Stella Zu Tode perfekt

Filmstill aus „Stella“
© Camino Filmverleih, Pressematerialien

In erster Linie handelt Sanna Lenkens Film Stella von Magersucht und Bulimie. Doch das Geschehen im Hintergrund ist nicht weniger beunruhigend - obwohl es sich in einer scheinbar ganz intakten Familie abspielt.

Stellas ältere Schwester Katja (Amy Diamond) ist perfekt. Wunderschön, schlank und äußerst talentiert: Neben der Schule geht sie mehrmals in der Woche zum Eiskunstlauftraining, und alles deutet darauf hin, dass ihr eine Karriere im Leistungssport offensteht. Im Vergleich dazu ist Stella (Rebecka Josephson) ein hässliches Entlein: ein wenig pummelig und alles andere als elegant. Kein Wunder, dass sich Stellas Verhältnis zu ihrer älteren Schwester am besten als Hassliebe beschrieben lässt: Einerseits himmelt sie Katja geradezu an, hängt an jedem Wort, das von ihren Lippen kommt, und versucht ihr sportlich nachzueifern, doch andererseits platzt sie geradezu vor Eifersucht. Nicht nur in Bezug auf Katjas Aussehen und ihr Talent, sondern auf ihr gesamtes Leben. Auch – und vielleicht vor allem – auf ihren gut aussehenden Eiskunstlauftrainer.

 

Wie man völlig verschwindet

Auf den ersten Blick mögen Katjas Essstörungen als eine Begleiterscheinung ihrer sportlichen Karriere erscheinen. Schließlich gibt es viele Tätigkeiten, bei denen das Gewicht über Sieg oder Niederlage entscheidet (um nur Ballett oder Bergsteigen zu nennen), und nicht nur Frauen, sondern auch Männer Gefahr laufen, an Magersucht zu erkranken. Doch im Falle Katjas geht es wohl noch um etwas anderes. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine Existenz im „Kraftfeld“ solch intensiver negativer Gefühle mit der Zeit automatisch eine Reaktion hervorrufen muss. Und Katja reagiert. Einerseits setzt sie alles daran, um wortwörtlich zu verschwinden, andererseits verhält sie sich zunehmend aggressiv gegenüber ihrer jüngeren Schwester: Sie wirkt gereizt und schreit sie ohne ersichtlichen Grund an. Es geht Katja schlecht, sogar sehr schlecht, doch sie scheint nicht wirklich zu wissen, warum. Von den „typischen“ Magersüchtigen, die systematisch hungern und jeden Gewichtsverlust in speziellen Tabellen festhalten, unterscheidet sie vor allem, dass sie sich wehrt. Ihre Krankheit ist nicht nur Ausdruck eines Strebens nach körperlicher Perfektion, sondern eine Reaktion auf die erdrückende Atmosphäre ihres Zuhauses. Dabei ist Katjas Familie – das muss betont werden – alles andere als zerrüttet. Die Eltern der beiden Mädchen sind zwar beruflich stark eingebunden, doch sie legen durchaus Wert auf gemeinsame Familienaktivitäten, wie das gemeinsame Abendessen und Geburtstagsfeiern in einem guten Restaurant. Sie sind liebevolle Ehepartner und Eltern, die es lediglich versäumt haben, ihren Kindern eine der wichtigsten Fähigkeiten des Erwachsenenlebens zu vermitteln: den Umgang mit negativen Emotionen. Aber kann man ihnen daraus wirklich einen Vorwurf machen?
 

Eine Welt ohne Böses?

Im ersten Moment möchte man entgegnen: Selbstverständlich kann man das! Doch bei näherem Hinsehen kommen Zweifel auf. Während eines Streits zwischen den beiden Mädchen verhalten sich ihre Eltern geradezu vorbildlich: Sie werden nicht laut, lassen den Konflikt nicht eskalieren und versuchen, sowohl mit Katja als auch mit Stelle zu reden. Doch leider wird das Problem dadurch nicht aus der Welt geschafft. Allein durch Gespräche, und seien sie noch so ausführlich und aufrichtig, lässt sich Stellas Eifersucht auf ihre ältere Schwester nicht beseitigen. Dazu braucht es anderer Mittel. Nur welche?

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Aggressionen in der westlichen Kultur tabuisiert werden. Aggressives Verhalten ist mit Repressionen verbunden, es mangelt an gesellschaftlich akzeptierten, insbesondere kulturellen Formen ihres Ausdrucks. Dies betrifft nicht nur Aggressionen, sondern sämtliche negativen Emotionen, wie Wut, Hass, Eifersucht usw. Unsere Gesellschaft steht ihnen hilflos gegenüber, sie besitzt keine Werkzeuge, um ihnen effektiv und intelligent zu begegnen. Interessanterweise betrifft dies nicht nur die Menschen, denen diese Emotionen entgegengebracht werden, sondern auch jene, die sie hegen. Stella beschreibt diesen Zustand sehr eindringlich.

 

Stella (Min lilla syster)

Deutschland/ Schweden 2015
Regie: Sanna Lenken
Verleih: Camino Filmverleih (in Polen: Vivarto)
Polnische Premiere: 23. Oktober 2015