Antlitz oder Fratze?

© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski
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Bei einer parallelen Lektüre der beiden deutschen Fassungen von Różewiczs Ocalony fühle ich mich unwillkürlich an das Duell der Mienen aus Gombrowiczs Ferdydurke erinnert: Dort verwandelt ein Duellant sein Gesicht in ein erhaben leuchtendes Antlitz, während der Gegner immer hässlichere Fratzen schneidet.

Czesław Miłoszs Gedichtband Ocalenie (Die Rettung), 1945 in Warschau erschienen, ist eine der ersten und wichtigsten poetischen Reaktionen auf die polnische Kriegserfahrung. Das titelgebende Substantiv lässt sich auf zwei Verben zurückführen: ‚ocalić’ (‚retten’, ‚erretten’) und ‚ocaleć’ (‚überleben’, ‚mit dem Leben davonkommen’). Der semantische Bezug wird erst im letzten Gedicht der Sammlung, Vorwort, konkret: Zweimal erscheint das Verb ‚ocalić’, einmal in der berühmt gewordenen Frage (ich zitiere eine frühe Übersetzung von Karl Dedecius): „Was ist eine Poesie, die weder Völker / Noch Menschen errettet?“ und zum anderen in der vorletzten Strophe als abgeleitetes Substantiv: „Daß ich die gute Dichtung gewollt, ohne zu können, / Daß ich, spät, ihren erlösenden Zweck begriffen habe, / Das und nur das ist die Rettung.“

Zwei Jahre nach Ocalenie erschien Tadeusz Różewiczs Gedichtband Niepokój (Unruhe), ebenfalls ein Meilenstein der polnischen Nachkriegslyrik. Das wohl berühmteste Gedicht des Bandes trägt den Titel Ocalony, die erste Strophe lautet: „Mam dwadzieścia cztery lata / ocalałem / prowadzony na rzeź.“ Das Adjektiv ‚ocalony’ kann sich gleichermaßen auf ‚ocalić’ wie auf ‚ocaleć’ beziehen, bei Różewicz ist – anderes als bei Miłosz – letzteres der Fall. Dies verdeutlicht die spezifische Art von Różewiczs Auseinandersetzung mit anderen Dichtern: Die Anknüpfung geht mit einer Abgrenzung einher, die Bezugnahme auf den Prätext wird ambivalent, wenn nicht polemisch. Von Rettung kann nicht die Rede sein, das lyrische Subjekt ist davongekommen, mit nichts als dem nackten Leben. Ocalony bildete den Auftakt zu einem lebenslangen poetischen Dialog zwischen Różewicz und Miłosz.

Für die Übersetzung ist der in Ocalony unübersehbare Bezug auf Miłosz eine Herausforderung. Vielleicht übersetzt deshalb Karl Dedecius den Titel und – gegen die Wörterbuchbedeutung – auch das Verb ‚ocaleć’ mit ‚gerettet’: „Vierundzwanzig bin ich / gerettet / auf dem weg zum schlachten.“ Vielleicht spielten auch andere Gründe eine Rolle, etwa die in der Nachkriegszeit keinesfalls unberechtigte Sorge, das deutsche Lyrikpublikum mit allzu harter Kost abzuschrecken. Jedenfalls zeigt Dedecius’ Übersetzung auch an anderen Stellen eine Tendenz zur Ästhetisierung und zum hohen Stil, die sich etwa in syntaktischen Umstellungen oder in der Bevorzugung abstrakter, teils metaphysisch markierter Übersetzungsvarianten (u. a. ‚występny’/‚schuldig’, ‚cnotliwy’/‚unschuldig’) manifestiert.

Henryk Bereska, in der DDR ähnlich wichtig für die Vermittlung polnischer Literatur wie in der Bundesrepublik Karl Dedecius, ansonsten aber in vielerlei Hinsicht sein Antipode, entscheidet sich für die wörtliche Variante. Er übersetzt Ocalony und ‚ocaleć’ mit ‚davongekommen’ und damit nicht als Teil eines literarischen Diskurses, sondern als individuelles Zeugnis eines traumatisierten Überlebenden: „Ich bin vierundzwanzig / unterwegs zur schlachtbank / bin ich davongekommen“. Dabei verstößt er zugunsten des lakonischen Ausdrucks auch gegen die poetische Form des Originals – die fünfte Strophe hat (sofern kein Fehler im Druck vorliegt) in Bereskas Übersetzung drei Verse statt vier wie bei Różewicz, die berühmte sechste Strophe („Szukam nauczyciela i mistrza …“ – „Ich suche einen lehrer und meister …“) sieben statt vier.

Wo Dedecius im Zweifelsfall poetisiert, wählt Bereska die unpoetische Option. Bei einer parallelen Lektüre der beiden deutschen Fassungen von Różewiczs Ocalony fühle ich mich unwillkürlich an das Duell der Mienen aus Witold Gombrowiczs Ferdydurke erinnert: Dort verwandelt ein Duellant sein Gesicht in ein erhaben leuchtendes Antlitz, während der Gegner immer hässlichere Fratzen schneidet. Bei Gombrowicz siegt die Fratze, in der Gegenüberstellung der Różewicz-Übersetzungen gibt es keinen Sieger – außer vielleicht den Leser. Denn erst beide Übersetzungen gemeinsam vermitteln die wesentlichen Aspekte des polnischen Originals: Den Versuch, eine zutiefst traumatische individuelle Erfahrung zur Sprache zu bringen, und die Anknüpfung an einen bestehenden literarischen Diskurs, den der damals junge Różewicz mit seiner frühen Lyrik entscheidend mitprägen sollte.
 

„Vielleicht sind das die beiden Fundamente der Übersetzerexistenz: die Liebe zum Wort, die sich manifestiert in intensiven Lektüren und in der beharrlichen Suche nach dem treffenden zielsprachigen Ausdruck, und das Bewusstsein der elementaren Verschiedenheit von Sprachen und Kulturen, die diese Suche sowohl nötig macht als auch immer wieder erschwert.“
(Bernhard Hartmann, Kraków 2013)