Wim Wenders – Retrospektive Notizen von Meistern, Städten und Engeln

Wim Wenders
Wim Wenders | Foto: Peter Lindbergh 2015 © Wim Wenders Stiftung 2015

In Wim Wenders Spielfilmwerk wechseln sich kontinuierlich falsche Bewegungen mit meisterhaften Zügen ab. Jede Bezauberung nach Art von Paris, Texas muss mit einem völlig unnötigen Shooting in Palermo erkauft werden. Die Dokumentarfilme des deutschen Regisseurs dagegen lassen nicht im Geringsten Schwankungen dieser Art erkennen. Zurecht löste auch der neuste unter ihnen, Salz der Erde (2014), wohlverdiente Bewunderung aus.

Die Geschichte vom Werk des Fotografen Sebastião Salgado begeisterte die Zuschauer des Filmfestivals Cannes und wurde für den Oscar© nominiert. Heute ist sie das Schmuckstück der Wim Wenders Retrospektive während des Filmfestivals Docs Against Gravity. Man kommt nicht umhin beim Anschauen von Salz der Erde an ein altes Meisterwerk Wenders zu denken, an Alice in den Städten. Die Hauptfigur jenes Filmes, Phillip Winter, durchstreifte die Welt mit einem Fotoapparat in der Hand. Der junge Deutsche glaubte fest über eine Waffe zu verfügen, die sich der Kultur des kitschigen Neonlichts und aggressiver Werbung entgegenstellen könne. Selbst wenn Wenders im Laufe der Zeit seine Ziele aus den Augen verloren haben sollte, in Salgado fand er einen würdigen Nachfolger für die Fortführung seiner noblen Mission. Der brasilianische Fotograf findet seinen Weg überall dorthin, wo Menschen Unrecht oder Ungerechtigkeit widerfährt. Salgados Art von spektakulären Ereignissen zu erzählen, unterscheidet sich diametral von der Eins-zu-eins-Berichterstattung der Boulevardpresse. Statt der marktschreierischen Farbpalette beharrt er auf das minimalistische Schwarz und Weiß, in den Gesichtern der leidenden Menschen sieht er vor allem unanfechtbare Würde. Vielfache Aufenthalte in den Abgründen der Hölle ließen jedoch die Empfänglichkeit für das Schöne nicht bei dem Brasilianer abstumpfen. Für sein neustes Projekt desertiert Salgado von dem Schlachtfeld und fotografiert die allerschönsten Orte unseres Planeten. Wenders folgt seinem Protagonisten auf Schritt und Tritt, ihre Reise flößt Zuversicht ein. Die Welt in Salz der Erde bleibt ein Geheimnis, welches uns zwar anfänglich das Grauen lehrt, letztendlich aber ebenso tief zu entzücken vermag.

Einfach nur schauen

Der Film über Salgado geht wunderbar einher mit der 30 Jahre zuvor gedrehten Hommage an einen anderen Künstler – Yasujirō Ozu. In Tokyo – Ga, einer Art Postskriptum zur Reise nach Tokyo streift der Regisseur auf der Suche nach Spuren des alten Meisters durch die japanische Hauptstadt. Wenders kommt zu der melancholischen Erkenntnis, dass die Welt und die Sitten aus den Filmen Ozus unwiderruflich der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig erkennt er aber, dass das neue Tokyo einem ebenfalls kostbare Anregungen bescheren kann. Wie Roland Barthes in seinem impressionistischen Reich der Zeichen, vermag Wenders den banalsten Fragmenten des Alltags philosophische Bedeutung zu verleihen. In einer der schönsten Szenen in Tokyo – Ga deutet der Regisseur das Automatenspiel Pachinko als einen Hypnoseträger, der uns manchmal gestattet „zu vergessen, was immer man vergessen wollte“. Mit dem ganzen Film erfüllte sich Wenders einen alten Traum: „Wenn wir nur filmen könnten so wie wir manchmal unsere Augen verwenden, einfach nur schauen, ohne irgendetwas beweisen zu wollen.“

Erzählung vom Überwinden von Krisen

Eine andere Art von Geschenk an einen befreundeten Künstler lässt sich in Nick’s Film erkennen. Der durch die Arbeit an Hammet niedergedrückter Wenders besucht seinen krebskranken, dem Tode nahen Mentor Nickolas Ray. Die Aufzeichnung der Begegnung zwischen dem Meister und dem Schüler wird zu einer, für den Regisseur typischen Erzählung vom Überwinden von Krisen und sich in Niederlagen Hineinfinden. Obwohl Ray sich darüber im Klaren ist, dass ihm die Zeit einen Film zum Abschluss zu bringen nicht mehr gegeben ist, lässt er seine Kreativität aufleben und spinnt vor der Kamera Pläne für ein letztes Projekt aus. Dank seinem Regie-Kollegen darf der Autor von „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ sich noch ein letztes Mal wie ein echter Rebell fühlen.

Im Zimmer 666 beschäftigt sich Wenders nicht mehr mit einem herausragenden Individuum, sondern mit einem ganzen Phänomen. Während des Filmfestivals Cannes 1992 versammelt der deutsche Filmemacher die größten Regisseure seiner Zeit im Hotel Martinez und befragt jeden von Ihnen nach der Zukunft des Kinos. Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dieser Polyphonie starker Persönlichkeiten und Autorenauffassungen gewinnen? Wie würde man die vor 30 Jahren diagnostizierte Lage heute beschreiben? An dieser Stelle ist geboten inne zu halten und die Worte Werner Herzogs, der im Film ebenfalls erscheint, in Erinnerung zu rufen: „Manche Fragen sollte man erst dann beantworten, wenn man sich die Schuhe ausgezogen hat.“

Hommage an die zerstörte Identität

Für eine überraschende Pointe zu Wim Wenders Retrospektive während des Festivals Docs Against Gravity sorgt der Film Der Himmel über Berlin. 1987 gedreht, war der Film als Hommage an die von der Geschichte gezeichnete Stadt gedacht, an seine zerstörte Identität und grimmigen Bewohner. Aus heutiger Sicht fasziniert der poetische Himmel über Berlin als dokumentarischer Beleg eines bestimmten Augenblicks der Realität. Wenders Film ist heute nicht bloß die Aufzeichnung nicht mehr existierender architektonischer Objekte West Berlins. Der Himmel über Berlin bezeugt das Lebensgefühl von Menschen, die noch keinesfalls mit einer baldigen Wiedervereinigung rechnen. In erster Linie wird er aber zu einem schönen Beweis für die Aura des Ungewöhnlichen, die über Wim Wenders Gesamtwerk schwebt. Es dürfte nicht leicht sein einen anderen Filmemacher zu nennen, bei dem eine Geschichte von durch die Stadt wandelnden Engeln in Kategorien eines Dokuments erörtert würde.
 

Der Beitrag wurde im Rahmen von der Retrospektive Wim Wenders: Filme über Kunst zum 70. Geburtstag des Regisseurs veröffentlicht.