Jacek Sienkiewicz Psychedelisch, futuristisch, menschlich

Plattencover„Wagner – zwei Abhandlungen“, Grafik: Artur Oleś
Plattencover„Wagner – zwei Abhandlungen“, Grafik: Artur Oleś | © Recognition Records 2013

DJ, Komponist und Musikproduzent Jacek Sienkiewicz erzählt über die neue Platte Wagner – zwei Abhandlungen, seine elektronische „Soul Musik“ und die polnische Musikszene.

Was waren deine ersten Gedanken, als das Projekt einer Platte zum 200. Geburtstag von Richard Wagner entstand? Die ersten Assoziationen, die ersten Ideen?

Jacek Sienkiewicz: Der erste Gedanke war selbstverständlich: „Das ist eine verdammt ernste Sache!“. Bevor mir der nächste Gedanke in den Kopf kam, musste ich mich erst einmal ein paar Tage mit Wagners Musik und ihren diversen Interpretationen beschäftigen.

Letztendlich habe ich mich dazu entschieden, das Thema mit einer gewissen Distanz zu behandeln – eine klassische Neuinterpretation kam für mich nicht infrage, ebenso wenig wie die Verwendung von Originalaufnahmen, wie es zum Beispiel Moritz von Oswald mit den Werken Ravels getan hat …

Also blieb mir nur übrig, ein Stück zu schreiben, in dem es mehr um die Emotionen geht, die der wagnerschen Musik zugrunde liegen, der besonderen Atmosphäre seiner Werke und auch der Atmosphäre bestimmter Konzertsäle. Ich habe mich vom Geist dieser besonderen „Kultstätten“ inspirieren lassen und von den nicht selten extremen Emotionen, die in ihnen entfesselt werden: Nachdenklichkeit, Trauer, Niedergeschlagenheit, Verlust, aber auch Hoffnung, Liebe …

Ist die sogenannte „Ernste Musik“ für dich eine wichtige Quelle der Inspiration? Denkst du, dass Künstler aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik zumindest ansatzweise mit der klassischen Tradition vertraut sein sollten? Kann man Musik machen, ohne jemals etwas von Bach oder Mozart gehört zu haben?

Es heißt nicht umsonst „Klassische Musik“ – ich denke schon, dass jeder die wichtigsten Werke kennen sollte, und dass viele Menschen – bewusst oder unbewusst – eine Menge mit ihnen verbinden. Die Pop-Musik ist jedoch der beste Beweis dafür, dass es auch ohne Kenntnisse der klassischen Musik möglich ist, Songs zu schreiben (lacht).

E-Musik begleitet uns in gewissem Sinne unser ganzes Leben lang, ob wir es nun bemerken oder nicht. Ich höre sie in unterschiedlichen Phasen meines Lebens mal mehr und mal weniger … aber doch kontinuierlich. Ich bin ein geradezu fanatischer Fan des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi, dessen Musik ich sehr oft höre. Wenn es um polnische Komponisten geht, sind Penderecki und Lutosławski sicherlich am wichtigsten, aber am liebsten höre ich immer noch Górecki …

Im Zusammenhang mit dem Projekt habe ich mich auch eingehender mit Wagners sehr bewegter Lebensgeschichte beschäftigt, die mir bis dahin nur in groben Zügen bekannt war, und mich aufs Neue – und in einigen Fällen auch zum ersten Mal – von den extremen Emotionen seiner Musik überwältigen zu lassen. Diese mehrstündigen Hörsessions waren unglaublich inspirierend für mich! Am meisten beeindruckt haben mich die unterschiedlichen Interpretationen der wagnerschen Werke, nicht nur in Abhängigkeit von der Zeit, in der sie entstanden, sondern auch vom Ort. Vor allem: die Magie des Bayreuther Festspielhauses!

Wie entstand dein Stück?

Unter Schmerzen, wahrscheinlich habe ich das Leiden des Komponisten irgendwie kanalisiert (lacht). Anfangs sollte das Stück überhaupt keinen Rhythmus haben – ich habe also zuerst die Streicherpassagen unter anderem aufgenommen und sie mit Overdubs und Nachhalleffekten versehen. Es entstanden sehr, sehr viele unterschiedliche Versionen, vielleicht kann ich sie irgendwann einmal veröffentlichen? Vielleicht werden sie zum Ausgangspunkt eines neuen Projekts? In der Endphase habe ich mich dann aber doch entschlossen, einen Rhythmus hinzuzufügen, ein wenig als Kontrast zu dem Stück von Uwe … Es ist ein sanfter, warmer, ein wenig geheimnisvoller Rhythmus, der die besondere Atmosphäre des Stücks noch zusätzlich unterstreicht.


Wie kam es, dass du Uwe Schmidt zu dem Projekt eingeladen hast?

Ein Projekt über Wagner in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut – das ging einfach nicht ohne einen Künstler aus Deutschland. Ich habe sofort an Uwe gedacht – er ist ein vielseitiger, äußerst produktiver Künstler, den ich zusätzlich auch noch persönlich kenne. Ich wusste, dass Uwe vor keiner Herausforderung zurückscheut. Es war keine schwierige Entscheidung – ich bin ein großer Fan von ihm, vor einigen Jahren habe ich seine älteren Aufnahmen wiederveröffentlicht, wir kennen uns und sind einander schon an verschiedenen Orten der Welt begegnet.

Was hat dich dazu gebracht, dich für elektronische Musik zu interessieren? Und sie schließlich selbst zu produzieren?

Ich war fasziniert – von der Neuartigkeit und zugleich Ursprünglichkeit dieser Musik. Zu Beginn der 90er-Jahre war es in Polen nicht ganz einfach, an neue Musik heranzukommen. Doch die Explosion der elektronischen Musik war so stark, dass sie sogar in Polen spürbar war. Ich fing also an, nach Berlin zu fahren, um Konzerte oder Clubs zu besuchen und mich in Vinyl-Läden umzusehen … Diese Musik faszinierte mich, weil sie so unmittelbar und zugleich geheimnisvoll war, sie war modern – psychedelisch und futuristisch – aber auch sehr menschlich. Neue Horizonte, neue Technologien – und mittendrin die menschliche Seele und ihr Hang zur Improvisation. Das hat mich von Anfang an fasziniert.

Wie sah die polnische Musikszene aus, als du angefangen hast, zu produzieren und Konzerte zu geben?

Es war eine sehr kleine Szene, in der jeder jeden kannte. Es gab nur eine einzige Musikrichtung, die von fast allen gespielt wurde, und nur wenige, die versuchten, etwas Neues zu machen oder sich zumindest dem Trend zu entziehen. Wenn man es sich überlegt, hat sich daran bis heute gar nicht so viel geändert – lediglich der Maßstab ist ein anderer.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Elektronische „Soul Musik“? Ich bin kein Musiker im wörtlichen Sinne, ich verwende Klänge eher intuitiv, als ein Material, das es mir erlaubt, Gefühle zu vermitteln, die ich auf andere Weise nicht ausdrücken kann.

Was hat dich dazu bewegt, nach all den Jahren, in denen du lange, sehr komplizierte Stücke geschrieben hast, wieder zu einfacheren Formen zurückzukehren?

Für mich sind diese neuen Formen nur scheinbar einfach – bei näherem Hinsehen entdeckt man mehrere Schichten, kleine Finessen, sich gegenseitig ergänzende Klangebenen … Entgegen dem Anschein ist es eine Musik, zu der man – so hoffe ich zumindest – immer wieder zurückkehren und etwas Neues entdecken kann.

Man sagt von dir, du seist ein Perfektionist – wie lange brauchst du in der Regel, um eine Platte aufzunehmen?

Das sagt man von mir? (lacht) Ja, ich verbringe tatsächlich sehr viel Zeit im Studio, spiele ständig mit Kompositionen, Samples und Klängen herum. Ich habe jede Menge unvollendeter Projekte, bei manchen wäre es vielleicht besser, sie sofort fertigzustellen, andere brauchen einfach eine gewisse Zeit, um zu reifen … Das führt dazu, dass ich Monate oder sogar Jahre für eine Platte brauche. Manchmal würde ich mir auch wünschen, dass es schneller ginge, aber ich kriege es einfach nicht hin. Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an Uwe nehmen – er ist ein echtes Vorbild, wenn es um Arbeitsdisziplin geht!

Was sind deine weiteren Pläne für dieses Jahr?

Meine neue EP für Recognition ist bereits fertig – Nummer 33! Sie wird nächsten Monat erscheinen und ein neues Album ankündigen, das unmittelbar nach den Sommerferien herauskommen soll. Außerdem bastele ich die ganze Zeit an einigen experimentelleren, abstrakteren Stücken – die ersten sollen noch in diesem Jahr erscheinen, darunter auch eine Platte bei dem kleinen, unabhängigen polnischen Label Bocian Records. Die wichtigsten Pläne sind allerdings mit Recognition verbunden!
 

Der 1976 in Warschau geborene Jacek Sienkiewicz ist einer der Pioniere und bekanntesten Vertreter der elektronischen Tanzmusik in Polen. Nachdem er in der ersten Hälfte der 90er-Jahre als DJ gearbeitet hatte, begann er bald darauf, selbst zu produzieren (sein Live-Debüt gab er 1996) und veröffentlichte 1999 auf eigene Kosten seine erste CD „Recognition“. Seitdem hat Sienkiewicz fast 40 Singles sowohl für sein eigenes Label Recognition Records als auch für so renommierte Plattenfirmen wie Klang Elektronik, De:Bug Hartwaren, Trapez und Smallville eingespielt. Zwischen 2002 und 2012 nahm er außerdem vier Alben für das Frankfurter Label Cocoon Records auf. Seit Kurzem arbeitet Sienkiewicz in zwei Richtungen: Seine rhythmischen, an den klassischen Techno angelehnten Stücke unterzeichnet er als Recognition, während er unter seinem eigenen Namen experimentelle Kompositionen veröffentlicht, die eher der modernen klassischen Musik nahestehen.