Im Labyrinth des Schweigens Der erste Schritt

Bildstill aus „Im Labirynth des Schweigens“ © CWP Film Universal Pictures / Heike Ullrich
© CWP Film Universal Pictures / Heike Ullrich

Im Labyrinth des Schweigens ist zweifellos einer der größten deutschen Kinoerfolge der letzten Monate. Ist dieser Erfolg ein Zufall oder die logische Konsequenz einer Strategie, die sowohl auf das einheimische als auch das internationale Kinopublikum ausgerichtet ist?

Deutschland, 1958. Der junge, frisch gebackene Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) wird eines Tages Zeuge einer Auseinandersetzung im Gerichtsgebäude. Der Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) wirft den anderen Staatsanwälten vor, sie würden die Augen vor einem offensichtlichen Verbrechen verschließen. Ein Bekannter Gnielkas hat einen Lehrer als ehemaligen Wärter des Vernichtungslagers Auschwitz erkannt und den Fall den Behörden gemeldet. Doch die Staatsanwaltschaft tut nichts, um den Mann aus seinem Beruf zu entfernen und vor Gericht zu stellen. Die Auseinandersetzung verläuft im Sande: Der frustrierte Gnielka verlässt das Gebäude, und die Staatsanwälte kehren zu ihrer Arbeit zurück. Nur Radmann beginnt, Nachforschungen anzustellen. Zum Teil aus Pflichtgefühl und zum Teil aus Neugierde, denn er hat die Nase voll von den langweiligen Verkehrsdelikten, mit denen er es Tag für Tag zu tun bekommt. Er ahnt nicht, dass er sich schon bald vor Aufregung gar nicht mehr retten kann.
 

 

Die Leinwand als Spiegel

In der filmischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus lassen sich gegenwärtig in Deutschland (neben dem Experimentalfilm und dem Dokumentarfilm) zwei Strömungen ausmachen. Die erste, deren geistige Väter unter anderem Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder sind, konzentriert sich auf das Hier und Jetzt und analysiert die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart. Ein gelungenes Beispiel für diesen Ansatz ist Jan-Ole Gersters bravouröser Debütfilm Oh Boy! (2012). Andere Filmemacher behandeln das Thema – mit nicht minder großem Erfolg – in historischen Ausstattungsfilmen. Einer der interessantesten Vertreter dieser Richtung ist Christian Petzolds Phoenix (2014), der vor allem durch seine intelligenten – sowohl formalen als auch inhaltlichen – Anspielungen an die Filme der Schwarzen Serie zu überzeugen weiß. Verglichen mit Phoenix ist Im Labyrinth des Schweigens ein eher „geradliniger“ Film, der ganz traditionell erzählt wird und ohne formale Tricks, Retrospektiven und Metaebenen auskommt. Dies ist jedoch nicht zwingend ein Nachteil. Insbesondere, wenn es darum geht, das amerikanische Publikum und die Academy of Motion Pictures Arts & Sciences für sich zu gewinnen, ist Einfachheit durchaus ein Vorteil, der Im Labyrinth des Schweigens sogar auf die Shortlist für den Auslands-Oscar brachte. Es ist kein Geheimnis, dass die Academy sich überwiegend aus weißen, männlichen Mitgliedern im fortgeschrittenen Alter zusammensetzt, die sich bei ihren Entscheidungen oft von ihrer Liebe zum Kino ihrer Jugend leiten lassen und Filme bevorzugen, deren Helden in einem ähnlichen Alter sind, wie sie selbst. In der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ wird dies besonders deutlich. 2013 triumphierte dort Liebe von Michael Haneke (in dessen Mittelpunkt ein älteres Ehepaar steht), 2014 La Grande Bellezza – Die große Schönheit von Paolo Sorrentino (der von einem 65. Geburtstag erzählt) und 2015 Ida von Paweł Pawlikowski (ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film, der stark von den Werken Robert Bressons inspiriert ist). Im Labyrinth des Schweigens schaffte es zwar schließlich nicht in die Endauswahl, sorgte jedoch für erhebliche Verwirrung und löste eine Diskussion über die Auswahl der nationalen Kandidaten für die Oscar-Nominierung aus.

Bildstill aus „Im Labirynth des Schweigens“
 

Das Streben nach Glaubwürdigkeit

In erster Linie ergibt sich die Form des Films jedoch aus seinem Inhalt. Sowohl für den deutschen als auch für den ausländischen Zuschauer ist eine Welt, in der selbst ein aufgeweckter Jura-Absolvent noch nie etwas von den Verbrechen von Auschwitz gehört hat, heutzutage kaum noch vorstellbar. Hätten die Macher des Films die Handlung auf eine innovative, formal ausgeklügelte Weise erzählt, hätten viele Zuschauer sie als reine Fiktion abgetan. Die historische Kulisse verleiht dem Film Glaubwürdigkeit. Der Zuschauer wird in eine andere Zeit versetzt, die eigenen Regeln und Gesetzen folgt – in diesem Kontext fällt es ihm leichter, Dinge zu verstehen, die im ersten Moment unmöglich erscheinen. Im Labyrinth des Schweigens ist jedoch nicht nur ein Stück filmische Vergangenheitsbewältigung, sondern auch eine psychologisch glaubhafte Darstellung der Mechanismen, die sich hinter bahnbrechenden, das gesellschaftliche Bewusstsein nachdrücklich verändernden Ereignissen verbergen. Oft werden diese Ereignisse von Personen in Gang gesetzt, die – salopp ausgedrückt – keine Ahnung haben, was sie sich damit einbrocken. Ihre größte Stärke liegt in ihrer Naivität. Johann Radmann handelt keineswegs nur aus hehren, selbstlosen Motiven. Der junge Mann ist ganz offensichtlich ein übereifriger, pedantischer Beamter mit übertriebenem Ehrgeiz und einer Neigung zu zwanghaftem Verhalten. Doch selbst er hätte sicherlich gezögert, den ersten Schritt zu tun, wenn er geahnt hätte, welche weitreichenden, auch persönlichen Konsequenzen dies für sein weiteres Leben haben würde. Auf diese Weise entgeht Im Labyrinth des Schweigens dem Vorwurf, lediglich einen Einzelfall zu schildern, und gewinnt unerwartet eine ebenso aktuelle wie universale Dimension. Ohne Zweifel ist auch dies ein Grund für den großen Erfolg des Films.

Im Labyrinth des Schweigens

Deutschland 2014
Regie: Giulio Ricciarelli
Verleih: Universal Pictures (in Polen: Aurora Films)
Polnische Premiere: 22. Januar 2016