Ellen Allien Eine Botschafterin Berlins

Still aus dem Video zum Song „Stadtkind“ von Ellen Allien
Still aus dem Video zum Song „Stadtkind“ von Ellen Allien | © Ellen Allien

Techno lieferte seinerzeit den Soundtrack zur deutschen Wiedervereinigung und ist auch heute noch ein Markenzeichen Berlins. Und Ellen Allien, die ihre Karriere damals als DJane begann, ist heute die Grande Dame der deutschen Techno-Szene.

Ellen Allien teilt ihre Zeit zwischen Berlin und Ibiza, wo sie in den Sommermonaten im Club Circoloco auflegt. Wodurch unterscheidet sich ihre deutsche Heimatstadt von dem spanischen Technoparadies? „Diese Orte sind so unterschiedlich, dass man sie kaum miteinander vergleichen kann. Ibiza ist eine Urlaubsinsel mit viel Sonnenschein und blauem Meer. Während der Saison gibt es dort kommerzielle Clubs für Touristen“, erklärt Ellen Allien. „In Berlin pulsiert das Leben rund um die Uhr, so wie auch in anderen europäischen Metropolen, zum Beispiel London oder Paris. Es gibt viele unterschiedliche Locations, sowohl Underground- und Industrial-Clubs als auch die großen angesagten Clubs, in denen bekannte DJs auftreten. Manchmal tut es gut, der Großstadt den Rücken zu kehren und ein wenig zu entspannen, um anschließend mit neuer Energie zurückzukehren.“


Der Song „Free Nation“ aus dem Album „LISm“; Quelle: BPitchControlTV, www.youtube.com

Ständig in Bewegung

Seit über zwanzig Jahren ist Ellen Allien die bedeutendste deutsche DJane und eine der bekanntesten Berliner Künstlerinnen. Sie lebt in der Kastanienallee in Berlin-Mitte, wo sich auch ihr Studio und das Büro ihres Plattenlabels BPitch Control befinden. Doch am häufigsten ist sie auf Reisen: Sie spielt jedes Jahr auf über 150 Partys in der ganzen Welt, in Nord- und Südamerika, in ganz Europa, in Asien und Australien. Sie tritt sowohl in kleinen Clubs als auch auf riesigen Festivals auf und versteht es überall, das Publikum mitzureißen. „Früher habe ich immer ungefähr hundert Platten mit mir herumgeschleppt, heute habe ich alles auf einer Festplatte. Ich habe aktuelle Sachen dabei, ein paar neue Stücke von Bekannten und selbstverständlich die Techno-Klassiker“, erklärt sie. „Jedes Land und sogar jeder Club ist anders, und genau macht das DJing so interessant. Ich sehe mir den Raum an, die Akustik und die Beleuchtung, anschließend beobachte ich, wie das Publikum reagiert, und wähle daraufhin die Stücke aus. Im Allgemeinen wähle ich Musik aus, die mir selbst gefällt, und wie das bei den Leuten ankommt, ist eine andere Sache.“

In Berlin spielt sie am häufigsten im Watergate, in der Panorama Bar im Berghain und manchmal auch in der Wilden Renate. „Die Stadt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, die Musik ist heute vielfältiger, das Publikum ist gemischter, und die Club-Szene hat sich stabilisiert. Das ist zum großen Teil ein Verdienst der Touristen, die nach Berlin kommen, um Party zu machen. Außerdem ziehen viele ausländische DJs nach Berlin, und dadurch entsteht eine interessante Community von extrem aufgeschlossenen und kreativen Leuten“, erklärt sie. „Die Techno-Musik hat seit der Wiedervereinigung eine wichtige Rolle im Leben Berlins gespielt. Damals war die Musik eher eine Leidenschaft von uns, wir haben nicht viel Geld damit verdient. Keiner hätte damals gedacht, dass wir irgendwann einmal davon leben und als Berufs-DJs durch die Welt reisen können.“ Ellen Allien war maßgeblich an der Entwicklung der Berliner Techno-Szene beteiligt: als DJane in den Clubs E-Werk und Tresor sowie als Produzentin der ersten Platten unter anderem von Modeselektor, Paul Kalkbrenner, TokTok, Heiko Laux, Sascha Funke, Hausmeister und Apparat.

Nicht von dieser Welt

Ihr erstes Set spielte sie 1994 im Fischlabor in Berlin-Schöneberg, wo sie auch hinter dem Tresen arbeitete. Im Fischlabor traf sich damals die gesamte Berliner Künstlerszene, und Ellen Allien spielte den Gästen zwischen den Bestellungen ihre Mixtapes vor. Mit zwanzig Jahren hatte sie bereits einen vielfältigen Musikgeschmack: Zunächst hatte sie sich für die Neue Deutsche Welle und anschließend für die Musik von Kraftwerk begeistert, bevor sie während eines einjährigen London-Aufenthalts mit Acid House in Berührung kam und später in Berlin ihre Liebe zum Techno entdeckte. „Irgendwann haben die mich gefragt, ob ich nicht auch mal auflegen will. Fanden sie wahrscheinlich lustig, weil ich ein Mädchen war“, erinnert sie sich. „Als ich anfing, regelmäßig im Fischlabor aufzulegen, sagte ein Bekannter zu mir, meine Musik sei außerirdisch und ich sei nicht von dieser Welt. Schließlich erhielt ich eine Einladung ins E-Werk, den damals größten Berliner Techno-Club, und der Promotor fragte mich nach meinem Künstlernamen. Ich sagte, ich heiße Ellen, und mein Bekannter schrie sofort Ellen Allien! Und dabei blieb es, und von da an spielte ich jeden Freitag dort.“


Die Trilogie „ghost - wind - falling“ aus dem Album „LISm“; Quelle: BPitchControlTV, www.youtube.com

Ellen Allien erinnert sich wehmütig an die Anfänge der Berliner Techno-Szene. Bereits als Teenager schlich sie sich nachts aus dem Haus in den einzigen Westberliner Club Metropol am Nollendorfplatz. Nach dem Fall der Mauer entstanden neue Locations in Westberlin wie das Planet an der Köpenicker Straße. „Das Zusammenkommen von Ost und West habe ich eigentlich im Planet erlebt, und später im E-Werk. Ich habe viele Ossis kennengelernt, mit denen ich auch meine Tage verbracht habe. Wo sonst hätten wir uns kennenlernen sollen außer in den Clubs? Wir waren ja schon zu alt, um uns auf dem Spielplatz zu treffen“, erklärt sie. „Der Fall der Mauer war eine Befreiung, die wir zelebriert haben. Und es war auch eine Befreiung der Frau und der Homosexuellen […] Techno war die Jugendbewegungsmusik der 90er-Jahre, in denen wir zusammengekommen sind.“ Ellen Allien legte in den Clubs Ostgut, WMF, Maria, Tresor und Casino auf, moderierte eine eigene Show beim Radiosender Kiss FM, gründete das Plattenlabel Braincandy und rief die Partyreihe BPitch Control ins Leben, aus der schließlich das gleichnamige Plattenlabel entstand. Sie erklärt, dass die Musik ihr dabei half, mit der sich verändernden Stadt Schritt zu halten und sich an das Erwachsenenleben zu gewöhnen.

Freude ohne Ende

Neben dem DJing nimmt sie auch eigene Alben auf, die es ihr ermöglichen, Abstand vom Alltag zu gewinnen, sich künstlerisch weiterzuentwickeln und ihr Leben künstlerisch festzuhalten. „Auf meinem Debütalbum Stadtkind wollte ich meine enge Verbundenheit mit der Stadt ausdrücken. Berlinette ist sowohl eine Hommage an Berlin als auch ein Ausdruck meiner Faszination für elektronische Musik. Ich habe auf eine sehr persönliche Weise versucht, zu zeigen, was in der Welt des Pop und abstrakter Klänge möglich ist. Und in Thrills habe ich meiner Leidenschaft für analoge Instrumente freien Lauf gelassen“, fasst Ellen Allien die ersten drei ihrer bisher sieben bei BPitch Control erschienenen Alben zusammen. Ihr neuestes Album LISm entstand zu dem Tanzstück Drama Per Musica von Alexandre Roccoli und Sevérine Rième, und ihre neuesten Singles tragen die Titel Freak und Free Nation. „Ich würde gerne so lange Musik machen wie möglich, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so intensiv“, kündigt sie an. „Sicherlich ist Techno eine Jugendkultur. Doch Jugend ist keine Frage des Alters, sondern der Freude an dem, was du machst.”