeresspiegel

Zwei längere Aufnahmesessions fanden im Herbst im Faust-Studio im oberschwäbischen Scheer statt, das malerisch an der Donau zwischen Bodensee und Alpen gelegen ist. „Das ist ein riesiges Studio, noch größer als das berühmte Hansa Tonstudio, mit einer außergewöhnlichen Akustik und einer hervorragenden Ausstattung. Jochen ist ein echter Keyboard-Freak und hat dort wahrscheinlich sämtliche Synthesizer der Welt versammelt“, erinnert sich Gut. „Mir war während der Produktion in Scheer permanent schwindelig. Ich fragte Jochen, woran dies liegen könne? Er antwortete: Wir sind hier 500 Meter über dem Meeresspiegel.“ Gut hatte mit dem Programm Ableton Live verschiedene Beats und Samples erstellt, und Irmler improvisierte dazu auf der Orgel. Bei ihrem zweiten Treffen suchten sie die interessantesten Aufnahmen heraus, kürzten sie, spielten zusätzliche Tonspuren ein und mischten alles zusammen. „Ich hatte eigentlich die Absicht, Toncollagen zu erschaffen, aber herausgekommen sind überwiegend Lieder“, erklärt die Künstlerin.

Hans-Joachim Irmler ging ganz spontan auf das Projekt zu: „Ich habe Gudrun vor ein paar Jahren, als sie bei uns auf dem Klangbad-Festival aufgetreten ist, gefragt, ob sie nicht einmal mit mir ein Album aufnehmen möchte. Ich verfolge seit mehr als einem Jahrzehnt dieses Konzept, dass ich Elektronik und Perkussion zusammenführen möchte – die meisten Kollaborationen realisierten wir unter Männern. Ich wollte das durchbrechen und bat Gudrun, ob sie nicht meine Orgelimprovisationen komplementieren möchte – bei ihr kam hinzu, dass sie ja gar nicht Schlagzeug spielt, sondern Drums programmiert.“, erinnert sich der Faust-Gründer. Gudrun Gut nennt Irmler respektvoll „Orgelmeister“ und beschreibt fasziniert die von ihm konstruierten Orgeln. Auch Irmlers Erzählungen über die Hintergründe der stürmischen Karriere von Faust in den 70er-Jahren haben es ihr angetan. „Faust hatten einen ähnlichen Punk-Ansatz wie wir. Sie strebten nach künstlerischer Freiheit und Unabhängigkeit. Also bauten sie sich ein eigenes Studio, was in jenen Zeiten eigentlich undenkbar war“, erzählt sie. „Und nachdem sie schlechte Erfahrungen mit den großen Plattenfirmen gemacht hatten, gründeten sie einfach ein eigenes Label, lange bevor in den Achtzigerjahren viele unabhängige Produktionsfirmen entstanden.“ Ursprünglich wollten sie das Album 500 m unter ihren eigenen Labels Klangbad und Monika veröffentlichen, doch schließlich erschien es bei Bureau B, das sich unter anderem auf Krautrock spezialisiert.

Tief im Untergrund

Während Irmler bereits über ein Dutzend Alben mit Faust und unter eigenem Namen veröffentlicht hat, ist 500 m für Gut erst das vierte Album in sieben Jahren. „Ich versuche, bei meinen Veröffentlichungen auf Qualität zu achten und bin sehr kritisch gegenüber mir selbst“, erklärt sie. „Das Einspielen ist kein Problem, aber es ist schon eine ziemliche Herausforderung, das richtige Material zu finden. Vor allem, wenn ich an einem Solo-Projekt arbeite.“ Nach dem intensiven Beginn ihrer Karriere in den Achtzigerjahren, als sie ihre ersten Schritte in den Bands Mania D, Einstürzende Neubauten und Malaria! machte, die Projekte Matador und Miasma ins Leben rief und Theatermusik komponierte, nahm sich Gut in den Neunzigerjahren eine Auszeit, um sich gesellschaftlich zu engagieren. Als Künstlerin war sie weiterhin im Projekt Ocean Club mit Thomas Fehlmann (The Orb) und als DJane aktiv (unter anderem in der WMF Lounge, auf dem Transmediale Festival und bei Radio Eins). Sie gründete ihr eigenes Label Monika Enterprise, unter dem sie Künstler wie Barbara Morgenstern, Masha Qrella und Cobra Killer produziert, außerdem organisierte sie das alternative Berliner Musikfestival Marke B und unterstützte zuletzt auch die feministische Initiative female:pressure.

Gudrun Gut war ihr Leben lang eng mit Berlin verbunden und wird in Interviews immer wieder nach der Vergangenheit gefragt – nach der Zeit, in der die Szene der Genialen Dilletanten entstand, die Band The Birthday Party mit dem jungen Nick Cave nach Berlin zog oder Depeche Mode im Berliner Hansa Studio aufnahmen. Gut erlebte hautnah die Geburt des Punk und der Neuen Deutschen Welle und später die Entstehung der Techno-Szene, der Postrock-Szene und der sogenannten Wohnzimmer-Szene mit. Heute will sie nicht mehr über die Vergangenheit und insbesondere über Berlin sprechen. „Ich habe viel für Berlin getan, ich habe alles schon Hunderte Male gesehen, und meine Begeisterung für diese Stadt liegt längst hinter mir. Es kommen jedes Jahr Tausende von Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin, jeder hat sein eigenes Bild von dieser Stadt, vielleicht sollte man besser die nach ihrer Meinung fragen. Wenn ich 20 wäre, würde ich vielleicht auch hierherkommen, aber jetzt bin ich über 50 und alternatives Leben findet für mich auf dem Dorf statt“, erklärt Gut, die heute ein Gutshaus in der Uckermark besitzt. „Mein Album mit Jochen entstand außerhalb von Berlin, auch mein letztes Album Wildlife entstand in der Uckermark, wo ich auch das UM-Festival organisiere. Das ist für mich einfach ein interessanteres Terrain.“


„Garten“ aus dem Album „Wildlife“, 2012; Quelle: www.youtube.com

Das Leben ist woanders

In letzter Zeit ist Gudrun Gut immer seltener in Berlin – für gewöhnlich arbeitet sie dann im Büro ihres Produktionsfirma Monika in Schöneberg oder in ihrer ehemaligen Wohnung in Charlottenburg, abends besucht sie Konzerte oder geht ins Theater. Sie ist oft auf Reisen und spielt Konzerte oder DJ-Sets, zuletzt trat sie unter anderem in Australien und auf Einladung des Goethe-Instituts in Peru auf. Die meiste Zeit verbringt sie in ihrem über hundert Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Gut Sternhagen in der Uckermark. Dies ist für sie der „größte Luxus“, sie kann dort ungestört arbeiten und Musik machen, sich mit sich selbst beschäftigen und sich an der Natur erfreuen. Im Rahmen der Promotion für ihr letztes Solo-Album Wildlife erklärte sie: „Man spricht ja auch von dem Großstadtdschungel. In der Großstadt geht es immer um menschengeschaffene Situationen. Meine Sehnsucht nach Wildheit in der Stadt wäre dann vielleicht das Nachtleben oder auch riot gardening. Es ist aber auch der Schutz der eigenen Wildheit, der mir hier am Herzen liegt. In einer Welt der Überinformation mit schnellen Computern und auch nie vorher dagewesenen Arbeitspensen ist es wichtig, so denke ich, seine eigenen Freiräume zu erkennen, zu nutzen und zu bewahren, um nicht zu verbrennen. Interessant ist das Unberechenbare in der Natur im Vergleich zur ebenfalls recht unberechenbaren Subkultur Berlins.“