Frank Hülsbömer Der tanzende Palast

pm125, Serie: Photomatique, 2008
pm125, Serie: Photomatique, 2008 | © Frank Hülsbömer

Der deutsche Künstler Frank Hülsbömer erforscht die Wirklichkeit, indem er Modelle von ihr entwirft. Geometrische, stark vereinfachte und oft bewegliche Modelle. Auch zur Langen Nacht der Museen in Warschau am 17. Mai 2014 wird Hülsbömer ein solches Experiment durchführen.

In Frank Hülsbömers Methode steckt ein wenig Wahnsinn – er versucht mithilfe der analytischen und formalen Sprache der Kunst, etwas über die Wirklichkeit zu erzählen. „Ich habe lange als Fotograf gearbeitet und die mich umgebende Wirklichkeit dokumentiert, unter anderem auch die Stadt Warschau, in der ich Mitte der Neunzigerjahre gelebt habe. Natürlich haben auch Dokumentationen immer etwas Selektives, etwas Persönliches. Aber trotzdem hat mich diese Art von Fotografie irgendwann gelangweilt. Ich wollte eigene Welten erschaffen, Materialien und Oberflächen miteinander verbinden, Ebene auf Ebene legen, um mich auf die Außenwelt und deren Interaktionen und Interferenzen zu beziehen. Zwischen allen Elementen besteht eine Beziehung, und diese Beziehung kann man auf ganz unterschiedliche Weise gestalten, indem man Geschichten erzählt. Das funktioniert auch ganz abstrakt mit Objekten, die teilweise zu Repräsentaten von Subjekten mutieren. Auf diese Weise habe ich mehr Kontrolle über die künstlerische Aussage“, erklärt Frank Hülsbömer.

Das Ideelle und das Konkrete

Hülsbömer zerlegt die Wirklichkeit in ihre Einzelteile, er unterstreicht die Beziehungen zwischen ihnen und untersucht, was sie zusammenhält. Auf diese Weise entstehen seine Installationen aus Kugeln, geometrischen Papierschnipseln, bunten Gummibändern und sich drehenden Scheiben. Trotz ihrer Abstraktion sind sie keineswegs abgehoben, sondern beziehen sich ganz konkret auf ihre Umgebung. „Es sind nicht nur geometrische Formen – ich verwende Gummibänder, Matten, durchlöchertes Papier. In meiner Warschauer Installation verwende ich Zylinder, die ich selber gebaut habe. Es geht mir in meinen Werken nicht darum, einer Aussage irgendeine große Form überzustülpen, damit sie möglichst rein und synthetisch wird. Ich reduziere die Formensprache lieber auf ein notwendiges Minimum“, argumentiert Hülsbömer.

Wie sieht dieser Bezug der Werke Hülsbömers auf ihre Umgebung konkret aus? Sehen wir uns einmal seine neueste Arbeit – gut belegte spekulation im rahmen selbstdefinierter gesetze – an, die am 17. Mai im Rahmen der Langen Nacht der Museen im Goethe-Institut Warschau und im Café Między Nami präsentiert wird. Im Café-Raum wird Hülsbömer eine schwarze, facettenartige Kugel aufhängen – quasi das Negativ einer Discokugel. Und im Gebäude des Goethe-Instituts wird er eine sich drehende Konstruktion aufstellen, die an die kinetischen Plastiken László Moholy-Nagys erinnert und deren Farbgebung von den Innenräumen des Warschauer Kulturpalasts inspiriert ist.

Kein Hochhaus wie alle anderen

„Ich habe im Jahr 2000 endgültig wieder meine letzte Warschauer Wohnung an der Ul. Filtrowa gegen mein Pied-à-terre im nördlichen Teil von Berlin-Mitte eingetauscht. Aber selbstverständlich bin ich Warschau immer eng verbunden geblieben. Ich verfolge aufmerksam, wie sich das Stadtbild veränderte, wie immer neue Hochhäuser emporschießen. Manche Bezirke, wie das postindustrielle Wola, verlieren völlig ihren ursprünglichen Charakter und verwandeln sich in eine Art universelle City. Es ist verblüffend, dass diese Entwicklung am Kulturpalast fast völlig vorbeigegangen ist. Der Kulturpalast hat sich so gut wie nicht verändert und sein Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt“, kommentiert Hülsbömer und präsentiert auf seinem Smartphone einen kurzen Film, der die alten, blinkenden Leuchtstoffröhren im Inneren des Kulturpalasts zeigt. „Ein fertiges Videokunstwerk, nicht wahr?“, sagt er scherzhaft.

Die vom Warschauer Kulturpalast inspirierte Installation hat eine zylindrische Gestalt und ist in 18 verschiedenen Farbtönen lackiert. Die Farben hat er während eines Spaziergangs durch das Gebäude dokumentiert. Die Arbeit dreht sich um ihre eigene Achse. „Der Warschauer Kulturpalast ist nicht das einzige Gebäude seiner Art, doch jeder dieser sozialistischen Prachtbauten hat seinen eigenen Charakter. Man muss allerdings dazusagen, dass diese gedämpften, mit weißem Marmor harmonierenden Farben, die wir heute im Inneren des Warschauer Kulturpalasts sehen, nichts wirklich Außergewöhnliches sind. Wenn du in das Museum für Naturgeschichte in Paris gehst, dann findest du viele Ähnlichkeiten im Bezug auf die Farbgebung beziehungsweise die visuelle Identität. Die Farben des Kulturpalasts sind also eher ein Ausdruck einer bestimmten Zeit und nicht zwangsläufig Träger einer Ideologie“, sagt Hülsbömer.

Das neueste Werk des Künstlers lässt sich also folgendermaßen interpretieren: Die Urbanistik und das Raumkonzept der Fünfzigerjahre sind nach wie vor im Warschauer Alltag präsent, auch wenn sie inzwischen in den Hintergrund gedrängt wurden. „Ich weiß, dass die Veränderung Warschaus unausweichlich ist, dass die Stadt eine enorme Entwicklung durchgemacht hat. Aber es ist auch ein bisschen traurig, dass diese großen neuen Bürogebäude Warschau gewissermaßen erdrücken, dass sie zum Hauptbezugspunkt werden und den Rest der Stadt dominieren. Würde ich noch immer in meiner ersten Warschauer Wohnung an der Ul. Śliska wohnen, hätte ich Sehnsucht nach der Silhouette des Kulturpalasts am Horizont. Ich glaube, dass viele Menschen ähnlich denken wie ich. Darin schwingt eine gewisse kollektive Nostalgie mit, denn das Kieslowski-esque der Stadt löst sich langsam auf. Selbstverständlich machen Städte wie Berlin eine ähnliche Entwicklung durch, aber in Warschau ist sie viel brutaler, es entstehen höhere Gebäude, die sich aggressiver in das Stadtgefüge hineindrängen. Orte wie die Złote Tarasy sind zum Beispiel eine völlig kompromisslose Intervention in die Stadt.“

„Urbanistik ist für mich eine von vielen Dimensionen des künstlerischen Schaffens, aber nicht die Vorrangige. Die Stadt ist für mich insoweit von Bedeutung, als sie eine hohe zwischenmenschliche Erlebnisdichte aufweist und sich mit der Sprache der Abstraktion verbinden lässt“, fügt er hinzu. Und das ist schließlich seine künstlerische Freiheit.