Wolfgang Herrndorf Ein Bildungs-Roadmovie

Buchcover des Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf
Buchcover des Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf | Quelle: youtube.com; Literaturfilm

Zwei Jugendliche – zwei harmlose Rabauken auf Urlaub – fahren mit einem alten Lada über die Autobahn. Wonach suchen sie? Wohin wollen sie?

Tschik ist ein wunderbarer Schmöker, eine Mischung aus Bildungsroman und Roadmovie. Wolfgang Herrndorf erzählt seine Geschichte mit Leichtigkeit, Witz und Intelligenz. Darüber hinaus hat das Buch lebendige Dialoge und wird keinen Moment langweilig. Klingt nach der idealen Urlaubslektüre? Stimmt – umso mehr, als die Handlung des Romans in den ersten Ferientagen spielt.

Eine Reise ohne Landkarte

Maik Klingenberg ist 14 Jahre alt und stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus in Berlin-Hellersdorf. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sie fährt regelmäßig auf eine „Schönheitsfarm“, soll heißen: in eine Entzugsklinik. Sein Vater ist oft auf Dienstreise, meistens mit seiner jungen Assistentin Mona. Maik geht in die achte Klasse, gemeinsam mit Tschik, einem russischen Aussiedler mit Schlitzaugen, der noch nicht lange in Deutschland lebt. Tschik schläft oft im Unterricht und riecht nach Alkohol. In der Klasse geht das Gerücht um, er gehöre zur russischen Mafia.

Maik und Tschik gelten in ihrer Klasse als Außenseiter, sie haben keine Freunde und werden auch nicht zum Geburtstag von Tatjana, des hübschesten Mädchens in der Klasse, eingeladen. Kurz gesagt: Ihre Situation könnte schlimmer nicht sein, jedenfalls kommt es den beiden so vor. Als Tschik eines Tages Maik vorschlägt, gemeinsam in einem alten Lada in die Wallachei zu fahren (ohne genau zu wissen, wo die eigentlich liegt), zögert Maik nicht lange. Ohne Landkarte und ohne Führerschein machen sie sich auf in Richtung Süden, jedenfalls so ungefähr. Ihre Reise führt sie über Autobahnen, an Bergen entlang und durch Weizenfelder.

Sowohl für Maik als auch für Tschik ist der Ausflug eine willkommene Gelegenheit, den ihnen aufgezwungenen Rollen – eines armen, ständig betrunkenen Immigranten und eines vernachlässigten Kindes reicher Eltern – zu entfliehen. Wie es sich für einen echten Roadmovie gehört, begegnen die Helden auf ihrem Weg zahlreichen exzentrischen Figuren, unter anderem einer gastfreundlichen und quizbegeisterten Öko-Familie, einer BMW-fahrenden Sprachtherapeutin und einem alten Mann, der mit einem Luftgewehr in der Hand über die Liebe schwadroniert. Es fehlt auch nicht an Verfolgungsjagden, Polizeiverhören, angeschlagenen Köpfen, gebrochenen Beinen und sich überschlagenden Autos.
Wolfgang Herrndorf liest aus „Tschick“

Ein Bildungsroman voller Slapsticks

Bei allem Slapstick steht das Buch doch ganz in der Tradition des Bildungsromans. Wolfgang Herrndorf hat sich dieses gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland entstandenen Genres angenommen und es für heutige Leser zugänglich gemacht. Wir haben also eine nostalgische aber zugleich äußerst lebendige Geschichte über das Erwachsenwerden in Deutschland, über eine beginnende Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, die die Beziehung zu ihrer Umwelt und zu ihrer Familie (die im Buch nicht allzu gut wegkommt), neu definieren. Doch wer jetzt moralinsaure Belehrungen befürchtet, kann beruhigt sein: Anstelle des erhobenen Zeigefingers gibt es in Tschick Ironie und bissigen Witz.

Obwohl die Motive des Reisens und des Erwachsenwerdens alles andere als neu sind, kann man das Buch kaum aus der Hand legen – und das ist wohl die beste Empfehlung, die man aussprechen kann.

Das Buch stand nach seinem Erscheinen im Jahr 2010 zwölf Monate lang auf der Bestsellerliste. Sein Autor wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Clemens-Brentano-Preis und dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet.

Tschik-Lesung(en) in Żoliborz

Der siebte literarische Spaziergang Czytamy gdzie indziej wird am 7. Juni 2014 im Warschauer Stadtteil Żoliborz stattfinden. Schauspieler und Schauspielerinnen (unter anderem Agata Buzek, Łukasz Lewandowski und Andrzej Mastalerz) werden Bücher in Privatwohnungen und Künstlerateliers, in einem Reitladen und einer Yoga-Schule vorlesen. Auf dem Programm stehen Bücher aus zwölf Ländern aus Europa (europäische Route) und dem Nahen Osten (arabische Route). Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick wird im Studio Suffit an der Ul. Suzina 8 im Rahmen der Nachmittagsroute (von 14 bis 17 Uhr) präsentiert. Karten mit den entsprechenden Routen werden am Informationspunkt der Veranstaltung im Café Fawory an der Ul. Mickiewicza 21 angeboten.

Tschick

Wolfgang Herrndorf
ISBN 978-3-87134-710-8
Verlag: Rowohlt Berlin