Junge Schriftsteller Neue Entwicklungen in der deutschen Gegenwartsliteratur

Literaturinstitut Leipzig, Wächterstr. 34
Literaturinstitut Leipzig, Wächterstr. 34 | Foto: Andreas Praefcke, geändert von: Geisler Martin, CC Attribution 3.0

Jungen Schriftstellern ist es in Deutschland wohl noch nie so gut gegangen wie im Moment. Es gibt ein weitverzweigtes Förderungs- und Stipendiatensystem, etliche Förderpreise und Möglichkeiten für Aufenthalte in Schriftstellerhäusern, für Stadtschreiberstellen, für zeitweilige öffentliche Funktionen.

Das ist eine Entwicklung, die in den siebziger Jahren ihren Anfang genommen hat, als Schlagwörter wie „Kultur für alle“ geprägt worden sind. Die Gruppe 47, die von 1947 bis 1967 das literarische Leben in der Bundesrepublik definiert hat, schuf eine Praxis des halböffentlichen Lesens und Kritisierens, die auch der Figur des Kritikers einen großen Stellenwert verlieh.

Nach dem Ende der Gruppe 47 bildeten sich im Anschluss an ihre Gepflogenheiten vielfältige Formen literarischer Aktivitäten heraus, öffentliche Lesungen, Debatten und Podiumsrunden schufen die Möglichkeit, Literatur auch als „Event“ zu begreifen. Mittlerweile gibt es zahlreiche öffentliche Festivals und Veranstaltungsreihen, die den „Dichter zum Anfassen“, eine Wortschöpfung aus den siebziger Jahren, präsentieren. Kommunikationswissenschaften und Kulturmanagement sind Studiengänge, die in den letzten beiden Jahrzehnten an Geltung gewonnen haben und die Praxis des kulturellen und vor allem auch literarischen Lebens mit immer neuen Formaten und Konzepten bestimmen.

Schriftsteller mit Abschluss

Die wichtigsten Studiengänge, die die Literatur selbst betreffen, werden am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Universität Hildesheim mit dem Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ angeboten: hier kann man sich zum Beruf des Schriftstellers ausbilden lassen. Die meisten Debütanten, die Jahr für Jahr mit ersten literarischen Werken in den Verlagsprogrammen auftauchen, sind durch dieses Nadelöhr gegangen. Es hat sich ein vielfältiges Netzwerk für junge Literatur herausgebildet, die diese beiden Institutionen als Zentrum haben. Wenn neue Autoren in Erscheinung treten, steht in ihrer Kurzbiographie mittlerweile meistens als Studienort „Leipzig“ und „Hildesheim“, als Wohnort dann anschließend Berlin – jedes Jahr aufs Neue zu überprüfen in den wichtigsten Sichtungswettbewerben, etwa dem Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt oder dem „Open Mike“ in Berlin.

In derlei Studiengängen, denen mittlerweile diverse Angebote „kreativen Schreibens“ beigesellt sind, können wichtige Grundlagen gelegt werden: das Erlernen des Handwerks, die Diskussion über Formen und Möglichkeiten des Schreibens. Technisch sind viele Debütanten dadurch bereits auf einem hohen Niveau. Es existiert aber auch die Gefahr eine gewissen Austauschbarkeit, da sich die Biografien vieler junger Schriftsteller mittlerweile verblüffend ähneln. Der Erfahrungshintergrund ist oft gleich, da das Einschlagen des Berufswegs „Schriftsteller“ andere Lebenswirklichkeiten und Tätigkeiten an den Rand drängt. Durch die vielfältigen Netzwerke hat sich im literarischen Leben fast schon eine Art selbstreferenzielles System herausgebildet. Die Gefahr der Sterilität neuer literarischer Texte und die vielen Möglichkeiten, neue Schreibweisen zu erkunden, halten sich letzten Endes die Waage.

Serienprodukte und Perlen

Wie normierend Schreibschulen wirken können, zeigte sich ein paar Jahre lang an einer bestimmten Schreibweise, die von der Rezeption der Short-Stories von Raymond Carver ausging. Das wirkte im Anschluss an die die Erfolge Judith Hermanns und Ingo Schulzes in Deutschland längere Zeit hegemonial. Das Unnötige weglassen, kurze Sätze ausschließlich im Präsens bilden, die die Gegenwart hautnah abzubilden scheinen, Beschränkung des Satzbaus und der Tempi: solche stilbildenden Maßnahmen lassen sich am ehesten erlernen, da kann man wenigsten falsch machen.

Daneben wechselten sich im Lauf der Jahre die Moden in fliegendem Wechsel ab: die neue deutsche „Popliteratur“, die in den neunziger Jahren ihren Höhepunkt hatte, flaute nach dem 11. September 2001 langsam wieder ab, mittlerweile ist sie fast nur noch durch Markenartikel wie Rainald Goetz und Christian Kracht präsent. Der großangelegte Familienroman über mehrere Generationen, der in Reaktion auf die unmittelbare Gegenwartsversessenheit des Pop und der Präsens-Texte mehrere Jahre lang das Feld beherrschte (etwa bei Arno Geiger, Julia Franck oder Eugen Ruge), ist jetzt auch schon wieder verebbt. Im Vordergrund stehen jetzt zunehmend politische Reflexionen, das aktuelle Krisenbewusstsein, das Gefühl der Perspektivlosigkeit im enthemmten Finanzkapitalismus.

Eine Literaturhervorsage

Das führt zu komplexeren neuen Formen, die ein durchaus spannendes Bild der deutschen Gegenwartsliteratur vermitteln. Es fällt schwer, im jeweiligen Saison-Hype, in dem jedes Jahr neue großen Schriftsteller ausgerufen und meist bald danach wieder vergessen werden, Autoren zu nennen, die man auch in Zukunft noch kennen wird – erst mit einem Werk von drei, vier Büchern werden ja langsam Konturen einer eigenen Handschrift erkennbar. Dennoch sei auf einige vielversprechende neue jüngere Namen hingewiesen.

2011 erschien bei Suhrkamp der Roman „Junge“ von Sebastian Polmans, ein formal sehr eigenständiges Debüt auf hohem ästhetischen Niveau, das aus der Perspektive eines Jungen die gesellschaftlichen Veränderungen in Dorf und Familie scharf beleuchtet.
Philipp Schönthaler liest aus „Nach oben ist das Leben offen“

Philipp Schönthaler entwickelt in seinen Erzählungen „Nach oben ist das Leben offen“ (2012) und dem Roman „Das Schiff, das singend zieht auf seiner Bahn“ (2013) einen packenden Dokumentarstil, der die Redeordnungen und Kommunikationsriten in bestimmten sozialen Sphären suggestiv darstellt und gekonnt zwischen Kritik, Ironie und genauer Darstellung changiert.

Jan Brandt zeigt in seinem voluminösen Roman „Gegen die Welt“ (2011), ausgehend vom Schicksal einer Drogistenfamilie in Ostfriesland, in nach allen Seiten hin offenen Sprachformen den Einbruch der Globalisierung in die Provinz. Leif Randt gelingt es in seinem Pseudo-Science-Fiction „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ (2011) in einem coolen, unaufgeregten, zeitgemäßen Ton die scheinbare Zeitlosigkeit in der westlichen Hedonismusgesellschaft aufzurauhen und mit unheimlichen neuen Signalen zu zersetzen. Thomas Klupp höhlt in seinem Roman „Paradiso“ (2009) die vermeintliche Coolness und Wohlstands-Selbstgefälligkeit seiner Hauptfigur von innen her aus. Jonas Lüscher beschreibt in seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ (2013) eine unerhörte Begegenheit, in der Life-Style-Trendsetter aus der Finanzwelt mit der ausgebeuteten „Dritten Welt“ zusammenprallen.
Monika Zeiner liest aus „Die Ordnung der Sterne über Como“

Und Monika Zeiner schreibt in ihrem Debüt „Die Ordnung der Sterne über Como“ (2013) wunderbare lange Sätze, die in ihrer Nebensatzverliebtheit von fern an Thomas Mann oder Heimito von Doderer erinnern, und konfrontiert damit die Szenerie einer sinnsuchenden Künstlerbohème im zeitgenössischen Berlin mit zeitlosen Sehnsüchten.

Diese Beispiele zeigen, dass im Moment viele verschiedene literarische Formen gleichzeitig möglich sind, dass es keinen dominanten Einheitsstil mehr gibt. Das ist vielleicht eine Reaktion auf das Gefühl einer allgemeinen Unsicherheit: vertraute und selbstverständliche Anhaltspunkte scheinen zu schwinden. Für die Literatur allerdings bietet das ungeahnte neue Möglichkeiten.