Jakob Hein - Feuilletonreihe Berliner Balance

Berlin-Neukölln, Graffiti
Berlin-Neukölln, Graffiti | Quelle: flickr.com; Foto © Steffen Geyer, UsualRedAnt.de

Warum Millionen von friedfertigen Müttern, aggressiven Kneipenschlägern, Metalfans und Fußballer einfach so in einer Stadt zusammenleben können – man kann es nicht erklären. Meine Vermutung war immer, dass die Leute einander so wenig leiden können, dass ihre gegenseitige Abneigung sich völlig neutralisiert.

Berlin ist ein täglicher Beweis der These des Philosophen van den Berg, dass wir „beständig eine Lösung der Probleme leben, die für das Denken hoffnungslos unlösbar sind“. Warum Millionen von friedfertigen Müttern, aggressiven Kneipenschlägern, fundamentaler Muslime, missionarischer Christen, enthusiastischer Satanisten und überzeugter Atheisten deutschnationaler Hundebesitzer, Schlagerfans, Metalfans, Fußballer, Wasserballer, Wasserwerfer und Wasserwerferinnen einfach so in einer Stadt zusammenleben können, Tag für Tag, seit Jahren, Jahrzehnten – man kann es nicht erklären oder jeden Erklärungsversuch nach so vielen Worten abbrechen mit dem Eingeständnis, es nicht erklären zu können. Meine Vermutung war immer, dass die Leute einander so wenig leiden können, dass ihre gegenseitige Abneigung sich völlig neutralisiert und es das ist, was die Leute Toleranz nennen.

Berlin lebt von feinjustierten Gleichgewichten, Balancen, die gewahrt bleiben müssen, obwohl sie doch ständigen Veränderungen unterworfen sind. In manchen Vierteln wohnen zu viele junge Leute, dort ist es zu laut, bis die jungen Leute älter werden und leise. Dann wird es irgendwann zu ruhig, das Viertel wirkt unbelebt und braucht wieder junge Leute. Wenn in einer Straße ein einziges Restaurant ist, kommen oft keine Gäste, weil niemand für ein einziges Restaurant ausgeht. Öffnet das zweite Restaurant in Straße, belebt sich das Geschäft, ab drei Restaurants wird die Straße langsam zum Ausgehviertel, aber es kommt der Tag, an dem das zuvielste Restaurant eröffnet und die Läden sich gegenseitig das Geschäft kaputtmachen.

Auf allen politischen Ebenen in Berlin regiert die vollständige Unfähigkeit. Die Verwaltung hat keine Lust zu arbeiten, die Regierung hat keine Lust zu regieren. Die Parteien lieben es in der Opposition der Regierung ihre Fehler vorzuwerfen und ihre Kritik fußt dabei auf breitem Wissen, denn in der Regel können sie dabei einfach auf ihre eigenen Fehler zurückgreifen, die sie in der vergangen Wahlperiode begangen haben. Würde plötzlich ein fähiger Politiker in die Stadt kommen, das Gleichgewicht drohte zu kippen. Um die Auseinandersetzungen um die Flughäfen austragen zu können, ist es einfach notwendig, dass der neue Flughafen jahrelang nicht öffnet, denn so kann der Prozess tatsächlich ausdiskutiert werden. Berlin ist wie die jahrelange Freundin, die immer zu spät kommt. Wenn sie sagt, sie kommt um zehn zum Frühstück vorbei, reicht es, sich den Wecker auf halb elf zu stellen. Anfangs ist man noch früher aufgestanden und hat sich vielleicht sogar noch geärgert, aber heute stellt man sich einfach darauf ein, dass sie eh nie früher erscheint. „Das tut mir leid“, sagt sie dann, wenn sie schließlich angehetzt kommt. „Aber
ich komme ja sonst nie zu spät.“ „Jaja“, sagt man dann, denn warum sollte man was anderes sagen?

Tatsächlich gibt es in Berlin gute politische Rahmenbedingungen für Flüchtlinge. Die Berlinerinnen und Berliner finden es mehrheitlich schlecht, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in Lagern zusammengepfercht werden. Dazu gibt es hier auch viele Kulturen der Welt, so dass für jeden eine Willkommenswelt in seiner oder ihrer Sprache da wäre. Diese öffentliche Freundlichkeit ist aber gepaart mit der größtmöglichen Unfähigkeit, diesen Menschen tatsächlich und dinglich zu helfen. Wäre Berlin so leistungsfähig wie freundlich, nirgendwo sonst in Deutschland suchten Menschen um Aufnahme nach. Doch die Berliner Balance führt dazu, dass die Menschen auch anderswo im Land unterkommen wollen.

Wenn man die Berliner Balance persönlich und dinglich erleben möchte, steht man morgens um 5 Uhr auf und fährt ein paar Stationen mit der S-Bahn. Dort sitzen die fleißigen Frühaufsteher des beginnenden Morgens neben den verbrauchten Feierüberresten der endenden Nacht. Morgens 5.30 ist die Berliner Balance auf ihren Punkt gebracht: Wenn in den Händen der Fahrgäste genauso viele Bierflaschen wie Kaffeebecher sind.