Bauhaus Ein Ratgeber zum Leben in der Stadt

Eingang zur Bauhausschule in Dessau
Eingang zur Bauhausschule in Dessau | © Geared Bull; Quelle: Wikimedia Commons

Können Architekten Einfluss auf die Politik nehmen? Sollten Sie sich mit dem Phänomen des Glücks auseinandersetzen? Können sie in den Menschen eine Apathie der Sinne auslösen? Für Walter Gropius, den Gründer des Bauhauses, bedeutete Architektur wesentlich mehr als nur die Arbeit am Reißbrett. Wann gelangt sie zur Vollendung?

„Internationaler Stil“, „Funktionalität“, „Modernität“ – die Bauhaus-Schule wurde mit vielen Etiketten versehen, die wir auch heute noch oft verwenden. Die vor Kurzem in Polen erschienene Anthologie Pełnia architektury mit Vorträgen und Schriften von Walter Gropius aus den Jahren 1929-1953, stellt einen Versuch dar, das Bauhaus von überflüssigen Wertungen zu befreien. Daneben gibt es zahlreiche Passagen, die sich unmittelbar mit dem Beruf des Architekten auseinandersetzen: Wie ihre optimale Ausbildung aussehen sollte und von welchen Grundsätzen sie sich bei ihrer Arbeit leiten lassen sollten. Doch keine Angst, das Buch ist keineswegs nur für einen kleinen Kreis von Architekten und Stadtplanern bestimmt, sondern für all jene, die sich für den städtischen Wandel und das Thema Lebensqualität in Großstädten interessieren, die Wert auf gute Beziehungen zu ihren Nachbarn legen und gute Architektur zu schätzen wissen. In Polen gibt es immer mehr Menschen, die gerne bereit sind, über diese Themen zu diskutieren – und Walter Gropius bietet ihnen reichlich Gesprächsstoff. Und obwohl er seine Gedanken zum Thema Städtebau und Stadtplanung bereits vor über 60 Jahren formulierte, sind viele von ihnen auch heute noch verblüffend aktuell.

Visionäre anstelle von Experten

Was ist das Bauhaus? Auch wenn es oft als ein architektonischer „Stil“ bezeichnet wird, war dies keineswegs die Intention seines Gründers. „Das Ziel des Bauhauses ist eben kein »Stil«, kein System, Dogma oder Kanon, kein Rezept und keine Mode! Es wird lebendig sein, solange es nicht an der Form hängt, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst sucht! [...] Ein »Bauhausstil« aber wäre ein Rückschlag in die akademische Stagnation, in den lebensfeindlichen Trägheitszustand, zu dessen Bekämpfung das Bauhaus einst ins Leben gerufen wurde. Vor diesem Tod möge das Bauhaus bewahrt bleiben!“. Als Ausdruck dieses Protests gründete Gropius 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar, das Architekten nach einem einzigartigen, für die damalige (und auch die heutige) Zeit revolutionären Studienprogramm ausbildete. Das Studium setzte auf die ganzheitliche Ausbildung künstlerisch begabter junger Menschen. Die Absolventen des Bauhauses konnten in unterschiedlichen Bereichen arbeiten: als Industrie- und Handwerksdesigner, Maler, Bildhauer und Architekten. Die Lehrer, darunter namhafte Künstler wie Wassily Kandinsky und Paul Klee, präsentierten ihren Schülern keine fertigen Lösungen, sondern schulten sie in unterschiedlichen Handwerkstechniken und technologischen Prozessen, vermittelten ihnen einen Begriff von Proportion und Maßstab, Schatten und Farbe, und ermutigten sie zu eigenen Experimenten mit unterschiedlichen Werkzeugen und Materialien. „Unser Jahrhundert hat Millionen von Spezialisten hervorgebracht; lasst uns nun dem Mann der schöpferischen Phantasie den Vorrang geben“, betonte Gropius. Die umfassend ausgebildeten Absolventen sollten sich in allen Lebenslagen zu helfen wissen.

Frischer Wind in bürgerlichen Mauern

Das Gebäude der Bauhausschule in Dessau Das Gebäude der Bauhausschule in Dessau | © gaku.; Quelle: www.flickr.com Infolge von Anfeindungen seitens der Nationalsozialisten musste die Schule zweimal umziehen: von Weimar nach Dessau und von Dessau nach Berlin. Obwohl sie nur 14 Jahre lang existierte, war sie doch eine der wichtigsten Architekturschulen des 19. Jahrhunderts. Gebäude nach Entwürfen ihrer Professoren und Absolventen entstanden unter anderem in Deutschland, Israel und den USA. Ihre Postulate, die sich parallel zur Entstehung der modernen Industriegesellschaft entwickelten, veränderten das Gesicht der Architektur und dadurch auch das Erscheinungsbild unserer Städte. Die Abkehr von der Fassadenornamentik des 19. Jahrhunderts, die Verwendung glatter Flächen, geometrischer Formen und großflächiger Verglasungen, die Reihenbauweise – was uns heute selbstverständlich erscheint, war damals eine echte Revolution. Zusätzlich befreite das Bauhaus die überladenen und stickigen Bürgerhäuser von ihren massiven, reich verzierten Möbeln und ersetzte diese durch einfache und funktionale, in Massenproduktion hergestellte Einrichtungsgegenstände.

Therapeutische Balkone

Seelenlos, mechanisch – dieser und ähnlicher Argumente bedienten sich die eifrigsten Gegner der neuen Schule, die eine grundlegende Erneuerung der Architektur forderte. Für Gropius war die Architektur kein fertiges System, sondern etwas, das einem ständigen Wandel unterlegen war. Er argumentierte, die Kunst und die Architektur hätten den Bezug zu den Menschen bereits vor langer Zeit – nämlich während der industriellen Revolution – verloren und seien zu einem ästhetischen Selbstzweck verkommen.

Auch wenn dies heute oft vergessen wird, war es eines der wichtigsten Ziele des Bauhauses, der Versklavung des Menschen durch die Maschinen entgegenzuwirken. Die Technik sollte gezähmt und den Bedürfnissen des Individuums unterworfen werden. Gropius wehrte sich auch gegen die vorherrschende (bis heute nachwirkende) Überzeugung, es gehe dem Bauhaus in erster Linie um Funktionalität: Emotionale Bedürfnisse seien ebenso wichtig wie utilitäre. Und er fügte hinzu, dass Architekten sich öfter die Frage stellen sollten, welches die Voraussetzungen zum Glücklichsein sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten jüdische Absolventen des Bauhauses im Stadtzentrum von Tel Aviv viertausend weiße Gebäude ohne jegliche Ornamente und überflüssige Details. Selbst die Verwendung runder Formen wurde unter den Architekten kontrovers diskutiert – manche empfanden sie als zu unpraktisch. Und doch statteten sie fast jedes der Gebäude mit mehreren, zum Teil großflächigen Balkonen aus – mit Rücksicht auf die jüdischen Bewohner, die aufgrund von Krieg und Verfolgung nach Israel gekommen waren. Die Balkone sollten ihnen dabei helfen, ihr Kriegstrauma zu überwinden sowie Beziehungen zu ihren Nachbarn und zu ihrer neuen Heimat aufzubauen. Nach Ansicht Walter Gropius' sollten Architekten nicht nur neue Häuser und Fabriken bauen, sondern auch aktiv zur Entwicklung einer modernen Bürgergesellschaft beitragen.

Die Sprengkraft der Motorisierung

Wenn man sich nach der Lektüre von Pełnia architektury einmal die heutigen polnischen Großstädte ansieht, kommt man schnell zu der Überzeugung, dass viele der Probleme, auf die der Bauhaus-Gründer bereits vor Jahrzehnten aufmerksam machte, bis heute ungelöst sind. Bereits zu Beginn der Fünfzigerjahre erkannte Gropius die Gefahr der zunehmenden Beherrschung des öffentlichen Raums durch das Automobil: Der Fußgänger werde auf den engen Gehweg zurückgedrängt, und die nachbarschaftlichen Beziehungen, die einst den Zusammenhalt der Stadtgesellschaften gewährleisteten, fielen der Sprengkraft der Motorisierung zum Opfer.

Was würde Walter Gropius sagen, wenn er sähe, dass die meisten städtischen Flächen inzwischen in Parkplätze umgewandelt wurden? Man kann es sich denken – auch in Pełnia architektury gibt es zahlreiche Passagen, in denen er die Notwendigkeit öffentlicher, allen Einwohnern zugänglicher Stadträume, sogenannter Herzen der Stadt, betont. Die Schaffung solcher „sozialer Zentren“ war für ihn wichtiger als die Planung von Wohnraum: Moderne fußgängergerechte Stadträume seien notwendiger als jemals zuvor, weil in ihnen, durch den täglichen sozialen Austausch, die Grundlagen der Demokratie geschaffen würden.

Gegen die Apathie der Sinne

Walter Gropius gilt heute in erster Linie als ein bedeutender Architekt. Die Anthologie Pełnia architektury belegt eindrucksvoll, dass er auch ein großer Pädagoge, Sozialaktivist und in gewissem Sinne sogar Politiker war. Es mag sein, dass sich nicht alle seine Thesen bestätigt haben – zum Beispiel die Überzeugung, das Wohnen in Hochhäusern mit Fahrstuhl fördere die kulturelle Entwicklung der Bewohner. Doch viele seiner Diagnosen, wie die Notwendigkeit der sorgfältigen Planung von Innenstädten und Vororten oder der Versorgung sämtlicher Wohnungen mit natürlichem Licht, sind auch heute noch brandaktuell.

Es gibt in den polnischen Buchhandlungen immer mehr Bücher, die sich mit dem städtischen Raum beschäftigen, und Pełnia architektury stellt eine willkommene Bereicherung dar. Es ist ein ausgezeichnetes Mittel gegen die Apathie der Sinne, vor der Walter Gropius einst warnte: die Unfähigkeit, nach dem Schönen zu suchen und es zu erkennen. Dem sollten wir entgegenwirken.
 

Pełnia architektury

Autor: Walter Gropius
Übersetzung: Karolina Kopczyńska
Verlag: Karakter
ISBN 978-83-62376-53-7