Bibliotheken in Polen Veränderungen zum Besseren

Kupferstich, ca. 1750, Vorstellung der Bibliothek von Alexandria
Kupferstich, ca. 1750, Vorstellung der Bibliothek von Alexandria | Quelle: polona.pl

Noch vor Kurzem herrschte in Polen eine ziemlich paradoxe Situation: Unsere Bibliotheken – lebendige, auf der Idee des Teilens und Zugänglichmachens von Beständen beruhende Fundgruben des Wissens, der Tradition und der Kultur – waren, ähnlich wie Museen, mit einer dicken Staubschicht überzogen. Heute versuchen wir, ihnen ihre angemessene Bedeutung für den Prozess der Gestaltung der Informationsgesellschaft zurückzugeben.

Nach einer im März 2013 veröffentlichten Studie, die von der Bill & Melinda Gates Foundation in Auftrag gegeben und in 17 europäischen Ländern durchgeführt wurde, nutzen fast ein Viertel (97,3 Millionen) der Europäer jedes Jahr die Dienste einer der 65 000 öffentlichen Bibliotheken. Die Zahl der Besucher und die Gründe für den Bibliotheksbesuch sind je nach Land unterschiedlich. Polen befindet sich nach dieser Studie nach wie vor im Mittelfeld zwischen dem nördlichen Europa, wo fast 50 Prozent der Einwohner aus sämtlichen Altersgruppen und sozialen Schichten Bibliotheken besuchen, und dem südlichen Europa, wo Bibliotheken ein „exklusiver Ort für ein ausgewähltes Publikum“ sind. Vom schlummernden Potenzial der polnischen Bibliotheken zeugt die hohe Wertschätzung, die polnischen Bibliotheken – trotz der eher niedrigen Besucherzahlen – von ihren Nutzern entgegengebracht wird.

Für den Anfang

Eine moderne Inneneinrichtung, kompetente und freundliche Mitarbeiter, die Möglichkeit zur Ausleihe und 24-Stunden-Rückgabe von Büchern und anderen Medien, Computer-Arbeitsplätze mit Internetzugang, ein interaktives Bildungszentrum und ein von Native Speakern geleitetes „Language Café“, eine professionelle PR-Arbeit und die Kooperation mit anderen Institutionen – dies sind die wichtigsten Merkmale der Breslauer Mediathek (Mediateka Wrocław). Diese 2004 im Rahmen eines innovativen Projekts der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stadt Breslau und der Stadtbibliothek Breslau ins Leben gerufene Einrichtung setzte seinerzeit neue Standards für polnische Bibliotheken. Sie verzeichnet nicht nur siebenmal mehr Ausleihen als der Durchschnitt der polnischen öffentlichen Bibliotheken, sondern sie ist auch ein Ort für Begegnungen und kulturelle Veranstaltungen die alljährlich über 9 200 Besucher anziehen. Manche betonen, erst die Mediathek habe die Stadtverwaltung auf die Bedeutung der städtischen Bibliotheken aufmerksam gemacht. Auch der Beschluss zur Neustrukturierung der Breslauer öffentlichen Bibliotheken bis zum Jahr 2012 sei mittelbar ihr Verdienst gewesen.

Das neue Gesicht der polnischen Bibiliotheken, die sich jahrzehntelang ausschließlich der Förderung der Lesekompetenz verschrieben hatten und die als stille, gravitätische Orte der individuellen Arbeit mit dem Buch wahrgenommen wurden, zeigt sich auch in der Krakauer Artothek (Arteteka Kraków). Diese neue Außenstelle der öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek in Krakau, die im „Kleinpolnischen Kunstgarten“ (Małopolskie Ogród Sztuki) eingerichtet wurde (der auch vom Juliusz-Słowacki-Theater genutzt wird), genießt bereits Kultstatus. Die Artothek bietet Theaterfreunden und Kunstinteressierten zahlreiche Internet-Arbeitsplätze, spezielle Datenbanken zum Thema Kunst im weitesten Sinne und entsprechende Computerprogramme, die ihnen dabei helfen, ihre Interessen zu entwickeln, ihr Wissen zu vervollständigen und selbst kreativ zu werden. Den Nutzern stehen zahlreiche E-Reader zur Verfügung. Zum Bestand der Bibliothek gehören neben E-Books, E-Journals, audiovisuellen Medien sowie gedruckten Büchern und Zeitschriften auch eine umfangreiche Comic-Sammlung des „Kleinpolnischen Comic-Studios“ (Małopolskie Studio Komiksu) und eine digitale Sammlung von Street-Art.

Für jede Gelegenheit und für jeden Geldbeutel

Dass moderne Bibliotheken nicht nur in Großstädten eine wichtige Rolle spielen, verdeutlicht eine Studie der Stiftung zur Förderung der Informationsgesellschaft (Fundacji Rozwoju Społeczeństwa Informacyjnego – FRSI), die 2008 von der Polnisch-Amerikanischen Freiheitsstiftung ins Leben gerufen wurde. Aus dieser Studie geht hervor, dass 30 Prozent der Einwohner von Kleinstädten die Dienste einer der etwa 6 300 Bibliotheken nutzen. 99 Prozent der jungen Bibliotheksnutzer in polnischen Kleinstädten und Dörfern nutzen Bibliotheken als einen Treffpunkt. Fast 70 Prozent von ihnen erhoffen sich Hilfe bei den Schularbeiten. Über 50 Prozent besuchen Bibliotheken, um dort eine interessante Zeit zu verbringen, und etwa 20 Prozent, um Computerspiele zu spielen. Ältere Bibliotheksbesucher erledigen in Bibliotheken – mithilfe des Internets und unter Anleitung von Mitarbeitern – bevorzugt Alltagsaufgaben, wie die Steuererklärung oder die Suche nach günstigen Flugtickets. Leider werden solche Einrichtungen, in denen all diese Dienste, inklusive der Ausleihe von Büchern, kostenlos angeboten werden, noch immer zu wenig genutzt.

Die Stiftung zur Förderung der Informationsgesellschaft, die im Rahmen eines Förderprogramms über 3 800 Bibliotheken mit 12 000 modernen elektronischen Geräten ausstattete und die zusätzlich Schulungen für Bibliothekare und Nutzer sämtlicher Altersstufen anbietet, ist ständig auf der Suche nach neuen Ideen und individuellen Lösungen. Eine solche Lösung ist die Schaffung sogenannter „Digitaler Archive für Lokale Traditionen“ (Cyfrowe Archiwa Tradycji Lokalnej) in Zusammenarbeit mit dem KARTA-Zentrum und unter Beteiligung von Bibliotheksnutzern. Daneben ermutigt die Stiftung auch private Firmen, sich an der Förderung von Bibliotheken zu beteiligen.

Sehr gut mit Auszeichnung

Auch die Politiker haben längst erkannt, welch eine große Sünde es wäre, das Potenzial eines der größten Bibliotheksnetze in Europa (mit 8 200 Einrichtungen), der umfangreichen Bestände und des Vertrauens, das der Berufsstand des Bibliothekars (9 600 Personen) bis heute in Polen genießt, nicht zu nutzen. Im Oktober dieses Jahres zog das polnische Ministerium für Kultur und Nationales Erbe eine erste Zwischenbilanz des auf mehrere Jahre (2011-2015) angelegten Programms KULTURA+. Ziel dieses Programms mit einem Gesamtbudget von 369,7 Millionen Złoty ist die Förderung des Zugangs zu Kultur und der Teilhabe am kulturellen Leben in ländlichen und städtisch-ländlichen Gebieten, in denen Bibliotheken oft die einzige Institution mit einem kulturellen Angebot sind.

Das Programm besteht aus zwei Schwerpunkten, den Modulen „Biblioteka+“ und „Digitalizacja“. Das erste Modul – die Umgestaltung der polnischen Bibliotheken in moderne Bildungs- und Kulturzentren und Mittelpunkte des gesellschaftlichen Lebens – umfasst u. a. den Bau, den Umbau oder die Renovierung von 222 Bibliotheken mit Fördermitteln in Höhe von über 127 Millionen Złoty. 28 dieser Projekte, die vom polnischen Buchinstitut betreut und in Zusammenarbeit mit den Kommunen durchgeführt werden, wurden bereits abgeschlossen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Barrierefreiheit für ältere und behinderte Menschen gelegt. Das Modul ergänzt die bereits zuvor ins Leben gerufenen staatlichen Programme, u. a. die 2008 begonnene Einführung des Katalogsystems MAK+ in Zusammenarbeit mit der Polnischen Nationalbibliothek (Biblioteka Narodowa) und die 2009 begonnene Ausstattung der Bibliotheken mit Internetanschlüssen in Kooperation mit dem größten polnischen Anbieter von Festnetztelefonie. Auf diese Weise eifern wir dem skandinavischen Modell der „Bibliotheken für alle“ nach, das vom Direktor des polnischen Buchinstituts Grzegorz Gauden (der die 80er- und 90er-Jahren selbst in der schwedischen Emigration verbracht hatte), mehrfach als Vorbild genannt wurde.

Das zweite Modul umfasst die Digitalisierung und Verfügbarmachung des polnischen kulturellen Erbes in Bibliotheken, aber auch in Museen und Archiven. Gegenwärtig fördert das Modul 119 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 54 Millionen Złoty. Als Musterbeispiel gilt in diesem Zusammenhang die Digitale Nationalbibliothek „Polona“. Dieses moderne, mit zahlreichen Funktionen ausgestattete Internetportal wird von der Polnischen Nationalbibliothek – dem Kompetenzzentrum für die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen – betreut. Dank ihr erwachen tagtäglich 2 000 Objekte (mit über 70 000 Scans) vor den Augen von Nutzern aus Polen und aller Welt zu neuem digitalen Leben: Bücher, Zeitschriften und Sonderausgaben, Postkarten, Fotografien, Zeichnungen, Landkarten, Notenblätter und Manuskripte. Der Facebook-Auftritt von „Polona“ und der von den Nutzern mitgestaltete Blog liefern den Beweis, dass die Bestände nicht nur zu Informations-, Bildungs- und Forschungszwecken genutzt werden, sondern auch als Anregung zu künstlerischen Projekten dienen und sogar im Geschäftsleben genutzt werden. Darüber hinaus ist die Digitale Nationalbibliothek „Polona“ eine ausgezeichnete Plattform für weitere Repositories, Bibliotheken und private Sammlungen.

Auf diese Weise bietet das Zusammenwirken verschiedener Initiativen zahlreichen Bibliotheken und ihren Beständen eine Chance auf ein neues Leben. Gleichzeitig bietet es der Gesellschaft einen Weg aus dem Informationsüberfluss, eine Chance auf eine verlässlich, professionell betreute Informationsquelle. Und vielleicht werden wir in fernerer Zukunft sogar zu einem „zweiten Australien“, wo die öffentlichen Bibliotheken bereits mit Gewinn arbeiten ...