Architekturfotografie Błażej Pindors Wiedersehen mit Romuald Gutt

Warschauer Krankenschwesternschule, ul. Koszykowa
Warschauer Krankenschwesternschule, ul. Koszykowa | © Błażej Pindor

Warschau ist ein lohnendes Objekt für Architekturfotografen – voller Risse, im Zweiten Weltkrieg zerstört und in der Epoche des real existierenden Sozialismus wiederaufgebaut. Jetzt kann man im Rahmen von Błażej Pindors fotografischem Projekt das Erbe eines der bedeutendsten Architekten der polnischen Moderne, Romuald Gutt, bewundern.

Warschau ist ein lohnendes Objekt für Architekturfotografen – eine Metropole mit einer bewegten Geschichte, eine Stadt voller Risse, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und in der Epoche des real existierenden Sozialismus wiederaufgebaut wurde. Und die sich anschließend in der Zeit der politischen Transformation erneut veränderte, sich ausdehnte und in die Höhe schoss. Diese Entwicklung, die in den letzten Jahren permanent fortschreitet, ist auf den ersten Blick sichtbar.

Dagegen fällt es deutlich schwerer, das Dauerhafte in diesem dynamischen Gefüge zu entdecken: Gebäude mit Geschichte. Im Falle Warschaus ist schon der Begriff an sich problematisch: Der Großteil der Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, und die Gebäude, die heute das Stadtbild prägen, haben in der Regel keine besonders lange Geschichte. Vielleicht ist auch dies ein Grund für das wieder erwachte Interesse an der Warschauer Architektur der Moderne, die, nachdem sie lange Zeit vor allem ungeliebte Erinnerungen an die Zeit des Sozialismus weckte, allmählich wieder mehr Wertschätzung erfährt.

Zwei Richtungen verbinden

Eine wichtige Rolle bei dieser Rückbesinnung spielt die Fotografie. Fotografien ermöglichen es, einzelne Gebäude besser sichtbar zu machen, sie aus dem hektischen Stadtbild herauszuheben und somit auf eine Weise zu präsentieren, die selbst die Architekten nicht vorhersehen konnten. Ein Beispiel hierfür ist Błażej Pindors zwischen 2013 und 2014 realisiertes Fotografieprojekt Rewizyta u Romualda Gutta, das den heute noch in Warschau existierenden Gebäuden eines der bedeutendsten polnischen Architekten des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Romuald Gutt gilt als eine Ikone der polnischen Moderne, er war nicht nur in der Zwischenkriegszeit tätig, sondern arbeitete auch am Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg mit.

Die Gründe für Błażej Pindors Interesse am architektonischen Vermächtnis Romuald Gutts sind vielfältig. Der erste liegt sicherlich im Ausbildungsweg des Künstlers: Pindor studierte zunächst Architektur an der Technischen Universität Warschau und anschließend Fotografie an der Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag. Sein Ziel war es, sich mit dem Vermächtnis eines Mannes zu beschäftigen, der ganze Generationen polnischer Nachkriegsarchitekten beeinflusste, und zu überprüfen, wie die Projekte Gutts die Zeit überdauert haben. Von besonderem Interesse war für ihn sicherlich die Schlichtheit der Entwürfe Romuald Gutts, das Fehlen jeglicher Effekthascherei. Der Architekt verwendete in seinen Projekten bevorzugt graue Betonziegel – zum Beispiel für das Gebäude der Krankenschwesternschule an der Ul. Koszykowa (1927-1928), das heute als Ärztehaus dient und sich an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen Warschaus befindet. Und doch hat sich das Gebäude eines der charakteristischsten Merkmale der Entwürfe Gutts bewahrt: die Integration von Pflanzen als Dekorationselement. Die Außenwände sind auch heute noch mit Efeu bewachsen.

Index der Werke

Gleichzeitig bot Błażej Pindors Projekt eine gute Gelegenheit, gewisse Versäumnisse der Stadt Warschau gegenüber Romuald Gutt zu korrigieren. Pindors Suche nach aktuellen Fotografien der von Gutt entworfenen Gebäude hatte in den meisten Fällen ins Leere geführt. Oft existierten lediglich Archivfotos, die die heutige Umgebung der Objekte in keiner Weise wiedergaben. Auch die Funktion der Gebäude hatte sich in vielen Fällen grundlegend verändert. So zum Beispiel im Falle des Gebäudes der polnischen Sozialversicherung an der Ul. Czerniakowska 231 (1927-1931), das heute als Krankenhaus genutzt wird.

Aus diesem Grund können die entstandenen Fotografien auch als eine Art Index gelten, in dem die Projekte Romuald Gutts gesammelt und allen Interessierten zugänglich gemacht werden – sowohl jenen, die die Kunst der Schwarz-Weiß-Fotografie zu schätzen wissen, als auch jenen, die die Topografie Warschaus neu entdecken wollen. Der doppeldeutige Titel des Projekts (deutsch: Ein Wiedersehen mit Romuald Gutt) gibt all diese Motivationen ausgezeichnet wieder: ein Wiedersehen nicht nur als eine Wiederbegegnung sondern auch als ein Wieder-Sehen, eine Wiederentdeckung der Projekte Romuald Gutts.

Suche nach Details

Die mit einer Großformatkamera aufgenommen Schwarz-Weiß-Fotografien, sind äußerst präzise und verbinden die beiden wichtigsten Aspekte der Architekturfotografie: die Abbildung des Objekts und die Vermittlung eines eigenen Blicks. Der erste Aspekt verdeutlicht den Maßstab der einzelnen Gebäude und ihre Rolle innerhalb des heutigen Stadtgefüges. Die Schwarz-Weiß-Fotografien lassen das gewohnte farbliche Durcheinander von bunten, hässlichen Schildern und zerkratzten, verwitterten Fassaden in den Hintergrund treten und lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das eigentliche Thema. Außerdem harmoniert die Schwarz-Weiß-Ästhetik ausgezeichnet mit den charakteristischen Merkmalen der Architektur Gutts – dem Verzicht auf Effekthascherei und modische Spielereien – und bringt diese noch besser zur Geltung.

Was den zweiten Aspekt betrifft, sind diese auf den ersten Blick so neutralen Fotografien das Ergebnis eines bewussten künstlerischen Entscheidungsprozesses. Da das Projekt über einen längeren Zeitraum hinweg entstand, lassen sich gewisse Veränderungen in der Beziehung zwischen dem Künstler und seinen „Protagonisten“ wahrnehmen. Zu Beginn des Projekts wählte Pindor überwiegend dieselben Standorte, aus denen auch die historischen Fotografien entstanden. Doch im weiteren Verlauf entschied er sich immer häufiger dafür, die Perspektive zu wechseln, was sowohl dem Betrachter als auch den Gebäuden selbst zugute kommt, die nun nicht mehr von Büschen, Bäumen oder anderen Gebäuden verdeckt sind. Es finden sich auch zunehmend Fotografien von Details, Fassadenfragmenten und architektonischen Einzelheiten, zum Beispiel eines Aufeinandertreffens von Vergangenheit und Gegenwart, der Integration eines modernen Garagentores in eine alte Fassade. Mit solchen Beobachtungen regt Pindor den Betrachter auch dazu an, selbst nach Details zu suchen, in denen sich das Leben der Gebäude und der in ihnen lebenden Menschen manifestiert – wie zum Beispiel die Verkaufsstände in der großen Eingangshalle des Krankenhauses in der Ul. Czerniakowska.

Insgesamt umfasst das Projekt Rewizyta u Romualda Gutta 250 Fotografien, die das Erbe eines der bedeutendsten Architekten der polnischen Moderne dokumentieren. Die Hälfte von ihnen wurde auf der Internetseite romualdgutt.net unter einer freien Lizenz veröffentlicht.

Das Projekt wurde mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe realisiert.