Thorsten Goldberg Wolkenkünstler

Cumulus auf dem Gebäude von „Elektrownia“ in Radom;
Cumulus auf dem Gebäude von „Elektrownia“ in Radom; | © Thorsten Goldberg

Wolken sind eines der Lieblingsthemen des Berliner Künstlers Thorsten Goldberg. Ein weiterer Kumulus hat sich auf dem Gebäude des Masowischen Zentrums für Moderne Kunst „Elektrownia“ hingekauert. Er wird für immer dort bleiben.

Berlin, Neumünster, Lippstadt, Danzig, und jetzt Radom. Diese Städte können sich außergewöhnlicher Wolken rühmen, und damit sind nicht die ephemeren gemeint, die am Himmel entlangziehen. Bei den Wolken, von denen hier die Rede ist, handelt es sich um künstlerische Installationen von Thorsten Goldberg. Man kann sie anfassen, denn sie sind aus festen Materialien gemacht. „Einige sind aus einem Kunststoff gefertigt, der mit Glasfaser verstärkt ist“, sagt Eulalia Domanowska, künstlerische Leiterin des Zentrums für polnische Skulptur in Orońsko und Kuratorin von Goldbergs neuester Installation in Radom.

Die Wolken des deutschen Künstlers bringen weit mehr als vorübergehende Stürme oder Regen. „Indem Goldberg etwas Flüchtigem Form gegeben hat, hat er einen etwas komischen Pop-Art-Effekt erzielt“, fügt Domanowska hinzu, und der Künstler selbst erklärt: „Wegen ihrer Flüchtigkeit ist die Wolke ein Material, das sich am allerwenigsten als Thema für eine Skulptur eignet. Und eben deshalb habe ich mit meinen Installationen ihrem flüchtigen, romantischen Charakter ein Denkmal gesetzt“.

Wie die Partnersuche

Thorsten Goldberg ist ein Berliner Künstler, der am liebsten im öffentlichen Raum ausstellt. „Ich arbeite gern an Orten, die ein Eigenleben haben und sich über die Jahre verändern. Künstlerische Kommunikation ist im öffentlichen Raum komplexer als im Innern einer sterilen Galerie. Das ist wie die Partnersuche“, meint Goldberg. „Wichtig ist, dass am Ende alles gut zusammenspielt. Die Anfangsbedingungen haben keine Bedeutung: ob die Installation zuerst da war und man für sie einen Raum sucht oder umgekehrt; das Umfeld inspiriert dazu, ein konkretes Werk zu schaffen“.„Goldbergs Projekt ist nicht so sehr als site-spezifisch zu bezeichnen, sondern vielmehr als kontextspezifisch. Ereignisse, Politik, formale Sprache, Umgebung – all das kann ein Kunstwerk beeinflussen, das an einem allgemein zugänglichen Ort platziert wird“, sagt Eulalia Domanowska. „Der Künstler erkundet das Terrain sehr genau, bevor er ein Projekt vorschlägt. „Er stellt Spezialisten aus verschiedenen Gebieten an, die sich bemühen, das perfekte Werk zu schaffen, das bestens in den Raum passt, der es umgibt, aber auch tiefgründige Beobachtungen oder Botschaften des Künstlers enthält“.

Aufs Dach gesetzt

Goldberg hat schon einige Male Wolken auf die Erde geholt. Ein Kumulus ist im Hofgarten des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin entstanden und erfreut dort das Auge der Beamten. Eine neonbläuliche Wolke hat auch einen ganzen Raum in der Villa Wachholtz in Neumünster ausgefüllt. Eine weitere hat er über einem kleinen Fluss in Lippstadt installiert.Goldberg liebt es, für seine Installationen einen alten Raum auszusuchen, der für ein neues Leben angepasst wurde. Deshalb hat ihm auch das Masowische Zentrum für Moderne Kunst „Elektrownia“ – ein altes Elektrizitätswerk – in Radom so gefallen. „Das ist ein gutes Zeichen für das neue Museum in Radom. Das Elektrizitätswerk ist nämlich ein hundert Jahre altes Gebäude, das für eine neue, kulturelle Funktion adaptiert wurde“, betont der Künstler.

Die Radomer Wolke ist auch wegen der Materialien außergewöhnlich, aus denen Goldberg sie gemacht hat. Das Neonobjekt besteht aus waagerechten Schichten durchsichtigen Multikarbons, der mit gelb leuchtendem Gas gefüllt ist. „Es ist eine Wolke, die sich auf dem Dach des Gebäudes niedergelassen hat“, wie der Künstler selbst sagt. Sie zieht aber nicht weiter, denn sie ist eine Dauerinstallation. „Die Wolke ist schon ausgeschaltet sehr effektvoll, aber erleuchtet ist sie geradezu spektakulär“, sagt Zbigniew Belowski, der künstlerische Leiter des MCSW „Elektrownia“ in Radom. „Sie wird jeden Abend bei Einbruch der Dämmerung angeschaltet“.

Bei Dämmerung erleuchtet

Die horizontalen Neonlinien, die den Umriss des Radomer Kumulus formen, erinnern an die Schärpen, die aus Wolkenzeichnungen auf mittelalterlichen Karten bekannt sind. „Durch seine Künstlichkeit hat das Objekt eine große poetische Kraft und zieht Betrachter an. Die Wolke ist uns als alltägliches, natürliches Phänomen bekannt, sei es aus der Wettervorhersage oder als Metapher für menschliche Gefühle. Wir sagen, dass sich jemandes Stirn «umwölkt» hat oder dass er «auf Wolken schwebt»“, erklärt Eulalia Domanowska. „Die Wolke steht als Symbol für eine andere Welt, für die Sehnsucht nach weiten Reisen und die Freiheit der Gedanken. Sie ist eine universelle Metapher für Sehnsucht“.

Der Radomer Kumulus ist die zweite Installation des Künstlers in Polen. Die erste ist im Stadtpark von Danzig entstanden. Dort ist auch ein weiteres Werk Goldbergs geplant, die Installation Pink Occurrence. Jeden zehnten Passanten, der die Brücke an der Toruńska-Straße Richtung Untere Stadt überschreitet, wird eine Wolke aus einem rosa Schleier begrüßen. Diese Installation entsteht für die Außengalerie der Stadt Danzig (Zewnętrzna Galeria Miasta Gdańska).