Literatur Schriftsteller und Psychiater. Jakob Hein Berlin

Berliner Tram
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Eigentlich sollte Jakob Hein nur ein Buch für die Reiseführerreihe „Gebrauchsanweisungen“ schreiben. Herauskam ein zärtlich-ironisches Porträt Berlins – und ein gesichertes Auskommen für den Autor

EIN BERLINER HIPSTER

Jakobs Vater, Christoph Hein, ist einer der bedeutenderen deutschen Schriftsteller. Seine Mutter, Christiane Hein, arbeitete als Regisseurin. Und sein Bruder ist Professor der Mathematik. Jakob Hein bezeichnet sich selbst nicht als Schriftsteller, obwohl seine Bibliografie über ein Dutzend Titel umfasst. Er veröffentlicht seit 2001 mit verblüffender Regelmäßigkeit – fast jedes Jahr erscheint ein neues Buch von ihm. Darunter sind Essaysammlungen, Skizzen, humorvolle Kurzgeschichten und auch mehrere Romane.

„Ich bin Psychiater, das ist mein Hauptberuf“, stellt sich Hein vor, der fast gebürtiger Berliner ist.
Nur fast, denn er wurde 1971 in Leipzig geboren und zog im darauffolgenden Jahr mit seiner Familie nach Berlin. Berlin ist nicht nur die Stadt, in der wohnt und arbeitet, sondern auch das Thema eines seiner bekanntesten Bücher, der „Gebrauchsanweisung für Berlin“, das vor Kurzem in einer polnischen Übersetzung mit dem Titel „Berlin. Hipsterska stolica Europy“ erschien.

„Als ich den Titel las, habe ich mich sehr gefreut, dass ich ein Buch über die Hipster-Hauptstadt Europas geschrieben habe“, erklärte Hein lachend im Rahmen einer Lesung im Goethe-Institut in Krakau. „Ich freue mich wirklich, auch wenn ich selbst gar nichts davon wusste. Um ehrlich zu sein, taucht das Wort »Hipster« im Originaltext gar nicht auf. Aber ich habe mich an solche Änderungen gewöhnt. Das Buch hat längst ein Eigenleben entwickelt: Es gibt sogar eine estnische und ich glaube sogar eine thailändische Fassung.“

IN KÖLN WARTET MAN NICHT

Auf die Idee, dass Jakob Hein ein Buch über Berlin schreiben könnte, kamen die Redakteure des Piper Verlags, der schon seit vielen Jahren die erfolgreiche Reihe „Gebrauchsanweisungen“ herausgibt: besondere Reiseführer, die mit leichter Feder geschrieben sind und die ihren Gegenstand mit einem Augenzwinkern und einer Prise Ironie behandeln. Unter den zahlreichen Orten, die in den „Gebrauchsanweisungen“ von unterschiedlichen Autoren beschrieben wurden, finden sich unter anderem Zürich, die Toskana, Barcelona, New York, Israel, Hamburg und sogar Polen (verfasst von Radek Knapp, dem Autor des Romans „Herrn Kukas Empfehlungen“).

Der bereits für sein liebevoll-kritisches Verhältnis zu Berlin bekannte Jakob Hein schien der ideale Autor für dieses Buch zu sein. Seine „Gebrauchsanweisung für Berlin“ ist eine Reise durch eine Stadt der Gerüche – von den unterschiedlichen Senfnoten, die die Wurstbuden umströmen, über den Duft orientalischer Gewürze und Kräuter in den türkisch geprägten Stadtvierteln – und nicht alltäglicher Situationen. Wie zum Beispiel die Geschichte eines Freundes von Jakob Hein, der, wenn er in der S-Bahn kontrolliert wurde, immer wieder denselben Spruch aufsagte: „Ich bin Buddhist, und Sie sind nur eine Illusion.“ Es versteht sich von selbst, dass er schon bald nie wieder eine Fahrkarte lösen musste.

Hein ist jedoch alles andere als ein unkritischer Bewunderer Berlins. Oft zeichnet er ein spöttisch-ironisches Bild der Stadt – zum Beispiel, wenn er über die Neigung der Berliner zum Schimpfen spricht.
„Es ist einfach toll, wenn man ein wenig schimpfen kann. Das macht Spaß“, erklärt Hein und gibt ein Beispiel aus seinem Buch. „Wenn du in Berlin auf den letzten Drücker zum Bus rennst, wartet der Busfahrer mit offener Tür auf dich, in Köln zum Beispiel tut er das nicht. Aber hinterher beschimpft der Berliner Busfahrer den Fahrgast, dass er sich einen Wecker kaufen solle oder dass er mit diesem lahmen Tempo niemals beim Berlin-Marathon mitlaufen könne. Der Fahrgast hört sich das alles an, aber er sitzt im Bus, und in Köln würde er noch an der Haltestelle stehen. Das Schimpfen ist ein Bestandteil der typischen Berliner Höflichkeit. Genau das wollte ich in meinem Buch zeigen, auch wenn es nicht ganz einfach ist, solche Dinge in Worte zu fassen.“

CHAMPAGNER ZUR FLUGHAFEN-ERÖFFNUNG

Jakob Heins „Gebrauchsanweisung für Berlin“ erschien erstmals 2006 und wurde seitdem mehrfach wieder aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Alle paar Jahre muss Hein seinen Text aktualisieren.
„Das Buch kreist seit elf Jahren unter den Lesern. Ich habe den Text zweimal geändert, und wenn in zwei Jahren unserer legendärer Flughafen eröffnet wird, werde ich sicherlich wieder eine neue Fassung schreiben müssen.“

Auf die Frage, ob er daran glaubt, dass der seit vielen Jahren in Bau befindliche Flughafen Berlin Brandenburg wirklich eines Tages den Betrieb aufnehmen wird, antwortet er auf seine eigene Art – mit einer Anekdote:
„Ich habe mit einer Bekannten aus Usbekistan eine Wette abgeschlossen. Wenn der Flughafen bis Ende 2019 eröffnet wird, bringe ich zu Silvester eine Kiste Champagner mit, und wenn nicht, dann bringt sie die Kiste mit. Das muss selbstverständlich echter Champagner sein. Sonst gilt die Wette nicht.“

DIE FLÜCHTLINGE SIND NICHT DAS PROBLEM

Was musste Jakob Hein in seinem Buch über Berlin noch alles ändern?
„In der ersten Fassung von 2006 stand noch, dass die Wohnungen in Berlin sehr günstigen sind. Jetzt gleichen sich die Immobilienpreise allmählich denen in Paris und anderen Großstädten an, obwohl das Gehaltsniveau in Berlin längst nicht so hoch ist wie in Paris oder Mailand. Viele Menschen, die lange in Berlin gelebt haben, ziehen also aus der Stadt, und ihre Wohnungen werden von amerikanischen Filmstars aufgekauft. Das Zentrum wird immer teurer, und an den Stadträndern entstehen soziale Brennpunkte. Es ist noch nicht so wie in Paris, aber die Veränderungen werden langsam spürbar“, erzählt Hein und wird für einen Moment ernst.

Dann erklärt er, dass die Flüchtlinge, die seit einigen Jahren eine wichtige Rolle in der Diskussion über Berlin spielen, nicht das Problem sind. „Wichtiger ist die Wohnungsfrage, aber ich will betonen, dass das nicht die Schuld der syrischen Flüchtlinge ist, denn die haben keinerlei Einfluss auf die Berliner Wohnungspolitik. Das größere Problem ist die beginnende Spaltung und Heterogenisierung der Gesellschaft. Es gibt viele Menschen, die in Berlin leben, aber nicht das Gefühl haben, dazuzugehören.“

Andererseits, erklärt Hein, „hatten wir zum Beispiel diesen schrecklichen terroristischen Anschlag unmittelbar vor Weihnachten. Die Stadt war geschockt, wir waren alle traurig. Aber es auch vollkommen klar, dass sich durch die Schurken, die das verbrochen haben, nichts in dieser Stadt ändern wird. Kein Berliner hatte das verdient. Wir werden die Opfer nicht vergessen, aber das bedeutet nicht, dass wir aufhören, so zu sein, wie wir waren. Es geht einfach nicht, dass wir plötzlich aufhören, Berliner zu sein. Wir bewahren uns auch weiterhin den kritischen Blick auf uns selbst, der es auch mir möglich gemacht hat, ein Buch über diese Stadt zu schreiben.“

DER VERGANGENHEIT LAUSCHEN

Wenn man Heins Geschichten über Berlin lauscht, wird schnell klar, dass es ihm vor allem um die Menschen geht.
„Das ist nur natürlich. Psychiater und Schriftsteller interessieren sich in erster Linie für Menschen“, konstatiert Hein. „Sowohl Psychiater als auch Schriftsteller denken gerne darüber nach, was andere denken. Für mich verbinden sich diese beiden Tätigkeiten miteinander – in beiden Berufen beschäftige ich mich mit Menschen und unterhalte mich viel mit ihnen.“

Eines seiner zahlreichen privaten und beruflichen Interessen ist auch der deutsche Humor, dem Hein sogar ein eigenes Buch gewidmet hat. Daneben hat er mehrere Geschichten für Kinder geschrieben und beschäftigt sich mit Jugendsprache – und zwar nicht nur der heutigen, sondern auch der früherer Generationen. Er hat diesem Thema sogar eine eigene Rubrik auf seiner Internetseite (www.jakobhein.de) gewidmet.

Wird Jakob Hein uns auch weiterhin überraschen?
Bestimmt – und zwar schon bald. Bereits im Herbst soll sein nächstes Buch erscheinen. „Die Handlung spielt vor hundert Jahren und ist völlig anders als alles, was ich bisher geschrieben habe“, verrät Hein vorab.
 
Jakob Hein © Susanne Schleyer Jakob Hein (geb. 1971 in Leipzig) war von 1998 bis 2011 Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Universitätskrankenhaus Charité. Seit 2011 arbeitet er als  Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie. Zum Schreiben kam Jakob Hein durch seine Auftritte im Ostberliner Kaffee Burger; seit 1998 ist er Mitglied der dort angesiedelten „Reformbühne Heim und Welt“. Er hat inzwischen 15 Bücher veröffentlicht.