Mode in der DDR und in der VR Polen Kleidung und Politik

Ausschnitt aus dem Buchcover der polnischen Ausgabe von „Steinland“ von Bernhard Jaumann
Ausschnitt aus dem Buchcover der polnischen Ausgabe von „Steinland“ von Bernhard Jaumann | © słowo/obraz terytoria

Kann die Mode ein Instrument zur Kontrolle einer Gesellschaft sein? Kann der Schnitt einer Hose eine Revolution auslösen? Wie kann man gegen die Mode ankämpfen und wie sich ihrer bedienen? Anna Pelka schreibt in ihrem Buch Z [politycznym] fasonem. Moda młodzieżowa w PRL i NRD über die verblüffend engen Zusammenhänge zwischen Mode und Politik sowie über die wichtige Rolle, die die Mode – unabhängig von bestimmten Epochen – in unserem Alltag spielt.

„Rekord“-Jeans, die kurzen Fellmäntel der polnischen Olympiamannschaft und Op-Art-inspirierte Kleider mit grafischen Mustern. Parteifunktionäre, die auf Kongressen die künftige Jugendmode festlegten, und widerspenstige Designer, die den „Street Style“ der Volksrepublik Polen prägten. Die einheimische Bekleidungsproduktion und die Schlangen, die sich vor den Geschäften bildeten, wenn es Kleider der Designerin Barbara Hoff zu kaufen gab. Die Geschichte der polnischen Mode ist das Ergebnis unterschiedlicher Faktoren: politischer Vorgaben, technologischer Einschränkungen und den – oft widerspenstigen – künstlerischen Visionen der Designer.

Vorreiterrolle in Sachen Mode

Anna Pelka bringt diese Zusammenhänge dem heutigen Leser näher und liefert eine umfassende Analyse der Geschichte der Mode in der DDR und in Polen. Die Autorin studierte Kunstgeschichte an der Universität Warschau und habilitierte an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Anhand von zahlreichen historischen Quellen und Interviews mit Zeitzeugen zeichnet sie ein vieldimensionales Bild der polnischen und ostdeutschen Modewirklichkeit der 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Sie beschreibt die Veränderungen in der Jugendmode vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Veränderungen und verdeutlicht die wechselseitigen Beziehungen zwischen den damals herrschenden Systemen. Z [politycznym] fasonem. Moda młodzieżowa w PRL i NRD präsentiert zahlreiche Glanzpunkte der polnischen Modegeschichte – vor allem aus Sicht der heutigen Zeit, in der wir uns gerne an das Design der 50-er und 60er-Jahre zurückerinnern. Leider mangelt es dem Buch ein wenig an essayistischer Leichtigkeit, es ist etwas zu trocken und wissenschaftlich geschrieben, um den Leser wirklich in Atem zu halten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Autorin eine lesenswerte Darstellung der interessanten, voller Paradoxien und Absurditäten steckenden Geschichte des polnischen Designs und dessen Beziehungen zur Mode des „ostdeutschen Brudervolks“ liefert.

Auch wenn es aus heutiger Perspektive verblüffend klingen mag: Polen spielte vor 1989 eine Vorreiterrolle in Sachen Mode. Das polnische Design war für die DDR eine Quelle der Inspiration und ein Fenster in die Welt der westlichen Mode. Auch wenn das politische System in beiden Ländern das gleiche war, hatte die ostdeutsche Jugend mehr unter den Schikanen der Staatsmacht zu leiden – und ostdeutsche Designer waren stärker der Zensur unterworfen als ihre polnischen Kollegen.

Attraktives Exportgut

Die Unterschiede zwischen der polnischen und ostdeutschen Mode resultierten zum großen Teil daraus, dass die polnischen Machthaber in der einheimischen künstlerischen Produktion – darunter auch in der Mode und im Design – ein attraktives Exportgut erkannten, das sich positiv auf das Image der Volksrepublik Polen im Ausland auswirkte. „Die polnische Kunst und die Wertschätzung, die sie im Ausland erfuhr, war ein Teil der politischen Strategie“, schreibt Anna Pelka in ihrem Buch. Die Designer nutzten diese relative künstlerische Freiheit: Sie nahmen nicht nur alljährlich an Designerkongressen im Ostblock teil, sondern fuhren auch regelmäßig in den Westen, zum Beispiel zu Modenschauen in Paris, um sich Inspirationen zu holen.

Darin lag übrigens ein wesentlicher Unterschied zwischen polnischen und ostdeutschen Designern. Pelka zitiert einen Beobachter der Modewelt jener Zeit mit den Worten: „Die Deutschen hatten einen besseren Standard, eine gute Verarbeitung, bessere Rohmaterialien, aber sie hatten keine Phantasie“ und fügt hinzu: „Das deutsche Design war streng rational. Die Designer verwendeten neue, uns unbekannte Materialien und Technologien. Aber es mangelte ihnen an Vorstellungskraft.“

Außerdem erklärt die Autorin, dass die Unterschiede zwischen der polnischen und ostdeutschen Mode auch in der unterschiedlichen Mentalität begründet lagen. Sie betont, dass die Polen seit jeher ein kritisches Verhältnis zu von oben vorgegebenen Normen hatten.

Wenn man Anna Pelkas Buch liest, kann man sich an manchen Stellen kaum des Eindrucks erwehren, dass die politische Transformation, die Expansion westlicher Marken und die Begeisterung über die Segnungen des freien Marktes in Wirklichkeit unsere Kreativität erstickten. Erst heute, 25 Jahre später, beginnen wir allmählich wieder, nach alternativen Ausdrucksformen zu suchen, und die jungen Designer entwickeln ihre Ideen wie niemals zuvor. Interessanterweise erreichte uns dieser „Trend zur Mode“ vor allem aus Deutschland: Vor zehn Jahren waren die Berliner Boutiquen für junge Polen, die nach modischer Originalität strebten, gewissermaßen Oasen der Avantgarde. Sie boten interessante, unverwechselbare, moderne und gleichzeitig erschwingliche Designs, die sich eher am Stil der Straße als an roten Teppichen orientierten. Inzwischen ist auch die polnische Modeszene wieder zum Leben erwacht.
 

Z [politycznym] fasonem. Moda młodzieżowa w PRL i NRD.

Autorin: Anna Pelka
Verlag: słowo/obraz terytoria
ISBN 978-83-7453-221-1