Rene Wawrzkiewicz Schutzschilde, die wir gleich wieder wegwerfen

© Rene Wawrzkiewicz
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„Polnische Grafik“, „polnisches Design“, „polnische Illustration“ – was ist das eigentlich genau? Rene Wawrzkiewicz – Grafikdesigner, Design-Förderer sowie Mitgründer des polnischen Grafikerverbands STGU und des Design Criticism Studio – geht der Frage nach, ob Design eine Nationalität hat.

Anna Theiss: Während der diesjährigen internationalen Designkonferenz TYPO Berlin warst du Kurator des Design Specials Polen, bei dem Werke bedeutender polnischer Grafikdesigner präsentiert wurden. Daneben gab es auch ein Design Special Russland. Ich habe voller Verwunderung festgestellt, dass zum ersten Mal in der 18-jährigen Geschichte dieser Veranstaltung ein solcher nationaler Programmschwerpunkt gesetzt wurde. Wie kam es dazu?

Arobal – Karuzela Arobal – Karuzela | Illustrative Berlin 2013 Rene Wawrzkiewicz: Ich habe die Organisatoren von TYPO Talks vor über eineinhalb Jahren kennengelernt. Wir haben schon länger darüber nachgedacht, gemeinsam etwas in Deutschland oder Polen zu machen. Ich organisiere bereits seit mehreren Jahren verschiedene Veranstaltungen zum Thema Design in und außerhalb Polens. Ich kenne die polnische Szene und das Potenzial der polnischen Designer. Gleichzeitig weiß ich ziemlich gut, wie Festivals und Konferenzen im Ausland aussehen und nach welchen Regeln sie funktionieren. Wir haben uns also in Berlin getroffen und eine Liste polnischer Referenten zusammengestellt – und zur selben Zeit bot die russische Designkuratorin Helena Dell-Kolaschnik den Organisatoren ihre Mitarbeit an. Plötzlich ergab sich die Möglichkeit, zwei große nationale Specials zu machen. Eine solche Praxis hatte es auf der TYPO Berlin noch nie gegeben, weil die Organisatoren – völlig zu Recht – Design nicht in nationalen Kategorien betrachten. Gleichzeitig war dieser Ansatz für sie neu und interessant, also haben wir beschlossen, es auszuprobieren – und es hat geklappt!

Einerseits gibt es also so etwas wie nationales Design gar nicht. Andererseits ist es wahrscheinlich bequem, Design nach Nationalitäten geordnet zu präsentieren?

Wir sind uns darüber im Klaren, dass nationale Specials auf lange Sicht weder effektiv noch sinnvoll sind, weil sie das Verständnis des jeweiligen Bereichs einengen und beschränken. Sie haben jedoch immer eine gewisse Promotion-Funktion. Wenn wir ein Phänomen zum ersten Mal präsentieren, ohne dabei besonders viele Bezugspunkte zu haben, sind sie eine gute Lösung. Eine einfache Analogie: Stellen wir uns einmal eine Ausstellung mit dem Titel „Neues Design aus Schlesien“ vor. Man könnte in einer solchen Ausstellung zeigen, wie diese konkrete Designszene aussieht, welches ihre wichtigsten Akteure, ihre bevorzugten Techniken und Themenfelder sind. Das wäre ein interessantes Konzept, und eine solche Ausstellung – zum Beispiel in Warschau – würde bestimmt viele Besucher anziehen. Aber nur wenige dieser Besucher würden anschließend zu einer Ausstellung mit dem Titel „Neues Design aus Schlesien 2“ oder „Neues Design aus Schlesien 3“ erscheinen, einfach weil sie bereits wissen, oder zumindest vermuten, was sie dort erwartet. Jedes Projekt sollte einen tieferen Sinn und eine situationsgebundene Zweckmäßigkeit haben.

Nationale Specials haben also keinerlei – nennen wir es einmal – kritisches, diskursives Potenzial?

Tymek Jezierski - makieta Tymek Jezierski - makieta | Illustrative Berlin 2013 Genau. Wir haben diese beiden Specials einfach als Werkzeuge betrachtet, um den Besuchern ein Bild vom polnischen und russischen Design zu vermitteln und zu zeigen, inwiefern sie sich vom westlichen Design unterscheiden. Im Falle der TYPO Talks Design Specials kommt noch eine weitere Dimension hinzu: die Tatsache, dass polnisches und russisches Design nach wie vor mit „Kunst aus dem Ostblock“ assoziiert wird. Ich finde es verblüffend, dass wir noch immer in einen solchen Zusammenhang gestellt werden. Es sind jetzt fast 25 Jahre vergangen, aber wir sind noch immer „von drüben“. Egal wie sehr wir dem widersprechen und dagegen ankämpfen – ständig werden wir auf diese Weise wahrgenommen. Auch wenn sich dieses Bild von uns allmählich verändert, sind die Stereotypen noch immer sehr deutlich zu spüren.

Die Frage muss jetzt kommen: Gibt es so etwas wie polnisches Design?

Ja und nein. Einerseits nein – weil wir Designer uns einer gewissen globalen Designsprache bedienen, weil wir ähnliche Werkzeuge und Techniken verwenden. Andererseits ja – weil sich diese globale Designsprache eben doch unterscheidet, zum Beispiel, weil wir in Polen technologisch nicht so weit entwickelt sind wie der Rest Europas.

Ach, wirklich? Wir können nicht so gut mit Photoshop umgehen?

Es geht dabei nicht so sehr um einzelne Fähigkeiten, sondern vielmehr um die Verzahnung zwischen Wirtschaft, Bildung und Forschung. Polnische Unternehmer und Betriebe verfügen zum Beispiel über fortgeschrittene, aus EU-Mitteln finanzierte Technologien, von denen die Designer nur wenig Ahnung haben, weil es ihnen niemand beigebracht hat, Technologien, die von ausländischen Wissenschaftlern und Ingenieuren entwickelt wurden, mit denen im Ausland erworbene Designs oder Produkte produziert werden und so weiter. Design resultiert aus der konkreten Situation der Menschen an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Region. Vereinfacht gesagt, ist Design so, wie wir selbst sind. Wenn die meisten polnischen Designer für Agenturen arbeiten und Werbung produzieren, dann ist das offensichtlich die Phase, in der wir uns gerade befinden. Auch wenn dies selbstverständlich kein vollständiges Bild des polnischen Designs ist.

Auch auf der Illustrative Berlin, die Ende August beginnt, wird es ein Polen-Special geben, richtig?

Arobal - gaga advertorial.exklusiv Arobal - gaga advertorial.exklusiv | Illustrative Berlin Genau, das war eine Idee von Agata Endo Nowicka und mir. Agata hat bereits in Polen mehrere sehr gelungene Ausstellungen zum Thema polnische Illustration organisiert, und das Special auf der Illustrative soll eine kreative Weiterentwicklung dieser Ausstellungen sein. Interessanterweise ist die Illustration heutzutage einer der stärksten Trends im jungen Design, vielleicht, weil sie in organisatorischer und technischer Hinsicht vergleichsweise einfach ist. Man braucht nur wenige Dinge: einen Zeichenblock, einen Bleistift, Farben, einen Scanner, einen Computer – und selbstverständlich Talent, Hartnäckigkeit und Können. In der Architektur oder im Produktdesign ist es viel schwerer, ein bestimmtes Projekt zu verwirklichen. Andererseits stoßen Illustratoren schnell an Grenzen: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Zeitungen, die Aufträge sind oft banal und stereotyp, Experimente sind wenig erwünscht und die Honorare leider nur sehr gering.

Und diesen Trend wollt ihr in Berlin präsentieren?

Wir haben in Polen so viele außergewöhnlich talentierte, versierte und originelle Illustratoren, dass es eine Sünde wäre, sie nicht im Ausland zu präsentieren und zu fördern. Wir haben dabei nicht an Japan oder New York gedacht, sondern an einen viel näheren Ort: Berlin. Es ging uns darum, Gräben zu überwinden, eine gewisse Distanz zwischen den polnischen Designern und dem wichtigen europäischen Markt aufzuheben. Berlin erschien uns hierfür als die logische, nächstliegende Adresse. Es muss auch gesagt werden, dass die Ausstellung auf der Illustrative nach der TYPO Berlin und dem DMY bereits das dritte große polnische Special im Rahmen der wichtigen und international angesehenen Berliner Designveranstaltungen ist. Wir setzen also eine erfolgreiche Reihe fort.

Man könnte also sagen, dass ihr unter dem Schutzschild „polnisches Design“ an mehreren Fronten versucht, in den europäischen Markt vorzudringen. Aber sobald dies gelungen ist, werden die Schutzschilde wieder weggeworfen?

Auf jeden Fall. Ich habe ganz bewusst ein Angebot der TYPO Berlin abgelehnt, den „Polentag“ fortzuführen. Stattdessen werden jedes Jahr einige ausgewählte Designer aus Polen dort vertreten sein, auf derselben Grundlage wie Referenten aus den Niederlanden oder aus England. Es liegt mir sehr viel daran, dass die polnischen Designer zu solchen Veranstaltungen nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit, sondern aufgrund ihrer Werke eingeladen werden. Auf der TYPO Berlin 2013 konnte jeder deutlich sehen, dass wir keine Sonderbehandlung benötigen, weil unser Design absolut auf europäischem Niveau ist.